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Wertingen

07.10.2019

Was machte Napoleon vor 214 Jahren in Wertingen?

Historischer Diskurs in luftiger Höhe: Johannes Mordstein (links, mit neuem Napoleon-Buch von Thomas Schuler) und Alfred Sigg blicken in die Weite und Vergangenheit Wertingens.
Bild: Günter Stauch

Plus Einer der besten deutschen Experten des Franzosen-Kaisers räumt in Büchern mit Legenden auf. Am Sonntag kommt er an den früheren „Schlachtort“ Wertingen.

Johlende Kinder, ein bellender Hund und die kratzenden Geräusche eines Baggers am neuen Baugebiet oberhalb des Wertinger Stadtteils Gottmannshofen: Der Lärm einer Schlacht hört sich anders an. Eine solche nämlich fand hier statt, am 8. Oktober, vor mittlerweile 214 Jahren. Österreichische und französische Truppen gerieten ganz in der Nähe aneinander, und innerhalb weniger Stunden waren rund 700 Tote und Verwundete zu beklagen. Ein furchtbares Gemetzel im Rahmen eines europaweiten Großkrieges, das der im Tal gelegenen Zusamstadt Wertingen den Eintrag ins Geschichtsbuch und sogar eine Namensgravur am Pariser Triumphbogen bescherte. Hinweise auf die „Schlacht bei Wertingen“ gibt es bis heute auch an mehreren Stellen im Gemeindegebiet. Etwa in Form der „Napoleonstanne“ – im Osten fast 60 Meter überm Marktplatz – sowie als fünf Tonnen schwerer Gedenkstein am Judenberg im Südwesten.

Stadtarchivar Johannes Mordstein ist der beste Napoleon-Kenner

Bei allen Standorten herrschen historische wie sachliche Ungereimtheiten vor, wie der langjährige Museumsreferent Alfred Sigg, Stadtarchivar Johannes Mordstein und insbesondere Thomas Schuler nur allzu gut wissen. Letzterer gilt als einer der besten Kenner der weltweit bewegenden Aktivitäten von Napoleon Bonaparte und hat jetzt einen neuen Band mit dem Titel „Auf Napoleons Spuren“ (Verlag C.H. Beck) herausgebracht. Wie bei dem Vorgängerbuch „Napoleon und Bayern“, das der Ulmer vor vier Jahren einem begeisterten Lese-Publikum in der Buchhandlung Gerblinger präsentiert hatte, setzte sich der Historiker über mehrere hundert Seiten mit dem „Phänomen“ Napoleon auseinander.

Die neue echte Küstentanne (links) steht nahe den Überresten der alten „falschen“ Napoleonstanne.

Dessen 250. Geburtstag wird heuer gedacht. Ob der gefeierte wie gefürchtete Oberbefehlshaber tatsächlich einst auf den Hügeln jenseits Gottmannshofens stand, lässt der Experte offen. „Von Napoleon weiß man, dass er sich am liebsten die eigens geführten Gefechte ansah und nicht die anderer untergebener Generäle“, erklärt der 49-Jährige, der zumindest einräumt, dass der Herrscher einen Tag später durch den Ort zog, um zur Übernachtung nach Zusmarshausen weiterzureiten. Aus anderen Quellen geht hervor, dass der berühmte Franzose die blutige Auseinandersetzung von Pfaffenhofen aus in Augenschein genommen haben soll.

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Was es mit der Napoleonstanne in Gottmannshofen auf sich hat

Dass die heftigen Kämpfe keinesfalls am Judenberg, sondern beim gegenüberliegenden Roßberg stattfanden, weiß der ehemalige Zweite Bürgermeister Alfred Sigg. Als man vor bald 100 Jahren auf Initiative des Heimat- und Verschönerungsvereins dort zum Gedenken etwas aufstellen wollte, waren die Grundbesitzer – Bauern – dagegen. „Sie befürchteten, dass dort die Besucher das wertvolle Land niedertrampeln würden.“ Dies belegt auch das vom 2011 verstorbenen Wertinger Stadtkenner Jürgen Fiedler verfasste Geschichtsbuch. So landete der Andenken-Koloss mit der Jahreszahl 1805 und zwei gekreuzten Schwertern an historisch „falscher“ Stelle.

Ein Auge zuzudrücken heißt es auch schon immer bei der sogenannten Napoleonstanne hinter Gottmannshofen. Tatsächlich genießt der Besucher dort einen herrlichen wie großzügigen Überblick übers Zusamtal bis in den weiten Westen hinein. Dabei wird der taktisch relevante Geländeeinschnitt zwischen Juden- und Roßberg deutlich, auf den Stadtarchivar Johannes Mord-stein hinweist. „Das spielte eine Rolle bis in den Zweiten Weltkrieg hinein.“

Seit 113 Jahren stand hier als „Napoleonstanne“ lediglich eine Fichte zum Andenken an den prominenten Durchreisenden auf dem welligen Gelände. Auch tummelten sich dort bislang weniger die Geschichtsfans als vielmehr Spaziergänger, Verliebte und Silvesterfeiernde.

Warum Wertingen die Geschichte aufarbeiten möchte

Das könnte sich bald ändern. Auf Initiative der Stadt und Spendensammlungen von Wertinger Schülern wurde neben der abgestorbenen „Tanne“, von der nur ein vier Meter langer Baumkorpus zurückblieb, eine echte ihrer Art gepflanzt. Daneben entstanden hölzerne Sitzgelegenheiten und vor allem eine prächtige Gedenktafel von Johannes Mordstein mit den wichtigsten Daten zur Schlacht. „Das ist wirklich vorbildlich und ein Denkmal im Geiste des Friedens“, lobt Historiker Thomas Schuler das Engagement vieler Helfer.

Wertingen leiste – im Gegensatz zu anderen Gemeinden – sehr viel bei der Aufarbeitung der Geschichte. Kein Wunder, dass sich dieses Bemühen bis in die Ferne auswirkt: So steht der Ort bei der Aufzählung wichtiger Schlachten am bekannten „Arc de Triomphe“ in Paris ganz oben in rund acht Metern Höhe. Gut so. Hatten protestierende „Gelbwesten“ doch im vergangenen Jahr dort heftige Verwüstungen angerichtet und in einem Ausstellungsraum etwa eine marmorne Napoleons-Büste geköpft. „Wertingen“ blieb dagegen verschont und bis heute lesbar.

Eine Führung mit dem Historiker und Buchautor Thomas Schuler findet am Sonntag, 13. Oktober, unter dem Titel „Napoleon in Wertingen“ statt. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Gasthof Zum Schwan.

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