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Lauingen

16.02.2021

Nach dem Hauseinsturz in Lauingen fürchtet ein Nachbar um sein Leben

Tagelang war Bahadir Fidan mit seinen Helfern damit beschäftigt, die Trümmer des eingestürzten Stadels zu beseitigen. Teilweise haben sie Mauerteile per Hand abgetragen. Das alte Bauernhaus im Hintergrund stammt aus dem 16. Jahrhundert. Eigentümer Fidan befürchtet, dass auch dieses Gebäude irgendwann zusammenbricht.

Plus Nach dem Einsturz des Stadels in Lauingen fürchten ein Anwohner und der Eigentümer, dass bald das nächste Gebäude zusammenkracht. Doch der Denkmalschutz verhindert den Abriss. Einer fürchtet gar um sein Leben.

Ein Knacken, dann scheppert es laut und der Dachstuhl des alten Stadels in der Lauinger Zenettistraße bricht in sich zusammen. „Es hat einen riesigen Rumms getan“, beschreibt es Bernhard Schmidt. Er wohnt nur ein Haus weiter, ist zu Hause, als sich die Reste des maroden Baus Richtung Boden bewegen. Kurz darauf steht er draußen an der Straße, begutachtet den Schaden, sieht, wie Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst anrücken. Seitdem ist für Schmidt nichts mehr so wie davor.

Es sind gleich mehrere Dinge, die den Mann umtreiben: Da wäre einmal der Schaden, der ihm zufolge an seinem Haus entstanden ist, als der Stadel vor genau zwei Wochen einstürzte. Schmidt zeigt Bilder davon: Balken sind durch das Dach seines Hauses gerauscht und haben mehrere Dachplatten zerstört. Die hat er inzwischen ausgetauscht, damit es nicht reinregnet. Auch schon vor dem Einsturz habe er immer wieder Schäden an seinem Haus festgestellt, weil von dem alten Stadel und dem denkmalgeschützten Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert direkt davor Dachplatten, Dreck und Putz abgefallen seien. Doch den Schaden, den Schmidt dem Einsturz zurechnet, hat das Landratsamt bei der Ortsbegehung nach dem Einsturz nicht erkannt. „Wie kann das sein? Das war doch offensichtlich“, klagt Schmidt, dem die Verzweiflung deutlich anzuhören ist.

Der Nachbar in Lauingen fühlt sich von den Behörden nicht ernst genommen

Laut Landratsamt wurden bei dem Einsturz zwei nebenstehende Gebäude beschädigt. Das von Bernhard Schmidt kommt in dieser Darstellung nicht vor. Sein Haus grenzt in einem Abstand von nicht einmal einem Meter direkt an das alte Bauernhaus an, hinter dem der Stadel steht. Peter Hurler, Pressesprecher des Landratsamts, betont auf Nachfrage erneut, dass Schmidts Haus nicht beschädigt wurde. Das habe das Landratsamt aufgrund der Anfrage unserer Redaktion erneut überprüft. Von außen seien keine Beschädigungen zu erkennen.

Der Lauinger Schmidt fühlt sich von den Behörden nicht ernst genommen. „Keiner hilft einem. Nicht die Stadt, nicht das Landratsamt.“ Man habe ihm geraten, sich einen Anwalt zu nehmen. Denn solche Beschädigungen müssten Geschädigter und Eigentümer klären. Doch dafür fehlt dem Rentner Schmidt, der sich in seiner Freizeit um die streunenden Katzen in Lauingen kümmert und vor einigen Jahren gar ein Katzen-Radio ins Leben gerufen hat, das Geld. Und obwohl sich er und Bahadir Fidan, der Eigentümer des Stadels, nicht immer grün waren, wolle er keinen Ärger: „Ich habe nichts gegen ihn oder seine Familie“, betont Schmidt immer wieder. Er fürchte, dass ihm auch bald das Geld ausgehe, um sich um die Katzen zu kümmern.

Doch ihn treibt noch mehr um. Ein Satz fällt im Gespräch immer wieder: „Ich kann nicht mehr.“ Er sei nervlich am Ende. Denn er stelle immer wieder Schäden an seinem Haus fest, die er dem baufälligen Gebäude nebenan zuschreibt. „Schimmel, Dreck. Wir kriegen hier alles ab.“ Seinen Angaben zufolge bewege sich das Nachbarhaus schon jetzt in Richtung seines Hauses. Schmidt sagt, er habe kein Geld, um sich ständig um die Reparaturen zu kümmern. Und dann noch das: „Wenn das Haus einstürzt, sind wir weg.“ Er habe Todesangst, seine Frau könne kaum noch schlafen. Seiner Meinung nach müsste das 500 Jahre alte Bauernhaus, dessen vordere Mauer seit Jahren mit dicken Holzpfählen abgestützt ist, abgerissen werden.

