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Höchstädt

18.06.2017

Ein halbes Leben im Altenheim

Zufrieden blickt Friedrich Thum hinab auf das Gelände des AWO–Seniorenheims in Höchstädt. Am 5. Juli lebt er genau 40 Jahre in der Einrichtung.

Friedrich Thum zog am 5. Juli 1977 freiwillig in das AWO-Seniorenheim in Höchstädt. Warum er dort glücklich ist und seine alte Heimat Forheim nicht vermisst

Die Tür ist wie immer zwei Mal abgeschlossen. „Das muss sein“, sagt Friedrich Thum und steckt den Schlüssel ins Schloss. Sein Zimmer liegt ganz hinten im Gang, auf der linken Seite. Die Nummer 312 steht groß an der Tür. „Immer schon“, sagt Thum. Seit seinem Einzug am 5. Juli 1977 gehört ihm das Zimmer 312. Seitdem lebt der heute 86-Jährige in dem AWO-Seniorenheim in Höchstädt. Heimleiterin Maria Fischer-Niebler klappt ein altes Zugangsbuch auf und fährt mit dem Finger die kurze Liste entlang. In der Mitte der Seite steht der Name von Friedrich Thum. Die Blätter sind schon leicht vergilbt und die Ecken des Papieres fehlen bereits. „Damals gab es vielleicht drei neue Aufnahmen im Quartal. Jetzt sind es vier bis fünf pro Woche.“ Noch nie lebte ein Bewohner so lange im Höchstädter Seniorenheim. „Er ist eine echte Institution hier“, sagt Fischer-Niebler.

Friedrich Thum kam damals freiwillig her. Wegen einer psychischen Erkrankung wurde er zuvor stationär behandelt. Einen Pflegegrad hatte er bis zu dem Zeitpunkt noch nicht. „Heute ist eine Aufnahme bei uns nur noch mit Pflegegrad möglich“, erklärt Fischer-Niebler. Die hat Thum erst seit März dieses Jahres. Dank eines neues Pflegestärkungsgesetztes werden dauerhaft psychisch Kranke seit Anfang 2017 wieder mehr berücksichtigt. Denn körperlich ist der Rentner so fit wie kaum ein anderer in seinem Alter.

Hinter der Zimmertür von Thum liegt ein knapp 19 Quadratmeter großer Raum. Die einzigen Bilder die an der Wand hängen, zeigen ihn und einige Gäste zu seinem 85. Geburtstag. Ansonsten zieren nur Kalender die kargen weißen Wände. „Er mag es so“, sagt Betreuungsassistentin Laura Schüle. Der 86-Jährige nickt und schlägt die Türen seines dunklen Holzschrankes auf. Zwei große Koffer liegen in den Fächern. Ein bisschen Staub fliegt von der Oberfläche. Thum braucht die Koffer nicht mehr. Höchstens für einen Krankenhausbesuch, meint Schüle. In seine alte Heimat Forheim will er nicht mehr zurück. „Ich fühle mich wohl hier.“ Für ihn ist die Residenz weit mehr als eine Endstation. Seit seinem Einzug sind das Altenheim und die Stadt Höchstädt sein geliebtes Zuhause.

An seine alte Gemeinde Forheim kann er sich nur vage erinnern. „Viele Wälder gab es und es war hügelig“, sagt er. In Höchstädt kennt er sich aus. Er weiß am besten, wo die nächste Apotheke ist, die Supermärkte und in welchem Gebäude der alte Schlecker war. Thum steht von seinem Stuhl auf und zeigt mit dem Finger in die genaue Richtung.

Zwischenzeitlich wandert sein Blick zu der goldenen Armbanduhr. Das Ziffernblatt zeigt 15.30 Uhr an. Es bleibe nicht mehr viel Zeit, erklärt Thum. In einer Stunde steht seine nächste Runde an. Leere Pfandflaschen müssen eingesammelt und in den Keller geräumt werden. Um 7, um halb 11, halb 5 und gegen 19.30 Uhr läuft er dafür durch die gesamte Einrichtung. Außerdem bringt er Bewohner, die im Rollstuhl sitzen, in den Speisesaal. Jeden Morgen. Um sein Tagespensum zu schaffen, steht er früh auf. „Um 4.55 Uhr“, fügt Thum hinzu. Der 86-Jährige redet nicht viel, er ist eher der zurückhaltende Typ. An Freizeitangeboten nimmt er nur selten teil. „Ich muss arbeiten“, erklärt er. Das wissen die Angestellten zu schätzen. Auch für die Heimleitung ist der 86-Jährige nicht mehr wegzudenken. „Er wird gebraucht bei uns“, betont Maria Fischer-Niebler.

Thum sei stets freundlich und pflichtbewusst. „Die wissen, was sie an mir haben“, sagt der Senior stolz und lacht. Heute trägt er ein Shirt in seiner Lieblingsfarbe Hellgrün. Hemden mag er nicht, auch nicht zu besonderen Anlässen. „Ich will mich so zeigen, wie ich bin.“. Jeden Tag liest der Rentner unsere Zeitung. Die Rätselseite hebt er auf und legt sie auf den Nachttisch. „Für Erna“, sagt er und meint damit eine Pflegerin des Hauses. Thum hat seine feste Struktur. Das ist aber auch durchaus positiv zu sehen, findet Fischer-Niebler: „Rituale sind was Schönes. Sie geben Stabilität und Sicherheit.“

Friedrich Thum wirkt glücklich in dem Heim an der Bürgermeister-Reiser-Straße. „Die Bewohner, die von sich aus kommen, sind zufriedener“, sagt Schüle. Das sieht auch die Heimleiterin so: „Wer selber die Einsicht hat, dass es alleine nicht mehr geht, fühlt sich wohler bei uns.“ Sie würde es begrüßen, wenn mehr rüstige Senioren in das Heim kämen. „Das macht das Haus lebendiger.“ Dennoch sei der Aufenthalt auch eine Kostenfrage. Der Eigenanteil liege bei knapp 2200 Euro im Monat – egal, welcher Pflegegrad vorliegt.

Mittlerweile ist später Nachmittag. Mit einem Handschlag und lieben Grinsen verabschiedet sich der 86-jährige Mann. Geschwind läuft er in Richtung Zimmer 312. Die gewaschene Wäsche müsse er in seinen Schrank räumen. Auf dem Weg greift er noch schnell nach der leeren Pfandflasche, die auf einem Tisch herumsteht.

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