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Medizin

15.03.2019

Wie Kliniken in der Region gegen den Killerkeim kämpfen

Die Intensivpflegekräfte Kathrin Neubauer (links) und Marianne Lorenz versorgen einen schwer kranken und beatmeten Patienten, bei dem ein multiresistenter Keim nachgewiesen wurde.
Bild: Mathias Wild

Plus Viele Patienten fürchten, sich mit multiresistenten Keimen anzustecken. Wie sich Ärzte und Pflegekräfte in Kaufbeuren dagegen wappnen.

Dem Senior um die 80 im Intensivbett 1 geht es nicht gut. Mit einem Darmverschluss und einer Blutvergiftung war er ins Kaufbeurer Krankenhaus eingeliefert worden. Jetzt wird er auf der Intensivstation maschinell beatmet und liegt deswegen im künstlichen Koma. Sein Blut muss zudem gewaschen werden. Zahlreiche Arzneimittelpumpen verabreichen ihm am laufenden Band stabilisierende Medikamente. Zudem muss er alle zwei Stunden umgelagert werden, damit er sich nicht wund liegt.

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Für die Intensivpflegekräfte Marianne Lorenz und Kathrin Neubauer bedeutet das: Am Eingang des Zimmers intensive Händedesinfektion, einen besonderen Einweg-Schutzkittel überziehen, Mundschutz aufsetzen, Handschuhe überstreifen. Sie kämpfen wie Tausende von Pflegekräften und Ärzten an einer schwierigen Front des Gesundheitswesens: Denn der betagte Mann ist von sogenannten multiresistenten Erregern (MRE) befallen. Von Keimen, auf die die meisten Antibiotika nicht mehr ansprechen. Der Erregerstamm ist resistent, die Mittel sind zumeist wirkungslos. Darum sind ganz besondere Hygienemaßnahmen notwendig. Damit das medizinische Personal den Keim nicht auf andere Patienten überträgt. Oder sich gar selbst ansteckt. Aber das ist sozusagen Alltag im Klinikum Kaufbeuren. Und nicht nur dort. „Alle Akutkliniken in ganz Deutschland sind von diesen Keimen betroffen“, sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin. Ein medizinischer Albtraum?

Seit Jahren geistert das reißerische Schlagwort „Killerkeime“ durch viele Medien. Und in der Bevölkerung ist die Angst groß. Die Angst vor Erregern, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Die Angst, kränker aus der Klinik herauszukommen als vor dem Aufenthalt. In Krankenhäusern kommen ja durch die Patienten viele Keime zusammen. Kein Wunder, dass dann Erreger entstehen, die gegen alles mögliche resistent werden. So in etwa lautet die Logik, der viele medizinische Laien folgen. Doch wie so oft ist die Wahrheit viel komplexer.

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Tatsächlich holt sich etwa eine halbe Million Patienten während eines Krankenhausaufenthalts eine Infektion, schätzt das RKI. Allerdings sind es in den meisten Fällen keine multiresistenten Erreger, die in die Körper der Patienten eindringen. Pro Jahren dürften es 29.000 bis 35.000 Fälle sein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat multiresistente Keime unlängst zu einer der größten Gesundheitsgefahren weltweit erklärt.

Joachim Klasen kennt das Problem nur zu gut. Seit 2005 ist er Chefarzt der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Kaufbeurer Klinikum und hat letztlich jeden Tag mit multiresistenten Keimen zu tun. „Sehr verkürzt gesagt“, meint er, „gibt es zwei große Gruppen von multiresistenten Erregern.“ Deren Namen für Laien kaum auszusprechen sind.

