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Interview

08.09.2018

Veronica Ferres: "Pflegekräfte sind total unterbezahlt"

Veronica Ferres und Oliver Stokowski in einer Szene des ZDF-Films „Tod auf Raten“.
Bild: Jan Fehse, dpa

Exklusiv Veronica Ferres spielt im ZDF eine Frau, die sich die Betreuung ihres Mannes in Deutschland nicht leisten kann. Wie sie die Pflege in Deutschland ändern würde.

Sie spielen in „Tod auf Raten“ die Ehefrau eines Mannes, der sein Kurzzeitgedächtnis verloren hat und zu einem Pflegefall geworden ist. Er fällt durch alle Maschen der Gesetze. Auch wenn es eine spezielle Geschichte ist, ist es doch ein topaktuelles Thema…

Veronica Ferres: Es ist vor allem ein sehr persönliches Thema unseres Regisseurs Andreas Arnstedt, er hat dieses Krankheitsbild in seinem eigenen Umfeld erlebt. Deswegen ist er auch so dankbar, dass wir den Film gemacht haben und ich diese Rolle gespielt habe. Er will damit dem Thema eine Außenwirkung geben. Wenn Sie den Film anschauen, sehen Sie: Diese Menschen fallen durchs soziale Netz und keiner kann es aufhalten. Die Frau hat keine andere Möglichkeit, als ihren Mann nach Thailand zu geben.

Denn er wird in Deutschland nicht als Pflegefall eingestuft.

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Ferres: Genau, das passiert nur, wenn Betroffene nicht mehr alleine auf die Toilette gehen oder essen können. Das kann dieser Mann. Aber er läuft halt wirr durch die Straßen und weiß gar nicht, wo und in welcher Zeit er sich befindet. Der ist wie ein Kleinkind, das man beaufsichtigen muss.

Davon gibt es viele tausend Fälle in Deutschland.

Ferres: Ja, das ist ein Missstand, der sich ändern muss.

Annett, die Sie im Film spielen, droht das eigene Haus zu verlieren, sie kann nicht mehr arbeiten, und die Pflegekasse erkennt die Krankheit Ihres Mannes nicht an. Wie konnten Sie sich in diesen Fall hineinfühlen?

Ferres: Dadurch dass Andreas Arnstedt schon vor vielen Jahren bei mir angerufen und gesagt hat: Veronica, ich habe eine Rolle für Sie geschrieben. Ich kannte ihn vorher, abgesehen von zwei Filmen, überhaupt nicht. Aber ich wusste, dass er ein hervorragender, künstlerischer Regisseur ist und fühlte mich sehr geehrt. Über all die Jahre ist aber eine Freundschaft entstanden. So habe ich auch sehr viel über die Geschichte aus seiner Familie erfahren. Ich konnte ihm viele Fragen direkt stellen. Das war gut.

Haben Sie sich mit dem Thema schon eingehender befasst, mit dem Pflegenotstand, dem wir in Deutschland entgegensteuern, ohne dass die Politik ausreichend dagegen etwas unternimmt?

Ferres: Das fängt schon bei der Bezahlung von Pflegern und Krankenschwestern an. Die sind total unterbezahlt. Die Versorgung unserer Eltern, unserer Partner, unserer Liebsten müsste uns mehr wert sein. Ich würde das komplette System der Gesundheits- und Pflegeversorgung neu aufrollen. Pfleger muss ein Beruf sein, der so attraktiv bezahlt sein muss, dass er diejenigen auch ernährt. Das machen ja viele Menschen selbstlos. Mein Vater, der vor drei Jahren starb, und davor auch einige Wochen im Krankenhaus war, hatte auch einige sehr, sehr gute Intensivpfleger. Und wie die sich aufopfern, was die leisten, was die Überstunden machen, um den heute schon bestehenden Personalmangel auszugleichen, das ist unglaublich. Dass bei dieser Belastung auch Fehler passieren, ist doch ganz klar. Wenn ich etwas in diesem Land zu sagen hätte, dann würde ich das Pflegewesen, wie gesagt, auf neue Beine stellen.

Im Durchschnitt verdienen Krankenpfleger 3000 Euro brutto im Monat. Ist das genug?

Ferres: Nein, natürlich nicht. Das sollten die Besten der Besten machen. Die Leute, die ich da kennen- gelernt habe, haben alle eine solche Berufsehre, dass ich die bewundere.

