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Kriminalität

22.01.2020

Warum wird man gewalttätig? Ein Straftäter erzählt

Ein Faustschlag oder eine Kopfnuss passiert oft in nur wenigen Sekunden, kann aber schlimme Folgen für Opfer und Täter haben.
Bild: dpa (Symbolbild)

Plus Immer wieder schlagen junge Männer zu. Welche Folgen das haben kann, zeigt die Attacke am Augsburger Königsplatz. Ein Gewalttäter erzählt, warum er zuschlägt.

Stefan B. besucht mit seinen Freunden eine Disco, sie feiern und trinken viel Alkohol. Ein Fremder kommt auf ihn zu und provoziert ihn. Auch wenn der Vorfall schon eine Zeit zurückliegt, kann sich Stefan B. heute noch gut daran erinnern. „Ich war sehr betrunken und konnte nicht mehr klar denken. Irgendwie wollte ich aus dieser Situation raus. Aber mein Stolz und meine Ehre waren größer. Ich hatte Angst, dass meine Freunde denken, ich bin ein Feigling.“ Stefan B. holt aus und schlägt seinem Gegenüber mit der Faust ins Gesicht. Seinem Opfer fügt er eine Schramme zu und demoliert dessen Brille. Stefan B. wird vom Gericht wegen Körperverletzung verurteilt – zum dritten Mal. Es ist bereits wegen zwei Körperverletzungen vorbestraft. „Ich bin jetzt für zwei Jahre und acht Monate auf Bewährung. Wenn ich noch einmal gewalttätig werde, muss ich ins Gefängnis.“

Vorbestrafter: „Wenn ich viel Alkohol trinke, dann kommt dieser Reiz, andere zu schlagen.“

Wenn Stefan B. von seinen Taten erzählt, wirkt er ruhig und zurückhaltend – ganz anders, als man sich vielleicht einen typischen Gewalttäter vorstellt. „Ich bin eigentlich kein aggressiver Mensch“, erzählt der junge Mann. „Aber wenn ich viel Alkohol trinke, dann kommt dieser Reiz, andere zu schlagen.“ Ab einem gewissen Pegel verliere er die Kontrolle über sich. Das bereite ihm Angst. „Ein Faustschlag oder eine Kopfnuss, das sind nur ein paar Sekunden. Aber ich will nicht diese Sekunden dafür verschwenden, dass ich danach im schlimmsten Fall mein halbes Leben im Gefängnis verbringen muss.“ Auch über die Konsequenzen seiner Taten machte er sich in dem Moment, wenn er zuschlägt, bisher keine Gedanken. „Man denkt in dieser Zeit nicht. Dass dem anderen etwas Schlimmes passieren könnte, dass er vielleicht sterben könnte – solche Überlegungen kommen erst später.“ Welche schlimmen Folgen nur ein Schlag haben kann, hat im Dezember der Fall am Königsplatz in Augsburg gezeigt. Ein 49-jähriger Mann war dort getötet worden; den tödlichen Schlag soll ihm ein 17-Jähriger verpasst haben.

Sozialpädagogin Anna Schmollinger vom Verein Brücke e.V. erklärt, was ein Konfrontativer Sozialer Trainingskurs ist.
Video: Maria Heinrich

Stefan B., der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, wurde vom Gericht allerdings nicht nur zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er muss außerdem einen sogenannten „Konfrontativen Sozialen Trainingskurs“ (KST) bei dem Augsburger Verein Brücke besuchen. Sozialpädagogin Anna Schmollinger ist dort Trainerin und erklärt: „Das KST ist ein Gruppenangebot für junge Männer zwischen 16 und 21 Jahren, die mehrfach oder gravierend im Gewaltbereich straffällig geworden sind.“ Der KST enthält Teile aus dem Anti-Aggressionstraining, das Ziel für die Teilnehmer ist klar vorgegeben. „Ganz oben steht natürlich, dass kein Gewaltdelikt mehr passiert“, erklärt die Sozialpädagogin. „Darüber hinaus soll ein Umdenken stattfinden, die Teilnehmer sollen einsichtig werden.“ Zu Kursbeginn versuchen viele der Täter noch, ihre Taten zu rechtfertigen oder sich damit zu brüsten. „Aber am Ende sehen wir, dass viele Männer umdenken und sagen: Wir wollen keine Gewalt mehr in unserem Leben haben.“

Warum wird man gewalttätig? Ein Straftäter erzählt

„Die Straftäter sind keine Monster."

Um das zu erreichen, gibt es im KST zum Beispiel die Methode des sogenannten heißen Stuhls. „Der Teilnehmer, der auf diesem Stuhl sitzt, wird von den anderen mit seiner Tat, den Konsequenzen und seiner Haltung zu Gewalt konfrontiert“, erklärt Anna Schmollinger. Der Mann soll sein Verhalten hinterfragen und an einen Punkt kommen, wo er die Tat nicht mehr relativiert und rechtfertigt, sondern Verantwortung übernimmt. Auch Stefan B. saß schon einmal auf dem heißen Stuhl. „Das war hart, weil man so ausgeliefert war.“

Eines der wichtigsten Ziele ist, dass die Teilnehmer lernen, wie sie aus brenzligen Situationen herauskommen und sich wieder beruhigen. „Da helfen zum Beispiel Atemübungen, einen Schritt zurücktreten und den körperlichen Abstand einhalten, um den kritischen Zeitpunkt frühzeitig zu erkennen, wo es kein Zurück mehr gibt.“ Schmollinger ist im Kurs besonders der Umgang mit den Tätern wichtig. „Die Straftäter sind keine Monster. Im Kurs wird jede Form von Gewalt absolut abgelehnt, nicht aber der Mensch selbst.“

Seit Kursbeginn hat Stefan B. vieles in seinem Leben geändert. „Ich treffe mich nicht mehr mit meinen alten Freunden, trinke nur noch ab und zu, gehe nicht mehr in die Disco.“ Auch wenn er vieles aufgeben muss, schaut er optimistisch in die Zukunft. Doch jeden Tag wird ihm auch bewusst: „Man kann auch in unvorhergesehene Situationen reinrutschen. Und davor habe ich am meisten Angst.“

Lesen Sie zu dem Thema auch: Nach der Attacke in Augsburg: Wie kann ein Schlag tödlich sein?

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