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Sicherheit

04.08.2017

Wieso Bayerns Polizisten bislang auf den Titan-Helm verzichten mussten

Der Titanhelm, der einem Konstanzer Polizisten das Leben rettete, mitsamt Einschussloch.
Bild: Eibner, dpa

Bei der Schießerei in Konstanz hat ein Titan-Helm einen Polizisten wohl vor dem Tod bewahrt. Bayerische Ordnungshüter mussten bislang auf derartigen Kopfschutz verzichten.

Schon das Loch in dem zwei Kilo schweren Helm zeigt eindrucksvoll, mit welcher Wucht die Kugel eingeschlagen sein muss. Mit einem Maschinengewehr vom Typs M16, die Standardwaffe des US-Militärs, hat am Sonntag ein 34-Jähriger vor einer Diskothek in Konstanz um sich geschossen. Einen Türsteher tötete er, drei weitere Personen verletzte er schwer (mehr zur Tat lesen Sie hier ). Einer davon ist der Polizist, der besagten Helm getragen hatte. Ihm rettete der Kopfschutz aus Titan, der seit 2011 zur „großen Amokausstattung“ der Polizei in Baden-Württemberg zählt, das Leben.

In Bayern mussten die Streifenpolizisten bislang ohne derartige Schutzhelme auskommen. Doch das soll sich ändern. 30 Millionen Euro will der Freistaat laut Innenminister Joachim Herrmann noch in diesem Jahr in neue Schutzausrüstung für die Polizei stecken. Hintergrund ist die steigende Gefahr von Terroranschlägen. Nach und nach werden die Beamten in diesen Wochen mit besonders schusssicheren Westen und eben auch Helmen ausgestattet werden.

Konstanz zeigt, wie sinnvoll der Helm für Streifenpolizisten sein kann

Diese, die wie das baden-württembergische Pendant aus Titan bestehen, sollen zwar nicht dem Beschuss durch Kriegswaffen standhalten, zumindest aber dem durch handelsübliche Waffen. „Trotzdem können nicht unerhebliche Verletzungen entstehen“, sagt Rainer Nachtigall, stellvertretender Landesvorsitzender der bayerischen Polizeigewerkschaft. „Der Druck schlägt natürlich durch und wirkt sich auf Kopf, Schädelplatte und Gehirn aus. Stellen Sie sich vor, sie drücken in einen aufgeblasenen Luftballon – da bildet sich dann ja innen auch eine Beule.“

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30 Millionen Euro will der Freistaat laut Innenminister Joachim Herrmann noch in diesem Jahr in eine neue Schutzausrüstung für die Polizei stecken.
Bild: Sven Hoppe, dpa (Archivbild)

Dennoch seien die Folgen natürlich bei weitem nicht so schlimm, wie wenn ein Projektil ungehindert auf einen Kopf trifft. „Was dann passiert, hat man ja bei der Kollegin in München gesehen“, sagt Nachtigall. Bei einer Rangelei im S-Bahnhof Unterföhring hatte Mitte Juni ein offenbar geistig verwirrter 37-Jähriger einem Polizisten die Pistole entrissen und dessen 26 Jahre alten Kollegin in den Kopf geschossen. Die Frau trug lebensbedrohliche Verletzungen davon und liegt seitdem im Koma.

In Konstanz zeigte sich nun, wie sinnvoll ein Helm für die Streifenpolizisten sein kann. „Das Projektil hat den Helm durchschlagen, aber dabei so viel Energie verloren, dass es nicht zu einer lebensgefährlichen Verletzung führte“, sagte Markus Sauter, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Konstanz. Der ballistische Schutzhelm eines österreichischen Spezialherstellers sei extrem splitter- und verformungsfest und schlucke beim Einschlag eines Projektils so viel Energie, dass die Gefahr eines tödlichen Hirntraumas deutlich reduziert werde. Hinzu kommt: Titanhelme verformen sich im Gegensatz zu anderen Materialien nach innen kaum.

In Baden-Württemberg sind 1200 Streifenwagen mit Spezialausrüstung ausgestattet

In Baden-Württemberg wurden seit 2011 rund 1200 Streifenfahrzeuge mit den Spezialausrüstungen ausgestattet, die seither für je zwei Beamte griffbereit im Auto liegen. 3,6 Millionen Euro investierte das Land Baden-Württemberg damals – als eine Reaktion auf den Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009. So geschützt, sollten Streifenpolizisten bei gefährlichen Lagen sofort selbst eingreifen können und nicht erst auf Spezialkräfte warten müssen. Der Helm selbst wurde speziell für Baden-Württemberg entwickelt: Er sollte so sicher wie bislang nur SEK-Helme sein, technisch topaktuell, für verschiedene Kopfgrößen einstellbar und unter 2200 Gramm schwer.

Der leitende Kriminaldirektor Andreas Stenger zeigt den Helm des Polizisten mit dem Einschussloch während einer Pressekonferenz in Konstanz.
Bild: Eibner-Pressefoto, dpa

„Angesichts der Sicherheitslage könnte man schon darüber nachdenken, ob man nicht alle Streifenwagen damit ausstattet“, sagt Ralf Kusterer, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. Bayern will nun genau diesen Weg gehen. In Augsburg wurden beispielsweise bereits Anfang Juli sämtliche Streifenwagen mit der zusätzlichen Ausrüstung bestückt. Zur Grundausstattung der Beamten gehört jetzt eine ärmellose blaue Weste, die man über dem Hemd tragen kann und die Messerstiche oder auch Schüsse aus Pistolen und Maschinenpistolen abhält. Droht ein Beschuss mit schwereren Waffen, lässt sich diese Weste noch durch drei Teile, teilweise bestehend aus Hartkeramik-Platten, ergänzen. Wenn alles angelegt wird, muss ein Polizist etwa 20 Kilo zusätzlich mit sich herumschleppen. mit bmi, jöh

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