Der Chefarzt sagt: „Sie können sich auch an einer Supermarktkasse infizieren“

Der eine ist der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus, kurz MRSA, der bekannteste der multiresistenten Keime. Er kommt fast überall in der Natur vor, etwa in der Erde, aber auch auf der Haut und der Schleimhaut von Tieren und Menschen. „Es ist also keineswegs so, dass das Bakterium in erster Linie in Kliniken auftritt und man sich dort infiziert“, sagt Klasen. Auch in der Natur gebe es viele Stämme des Erregers, die resistent gegen Antibiotika sind. „Sie können sich im Prinzip überall infizieren – auch an einer Supermarktkasse.“

Und Annette Michl-Kormann, leitende Hygienefachkraft am Kaufbeurer Klinikum, kann das mit Zahlen belegen. Im Jahr 2017 gab es in dem Krankenhaus 351 Patienten, bei denen ein multiresistenter Keim nachgewiesen wurde. Wichtig ist hierbei zu wissen: Die meisten waren nur Träger des Keimes, wiesen aber keine Krankheitssymptome wie beispielsweise Wundinfektionen, Hirnhautentzündungen oder Lungenentzündungen auf. Bei 201 dieser 351 Patienten wurde der MRSA nachgewiesen. Aber nur neun dieser Patienten infizierten sich im Laufe des Klinikaufenthaltes mit dem Keim. Die restlichen 192 der Staphylococcus aureus-Träger hatten den Keim bereits in sich, als sie in die Klinik kamen. „Kaufbeuren steht dabei mit nur vier Prozent in der Klinik erworbenen Infektionen übrigens sehr gut da“, erläutert Annette Michl-Kormann. Nimmt man den Durchschnitt der deutschen Krankenhäuser, sind es etwa sieben Prozent.

RKI-Sprecherin Glasmacher ergänzt: „Die Kliniken haben viel getan, um dem MRSA Herr zu werden.“ Und hebt dabei etwa auf die intensivierte Hygiene ab.

Im Intensivbett 1 haben Marianne Lorenz und Kathrin Neubauer den älteren Herrn mit Darmverschluss und Blutvergiftung umgelagert. „Die Schutzmaßnahmen – Kittel, Mundschutz und Handschuhe – sind schon sehr aufwendig“, erläutert Marianne Lorenz. Wie bei anderen Intensivpatienten wird der Zustand des Patienten überwacht: Herzfrequenz, Herzrhythmus, Blutdruck, Atmung. Über- oder unterschreiten diese Parameter bestimmte voreingestellte Grenzen, schlägt das jeweilige Gerät Alarm. Für die verantwortliche Pflegekraft heißt das: Über den Flur der großen Intensivstation mit ihren 20 Betten hetzen, sich komplett mit Kittel, Mundschutz und Handschuhen wappnen, ins Zimmer hineingehen, die Situation bewerten und den Alarm am Gerät deaktivieren. Das kann je nach Patient auch 50 Mal pro Schicht der Fall sein.

„Der Aufwand, die Hygienevorschriften wegen eines multiresistenten Keims einzuhalten, kann somit äußerst umfangreich werden“, sagt die 59-Jährige. Und wie zum Beweis piepst in diesem Moment eines der Messinstrumente. Der Patient hat, obwohl er durch Medikamente tief schläft, einen Hustenanfall bekommen. Der Blutdruck steigt dadurch kurzfristig, das Messgerät schlägt Alarm. Marianne Lorenz drückt auf den Knopf. Der Blutdruck ist ohnehin schon wieder gesunken.

Der Senior im Intensivbett 1 trägt übrigens nicht den MRSA-Keim in sich, sondern aus der zweiten großen Gruppe von multiresistenten Erregern. Das sind – wieder sehr vereinfacht gesagt – in erster Linie bestimmte Darmbakterien. „Und hier liegt auch das Problem“, erläutert Chefarzt Klasen. „Die Keime sind in jedem Menschen. Man kann ja den Darm beim Menschen nicht abschaffen. Und manchmal sind eben auch multiresistente Stämme dieser Keime dabei.“

1500 Infektionen im Jahr sind besonders kritisch

Multiresistent bedeutet dabei, dass viele Antibiotika gegen den Erreger nicht mehr wirken. In den allermeisten Fällen wird dann auf Antibiotika zurückgegriffen, die seltener angewendet werden. Erregerstämme, bei denen alle Antibiotika versagen, sind dagegen extrem selten. Das Robert-Koch-Institut spricht von 1500 Infektionen im Jahr.

