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Alpinismus

07.06.2019

Wahnsinn Mount Everest: „Das hat mit Bergsteigen nichts mehr zu tun“

Mächtig viel Verkehr am Berg: Sportler beim Aufstieg zum Hohen Licht in den Allgäuer Alpen.
Bild: Michael Munkler

Plus Stau auf dem Weg zum Mount Everest, schon mehr als ein Dutzend Tote in diesem Jahr: Der Alpinismus läuft aus dem Ruder. Selbst in Bayern wird es enger.

Man ertappt sich dann doch dabei, wie das Wort „Wahnsinn!“ über die Lippen rutscht. Da ist dieses zarte Männlein, 49, sonnengegerbtes Gesicht. Freundlich in die Kameras lächelnd, nicht weil er überhaupt den Mount Everest bezwungen hat, sondern dies – Achtung! – zum 24. Mal. Weltrekord. Und noch ein Weltrekord hinterher: Die 23. Besteigung hatte Kami Rita vom Volk der Sherpas in Nepal nur sechs Tage zuvor geschafft. Deshalb: Wahnsinn!

24 mal 8848 Meter, macht 212.352 Meter – nur mal so zum Spaß, wobei er natürlich nicht auf null Meter startete, das Basislager liegt ja schon auf 5200 Metern. Aber verrückt ist es trotzdem. Nur für ihn vielleicht nicht. Es ist ja sein Job. Als Bergführer lotst Kami Rita andere Alpinisten auf die Dächer der Welt. Auch auf das Dach der Welt.

Das 24. Mal war am 21. Mai. Drei Tage später meldete die Deutsche Presse-Agentur: „Stau am Mount Everest – fünf Todesfälle in drei Tagen.“ Und wiederum einen Tag später: „Zahl der toten Bergsteiger am Mount Everest steigt auf elf.“

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Es gingen Fotos um die Welt, die aneinandergereihte Bergsteiger im Schnee zeigten, wie an einer Kette gezogen. Hunderte Teilnehmer kommerzieller Expeditionen wollten ein Schönwetter-Fenster in den letzten Mai-Tagen nutzen, um den Gipfel zu erreichen. Tage mit halbwegs beständigem Wetter, das man dafür benötigt, sind dort selten. Wie so oft hatten sich die meisten von Süden her auf den Weg gemacht, also von der nepalesischen Seite.

Als dann eine Todesnachricht nach der anderen eintraf, meldeten sich Experten zu Wort, dass das doch ein „Wahnsinn!“ sei mit dem Drang, einmal im Leben den Mount Everest zu packen, und viele dafür viel zu schlecht vorbereitet seien.

Ist das wirklich so? Nimmt der Alpinismus immer extremere Formen an? Auch in unseren Bergen?

Und auch hier mächtig viel Verkehr am Berg: Hunderte Expeditions-Teilnehmer beim Aufstieg auf den Mount Everest.
Bild: Nirmal Purja/Nimsdai Project Possible/AP, dpa

Die Aufstiege am Mount Everest werden wie Pisten präpariert

Chomolunga nennen ihn die Tibeter: Mutter des Universums. Ein klangvoller Name, verglichen mit dem heute gebräuchlichen. Die höchste Erhebung der Erde ist nach einem britischen Landvermesser benannt: George Everest. Der Berg ist ein Mythos. Gewiss, es gibt formschönere, aber er ist nun mal der höchste. Kritiker bemängeln seit langem, dass Nepal zu viele Genehmigungen für die Besteigung ausgibt. Der Bergtourismus ist eine der wichtigsten Einnahmequellen des armen Landes. Mehrere hundert Berechtigungen sollen es im Jahr allein für den Everest sein. Chinas Behörden erlauben viel seltener den Aufstieg von der tibetischen Seite.

Beide Aufstiege werden von Einheimischen jeden Frühling quasi wie Pisten präpariert. Mit Leitern und Seilen werde eine Art Klettersteig gebaut, erzählt der Südtiroler Bergsteiger Hans Kammerlander, 62, der selbst auf 13 Achttausendern stand, als Erster mit Ski vom Everest abgefahren ist und als einer der besten Expeditionsbergsteiger weltweit gilt. Mit Alpinismus habe das alles nichts mehr zu tun, beklagt er. Er schätzt, dass 80 Prozent der Teilnehmer von kommerziellen Expeditionen eigentlich nicht geeignet sind für eine solche Tour. Aber: Sie haben Geld. Wer teilnehmen will, muss gut und gerne 50.000 bis 60.000 Euro auf den Tisch legen. Zusatzleistungen kommen noch hinzu.

