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02.06.2016

Rente mit 73 – nein danke

Friseurmeister Heinz Gutekunst ist 74 und arbeitet noch täglich im Salon seiner Tochter in Wertingen. Dennoch hält er eine Rente mit 73 für unrealistisch.

Die neuen Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft schockieren Arbeitnehmer. Was Menschen, die übers Renteneintrittsalter hinaus arbeiten, dazu sagen.

Für Arbeitnehmer war der Wochenend-Aufmacher in unserer Zeitung ein Schock. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hatte ausgerechnet, dass sich die Deutschen möglicherweise langfristig darauf einstellen müssen, erst mit 73 Jahren in Rente gehen zu können. Die Wirtschaftsforscher hatten sich Gedanken darüber gemacht, wie das heutige Rentensystem bezahlbar bleiben kann, auch wenn die Gesellschaft in den kommenden Jahren rapide altert und immer weniger berufstätige Beitragszahler für immer mehr Rentner aufkommen müssen. Ab 2041 würden die Ökonomen des arbeitgebernahen Instituts die Rente mit 73 einführen.

Der Vorschlag stößt selbst bei Arbeitnehmern und Firmenchefs, die gerne über den Rentenbeginn hinaus arbeiten, auf Skepsis. Peter Sprengart etwa war 40 Jahre lang Verkaufsleiter bei der Firma Nosta in Höchstädt. Er ist seit dem vergangenen Jahr Rentner. Der Unterringinger hat allerdings um zwei Jahre verlängert, in denen er die Hälfte seiner vorherigen Zeit weiterarbeitet. „Ich fahre den Motor langsam runter“, sagt Sprengart. Die Arbeit sei für ihn Erfüllung gewesen. „Eine Rente mit 67 ist machbar, eine Rente mit 73 ist nicht machbar“, glaubt der Kesseltaler. Es gebe Berufe, da sei dies überhaupt nicht möglich. „Zeigen Sie mir einen Zimmermann, der bis 73 auf dem Dach ist“, fordert Sprengart auf. Zudem sollen Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben, ihren wohlverdienten Ruhestand genießen können. Männer würden im Durchschnitt etwa 78 Jahre alt, sagt der 65-Jährige. Wer mit 73 in Ruhestand gehe, habe dann im Durchschnitt gerade noch fünf Jahre Zeit, die Rente zu genießen.

Der Wertinger Friseurmeister Heinz Gutekunst ist 74, also ein Jahr über dem jetzt diskutierten Rentenbeginn. Dennoch arbeitet er noch jeden Tag im Friseursalon Gutekunst mit, den jetzt seine Tochter Julia Spatz führt. „Ich habe so jeden Tag das Gefühl, dass ich noch gebraucht werde“, sagt Gutekunst. Dort habe er seinen festen Kundenstamm. Dass Arbeitnehmer bald bis 73 malochen sollen, um das Rentensystem zu finanzieren, hält der Wertinger für unrealistisch. „Es ist doch gar nicht möglich, in der Kohlengrube oder auf dem Bau bis 73 zu arbeiten“, sagt Gutekunst. Im Grunde gehe es bei solchen Vorschlägen darum, die Renten zu kürzen. Wer mit 63 oder 65 in Rente geht, bekomme dann weniger Geld.

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Die Kreisvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Antonie Schiefnetter, ist seit einem Monat in Rente. Die Ziertheimerin schüttelt über die Berechnungen des Kölner Wirtschaftsinstituts nur den Kopf. „Das sind Berechnungen von Theoretikern, die von der gewöhnlichen Arbeitswelt keine Ahnung haben“, sagt die Ziertheimerin. Die Regel-Altersrente beginne heute mit 65 plus. Und jeder sei über die neue Regelung froh, die volle Rente schon mit 63 bekommen zu können, wenn er 45 Versicherungsjahre nachweisen kann. Schiefnetter war Betriebsrätin bei der BSH Hausgeräte in Dillingen. Viele Arbeitnehmer bekämen schon ab 50 Probleme, an den Bändern beim Tempo mitzuhalten. „Viele sagen, ich schaffe das nicht länger.“ Die psychischen Belastungen seien in den vergangenen Jahren ebenfalls höher geworden, hat die Gewerkschafterin festgestellt. Schiefnetter kann sich nicht vorstellen, dass die Mehrzahl der Arbeitnehmer bis 73 durchhalten würde. Im Ruhestand wolle man ja auch noch „ein kleines bisschen Lebensqualität haben“. Der DGB habe einige Vorschläge gemacht, wie das Rentensystem finanzierbar bleibe. So habe sich die Gewerkschaft gegen die Absenkung des Beitragssatzes ausgesprochen. Grundsätzlich, so Schiefnetter, sollten alle, auch die geringfügig Beschäftigten, in die Rentenkasse einzahlen.

Auch der Regionalvorsitzende der Industrie- und Handelskammer im Kreis Dillingen, Peter Lachenmeir, sieht eine Rente mit 73 kritisch. Dies sei eine Rechnung, „die den Menschen außer Acht lässt“. Natürlich gebe es den einen oder anderen, der so lange arbeiten könne. Grundsätzlich sei das Arbeiten bis 73 in vielen Bereichen gesundheitlich gar nicht machbar, teilt Lachenmeir seine Privatmeinung mit. Der Geschäftsführer der Firma Grünbeck Wasseraufbereitung in Höchstädt hält schon die Rente mit 67 für „grenzwertig“

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