Das Problem in Deutschland ist, dass wir seit Bismarcks Sozialgesetzen auf die ehrenamtliche Arbeit der Bürger setzen. Die professionelle Pflege ist nur eine Ergänzung. Was muss sich ändern?

Ferres: Ich bin mir sicher, dass die wenigsten Politiker hautnah über die aktuell schon missliche Situation Bescheid wissen. Und auch die Bedingungen, Pflegegeld zu bekommen, müssen sich ändern. Da müssen auch die Menschen, die das prüfen, anders geschult werden. Da muss gesagt werden, bei diesem und jenem Krankheitsbild reichen die Kriterien nicht aus. Auch Menschen, die zu Hause bleiben, um Angehörige zu pflegen, sind oft ja in einem finanziellen Dilemma, wenn die Familie beispielsweise auf zwei Einkommen angewiesen ist.

Und dann müssen die Pflegefälle nach Thailand oder nach Osteuropa abgeschoben werden, wo man sich die Pflege eher leisten kann.

Ferres: Das kann es nicht sein. Natürlich gibt es in unserer Gesellschaft einen Altersruck nach oben. Dass wir da nicht im Interesse unserer Generation vorbeugen, ist eigentlich eine Schande. Dass es ein Luxus ist, im Alter gut versorgt zu werden, kann auch nicht sein. Das müsste selbstverständlich sein.

Sie leben mit Ihrem Mann Carsten Maschmeyer in München. Warum gerade hier, im konservativen Bayern und nicht im ungleich hipperen Berlin?

Ferres:Ich bin schon mit 17 Jahren nach München gekommen. Das ist meine zweite Heimat geworden. Ich liebe es, Berlin zu besuchen und auch dort zu arbeiten. Ich komme aber genau so gern wieder nach Bayern zurück. Und das hat nichts mit konservativ und Politik zu tun.

Womit dann?

Ferres: Das hat mit Familie, Freunden und dem Flair zu tun. Und mit Schwabing und seinem künstlerischen Aufbruchsgefühl.

Empfinden Sie Schwabing wirklich noch so romantisch?

Ferres: Absolut.

Haben Sie eigentlich selbst eine Pflegeversicherung?

Ferres: Ich habe eine. Aber die ist lächerlich niedrig.

Was treibt Sie beruflich weiter an?

Ferres: Dass ich das Glück habe, dass ich meinen Beruf nicht als Arbeit empfinde, sondern für mein Hobby und meine Leidenschaft lebe. Ich wollte nie berühmt werden, aber ich wollte immer Geschichten erzählen. Ich habe Theaterwissenschaften studiert, Germanistik, Psychologie. Ich seziere gerne die Psyche der Menschen, ich beobachte sie und gebe sie vor der Kamera wider.

Sie gehören heute zu den prominentesten Schauspielerinnen in Deutschland. War das immer ein Traum?

Ferres: Nein, ich bin eher in die Karriere reingeschlittert. Ich hatte mit 23 Jahren eine Rolle in einem für den Oscar nominierten Film. So hatte ich das Glück, mit Catherine Zeta-Jones in, Katharina die Große’ vor der Kamera zu stehen. Seitdem drehe ich pro Jahr ein bis zwei internationale Kinofilme. Das wird in Deutschland manchmal hoch gebauscht. Ich freue mich, wenn das weitergeht, aber mein Hauptschwerpunkt ist und bleibt privat und beruflich Deutschland.

Aber Sie sind international nach wie vor gut im Geschäft.

Ferres: Ich bin zufrieden. Letztes Jahr eine Hauptrolle an der Seite von Ben Kingsley, dieses Jahr drehte ich mit Helen Mirren und Kiera Knightley, auch Til Schweiger fragte mich für eine kleine, nette Rolle in der amerikanischen Version seines Films „Honig im Kopf“ an. Aber das sind nette Abenteuer, mein Schwerpunkt ist und bleibt das deutsche Kino und Fernsehen.

Sie sind eine Prominente, was manchmal auch lästig sein kann. Wenn Sie ausgehen wollen, wie verkleiden Sie sich, damit Sie nicht erkannt werden?

Ferres: Im Bikini am Strand kann ich mich nicht verkleiden, auch nicht im Hallenbad. Da gehe ich einfach so hin, wie ich bin. Eigentlich verkleide ich mich nur auf dem Münchner Oktoberfest, weil das dort mit dem Autogramme geben manchmal schon fast unerträglich ist. Da habe ich dann unterschiedliche Perücken – eine mit schwarzem Kurzhaar oder eine andere mit roten Locken. Und dann erkennt mich auf der Wiesn keiner.

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