Er ist der höchste Berg der Erde und Schauplatz für zahlreiche Rekorde und Dramen: der Mount Everest.

„Das alles hat mit Bergsteigen nichts mehr zu tun“, sagt auch Udo Zehetleitner aus Burgberg. Der 80-Jährige hat jahrzehntelang die Bergschule Oberallgäu geleitet und war vor allem in den 50er und 60er Jahren selbst extrem unterwegs – auf den damals schwersten Kletterrouten in den Alpen genauso wie weltweit. Zehetleitner macht sich oft so seine Gedanken darüber, wie sich der Alpinismus verändert hat. Und stellt sich Fragen wie: Wer eignet sich eigentlich für einen Achttausender und wer nicht?

In Oberstdorf sitzt ein Experte für solche Expeditionen

Um diese Frage zu beantworten, greifen wir zum Telefon und rufen bei Amical in Oberstdorf an. Das ist derzeit der einzige Veranstalter in Deutschland, der Touren auf den Everest anbietet. Die nächste ist für Mai kommenden Jahres von der tibetischen Seite aus geplant. Firmenchef Dominik Müller ist nicht zu erreichen. Der staatliche Bergführer und erfahrene Expeditionsbergsteiger sei gerade in China, sagt eine freundliche Mitarbeiterin am Telefon. Ob sie weiterhelfen könne? Nein, versichert sie: „Alle Anfragen zum Everest macht der Chef selbst.“

Müller wählt die Teilnehmer der Everest-Expeditionen genau aus. Die sollen mindestens schon einmal Erfahrung auf 6000 oder 7000 Metern gemacht haben und wissen, worauf sie sich einlassen. Veranstalter, denen es nur ums Geschäft geht, nehmen sogar Leute mit, die noch nie Steigeisen an den Füßen hatten.

Warum aber um Himmels willen will man so hoch hinaus? Jürgen Beckmann, Professor für Sportpsychologie an der Technischen Universität München und selbst Alpinist, sieht mehrere Gründe. „Einer der wichtigsten ist wohl das Leistungsmotiv. Man setzt sich ein Ziel und will es erreichen. Schafft man das, sucht man sich größere Ziele.“ Für professionelle Bergsteiger sind die Alpengipfel irgendwann nicht mehr die Herausforderung, an der man sich messen will. „Dann geht’s eben in den Himalaja.“ Schlagworte wie Selbstüberwindung und die Suche nach neuen Herausforderungen seien da sinnstiftend.

Doch im Himalaja sind oft auch Menschen unterwegs, die sich nicht monate- oder gar jahrelang vorbereitet haben. Beckmann spricht gar von Massentourismus und sagt: „Viele wollen etwas erreichen, was da, wo sie herkommen, eben noch keiner so gemacht hat.“ Sie wollen also ein Alleinstellungsmerkmal schaffen und suchen deshalb das Extreme. „Sensation Seeker“ nennt der Psychologe das Phänomen, bei dem das Gehirn nicht genug Stimulation erfährt und deshalb neue Herausforderungen sucht. Frei nach dem Motto: No risk, no fun. „Die Gefahren werden dabei oft ausgeblendet oder kleingeredet. Sie spielen kaum eine Rolle“, erklärt der Professor. Er vergleicht das etwa mit Marathonläufen. Auch dort treten immer wieder Menschen an, die nicht ausreichend trainiert und sich der Strapazen nicht bewusst sind.

Das sind die höchsten Berge der Welt

Extrembergsteiger Luis Stitzinger aus Füssen stand erst kürzlich auf dem Everest. Als Bergführer des österreichischen Veranstalters Furtenbach Adventures erreichte er am 24. Mai den Gipfel mit sieben Teilnehmern. Hinterher erzählte er unserer Redaktion, wie er auf dem Weg nach oben an acht Leichen vorbeigekommen war, sieben davon lagen dort schon seit Jahren (wir berichteten). Seine Gruppe benutzte künstlichen Sauerstoff. Das ist üblich. Nur allerbeste Alpinisten können hohe Achttausender bezwingen. Stitzinger wollte das im Anschluss an die erfolgreiche Besteigung nochmals probieren, aber das Wetter spielte nicht mit.