Die Frage, die viele Menschen umtreibt aber ist, woher diese Resistenzen überhaupt kommen. Wer das verstehen will, muss einen Blick in die Medizingeschichte werfen: Vor dem Einsatz des ersten Antibiotikums Penicillin ab Ende der 1930er Jahre endeten Infektionen nicht selten tödlich. Später wurden immer neue Antibiotika entwickelt. Man verteilte die Medikamente großzügig in zwei Bereichen: Einerseits in der Behandlung von Menschen. Aber auch in der Massentierhaltung, um die Tiere vor Infektionen eben durch diese Massentierhaltung zu schützen. Antibiotika wurden dort geradezu inflationär verwendet. Und so war es kein Wunder, dass sich angesichts der raschen Vermehrung von Bakterien genetische Mutationen ergeben, die gegen bestimmte Wirkstoffe immun sind. So entstanden Resistenzen – erstmals beschrieben Anfang der 1960er Jahre in Großbritannien. Und sie können jeden Tag immer wieder aufs Neue entstehen. „Fakt ist: Die Neuentwicklung von Antibiotika hält mit der Mutationsrate der Bakterien und den dadurch entstehenden Resistenzen nicht Schritt“, erklärt Chefarzt Klasen.

Sein Kollege Professor Helmut Diepolder, Chefarzt der Abteilung für Gastroenterologie und zugleich oberster Hygienebeauftragter am Kaufbeurer Klinikum, verweist zudem auf den Tourismus als wichtige Keimquelle. „50 bis 70 Prozent der Reiserückkehrer aus Asien sind Keimen besiedelt, viele von ihnen sind multiresistent“, sagt Diepolder. „Indien ist dabei die schlimmste Erregerquelle. Quasi in jeder Pfütze finden sich solche Keime.“ Was dazu kommt: Indien ist heute einer der Hauptproduzenten von Antibiotika auf der Welt. „Dort werden bei der Produktion die Abwässer nach nebenan auf die Wiesen geleitet. So werden die nächsten Resistenzen gezüchtet.“

Tatsächlich aber zeigt der Kampf der Kliniken gegen die Killerkeime zumindest zum Teil Wirkung – in Kaufbeuren wie im Rest Deutschlands: Der MRSA ist auf dem Rückzug. Die andere Gruppe der multiresistenten Erreger dagegen auf dem Vormarsch. Warum das so ist? „Das weiß man nicht genau“, sagt Klasen.

Die Kliniken versuchen jedenfalls durch höchste Hygiene, die Ausbreitung von multiresistenten Erregern einzugrenzen. Zum anderen werden Antibiotika heute insgesamt zurückhaltender eingesetzt. Und außerdem versucht man, so rasch wie möglich festzustellen, ob Patienten einen multiresistenten Keim in sich tragen. Zu den Risikopatienten zählt etwa, wer schon einmal einen multiresistenten Keim hatte, Ferntouristen, Profis aus dem Gesundheitswesen oder der Nutztierhaltung, Dialysepatienten, Patienten mit chronischen Wunden.

Liegt ein Verdacht vor, wird ein Abstrich etwa von der Nasenschleimhaut oder einer anderen betroffenen Körperregion gemacht. Meist besagt das Ergebnis: Der Patient hat die Besiedlung mit dem Keim schon mitgebracht.

In Deutschland gibt es deswegen 2400 Todesfälle pro Jahr

Und dann gibt es einen Teil der Fälle, in denen auch die Ärzte nicht mehr helfen können. „Dass jemand ausschließlich an einem multiresistenten Keim stirbt, ist allerdings äußerst selten“, sagt Chefarzt Klasen. Einer Studie des RKI zufolge gibt es in Deutschland 2400 dieser Todesfälle pro Jahr, europaweit sind es 33.000. Häufig trifft es Patienten, die bereits schwer krank sind.

Was das für die Krankenhäuser bedeutet? Wird sich die Zahl Infektion mit anderen multiresistenten Erregern senken lassen – so wie es zuletzt bei den MRSA-Keimen gelungen ist? „Das steht in den Sternen“, meint Klasen.

Auf der Intensivstation mit ihren 20 Betten herrscht reger Patientenwechsel. Schon der nächste Zugang kann wieder ein Patient mit einem multiresistenten Keim sein.

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