Bernhard Schmidt vor dem Eingang zu seinem Haus in der Zenettistraße. Er wohnt direkt neben dem baufälligen Gebäude.

Darin sind sich Schmidt und Fidan einig – wenn auch sonst in wenigen Dingen. „Ich würde das ganze Ding sofort wegreißen, aber das ist ein Einzelbaudenkmal. Ich darf nicht“, sagt Fidan. Auch er habe Angst, dass das Haus irgendwann einstürzt. „Dann kann ich Privatinsolvenz anmelden.“

Nun hat Fidan das Grundstück mit dem inzwischen eingestürzten Stadel und dem Bauernhaus erst Ende 2019 bei einer Zwangsvollstreckung gekauft und es Ende 2020 überschrieben bekommen. Er sagt, er wollte mit dem Kauf auch verhindern, dass Investoren von auswärts dort „einfach irgendwas“ hinbauen – etwa Fremdenzimmer. Dass die Gebäude völlig baufällig waren, sei ihm dabei bewusst gewesen. Fidan, der mit seiner Familie gleich um die Ecke wohnt, hat auch schon Pläne, was mit dem Grundstück passieren soll: Neubauwohnungen, Appartements oder ein Wohnhaus für sich und seine Familie könne er sich vorstellen.

Doch all das ist Zukunftsmusik. Derzeit ist der Eigentümer noch mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Beim Treffen mit unserer Redaktion tragen er und drei Helfer in dem Trümmerfeld eine Mauer ab, die auf ein nebenstehendes, bewohntes Haus gefallen war. Fidan ist fassungslos angesichts der rechtlichen Situation: „Wir können die Steine zum Teil per Hand anheben. Der Mörtel hält schon lange nicht mehr.“ Er zeigt auf Risse in der Mauer des Bauernhauses, halb verfaulte Querbalken und leicht schief stehende Mauern. Im Zuge der Abrissarbeiten am Stadel müsse er auch eine Art gemauertes Podest abtragen, das einst als Verbindung zwischen dem Wohnhaus und dem Anbau diente. Fidan schwant Übles: „Das Teil hält das ganze Haus. Wenn wir das abbauen, dauert es Minuten, vielleicht Tage, dann stürzt das nächste Haus ein.“ Versichert sei es nicht. Niemand habe ihm zufolge das Risiko eingehen wollen.

Hauseinsturz in Lauingen: Eigentümer muss Sicherungsmaßnahmen durchführen

An dem Bauernhaus entbrennt wieder einmal die Debatte um den Denkmalschutz. Auf die Frage, wie Eigentümer denkmalgeschützter, jedoch baufälliger Häuser vorgehen sollen, verweist man beim Landratsamt auf den grundgesetzlich festgelegten Grundsatz: Eigentum verpflichtet. „Dies gilt in besonderem Maße auch für Eigentümer von Baudenkmälern. Hier sieht das Denkmalschutzgesetz sogar zusätzlich auch eine Erhaltungspflicht vor, dies musste dem Eigentümer beim Erwerb bekannt gewesen sein. Der Eigentümer hätte von daher Maßnahmen zum Erhalt des Stadels planen, mit den Behörden besprechen und nach erteilter Erlaubnis auch durchführen können. Auf Unzumutbarkeit der Sanierung kann er sich nicht berufen“, so Hurler. Das Landratsamt habe Fidan bereits damit beauftragt, einen Standsicherheitsnachweis von einem qualifizierten Tragwerksplaner erstellen zu lassen. Je nach Ergebnis müssten dann unter Umständen Sicherungsmaßnahmen durchgeführt werden. „Selbstverständlich dürfen zu keinem Zeitpunkt Gefahren von einem Gebäude ausgehen“, erklärt der Landratsamtssprecher.

Es gebe verschiedene Förderprogramme, mit denen Eigentümer von Baudenkmälern unterstützt werden können. Allerdings wird meist nur der sogenannte denkmalpflegerische Mehraufwand bezuschusst. Die Fördergeber, erklärt Hurler, bezahlen also grundsätzlich nicht die Sanierung selbst, sondern bezuschussen den Mehraufwand, den der Eigentümer durch die Denkmaleigenschaft seines sanierungsbedürftigen Gebäudes hat. Wenn die Fördervoraussetzungen erfüllt sind, können Mittel aus staatlichen und kommunalen Fördertöpfen abgerufen werden.

Für Fidan kommt eine Sanierung aktuell jedoch nicht infrage. „Das ist nicht sanierungsfähig“, sagt er. Fest steht also nur eines: Für den Eigentümer wird es teuer. „Ich weiß nicht, was ich noch tun soll“, sagt er mit Blick auf sein Baudenkmal. Und sein Nachbar, Bernhard Schmidt, sorgt sich weiter.

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