Seine Frau ist Alix von Melle, 47. Die Füssenerin ist Deutschlands erfolgreichste Höhenbergsteigerin – obwohl sie aus Hamburg stammt. Zig hohe Berge in allen Teilen der Welt hat sie bestiegen, darunter sieben Achttausender – alle, ohne künstlichen Sauerstoff zu benutzen. Alix von Melle hätte bei der jüngsten Expedition ihres Ehemannes mit dabei sein können. Doch sie sagt: „Der Everest ist nicht mein Traumberg.“ Bei ihrem Mann sei das etwas anderes: „Das ist sein Job.“

Künstlichen Sauerstoff zu verwenden lehnt die Extrembergsteigerin ab: „Das ist nicht mein Stil.“ Außerdem ist sie überzeugt, dass der Everest ein Extremfall ist. Es gebe auch andere hohe Berge, die stark frequentiert sind, aber man könne auch ruhigere Touren machen. An der Shisha Pangma beispielsweise, dem einzigen ganz in Tibet gelegenen Achttausender, habe sie bei einer Besteigung überhaupt keine Fixseile gefunden.

Die Bergwacht meldet immer mehr Einsätze in Bayern

Die Höfats im Allgäu ist nicht der Mount Everest und die Trettach auch nicht. Sauerstoff benötigt man dort erst recht nicht. Und doch stellt sich auch im Alpenraum die Frage nach dem Wandel und den Extremen. Das Bergwandern, die einfachste Form des Bergsports, boomt ohnegleichen. Erstaunlich ist: Vor allem junge Leute zieht es ins Gebirge. Da wird dann sogar in Kauf genommen, dass es in vielen Tälern keinen Handy-Empfang gibt.

Bayerns Bergwacht berichtet am Freitag von exakt 8616 Einsätzen im vergangenen Jahr. In 98 Fällen kam sie zu spät oder die Verunglückten starben während der Rettung. Vor allem im Sommer gibt es immer mehr zu tun. Innerhalb von zwölf Jahren hat sich hier die Zahl der Einsätze fast verdoppelt. Auch wegen Bergsteigern, heißt es. Die Experten sagen: Die Fähigkeit, sich selbst und Gefahren einzuschätzen, nehme ab. Im Gegenzug steige die „Hilfsbedürftigkeit“.

Ein weiteres Indiz für den Boom am Berg ist, dass der Deutsche Alpenverein, der 2019 sein 150-jähriges Jubiläum feiert, mit fast 1,3 Millionen Mitgliedern so groß ist wie nie zuvor. Wachstumsrate: um die vier Prozent pro Jahr. Die Bergfreunde zieht es hinaus; es sind so viele, dass beispielsweise ein Hüttenaufenthalt in den Allgäuer Alpen ohne vorherige Anmeldung zumindest an Wochenenden kaum mehr möglich ist. Bergführer Zehetleitner berichtet, dass einige Unterkunftshäuser entlang der E5-Alpenüberquerung Oberstdorf–Meran an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt seien. Das freilich sei längst nicht so ein Problem wie am Mount Everest. Es gebe genug Ausweichrouten, wo man auch noch Bergeinsamkeit erleben könne.

Aber auch in den Alpen gibt es die Publikumsmagneten, die die Bergsteiger in Massen anziehen: Matterhorn, Montblanc, Zugspitze, um nur einige wenige zu nennen. Während die Zahl der Freizeitbergsteiger immer größer wird, giert eine kleine Zahl von extremen Profi-Alpinisten nach immer neuen Rekorden. Beispielsweise der Schweizer Dani Arnold. Die Eiger-Nordwand durchstieg er „free solo“, wie man in der Fachsprache sagt, in weniger als zweieinhalb Stunden, an der Matterhorn-Nordwand hält er mit eindreiviertel Stunden den Rekord.

Am Mount Everest sind solche Zeiten natürlich Utopie. Am Freitag teilt die Tourismusbehörde in Nepal mit, dass gerade eine zwölfköpfige Bergführergruppe von einer einmonatigen Säuberungsaktion im Himalaja zurückgekehrt ist. Im Gepäck: elf Tonnen Müll.

Die Gruppe war unter anderem auch am Mount Everest. Dort entdeckte sie vier neue Leichen.

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