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20.11.2015

Wenn ein Gottesmann an irdische Steine glaubt

Thomas Pfundner.
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Thomas Pfundner.
Bild: Kaya

Grenzmarkierungen zu finden, bereitet dem evangelischen Pfarrer Thomas Pfundner himmlisches Vergnügen. Jetzt hat er ein Buch geschrieben – auch für die Region

Er fürchtet weder urwaldartiges Gestrüpp noch schmale Gebirgswege in schwindelnder Höhe, weder Stechmücken noch winterliche Temperaturen und schon gar nicht den Teufel. Thomas Pfundner, 57, wandelt als evangelischer Geistlicher auf manch ungewöhnlichen Pfaden seiner Kirchengemeinde im Landkreis Neu-Ulm. Der sportlich wirkende Gottesmann mit freundlichem Schnauzer schlägt sich in seiner Freizeit immer wieder durch Wälder und Felder, um eigenartige Gebilde zu finden.

Das ist selbst für protestantische Verhältnisse bemerkenswert. Aber für Grenzsteine tut er einfach alles. Die Miniatur-Zeugen der Vergangenheit, die über Jahrhunderte etwa Herrschafts- und Zuständigkeitsbereiche auseinanderhielten, haben sich in seinem Herzen felsenfest positioniert. Daher macht er sich nur über eines Sorgen: die Wegmarken aus Granit und Zement, aber auch aus Kalk, Marmor. Sandstein, Schiefer und Basalt könnten eines Tages verschwinden oder in Vergessenheit geraten: „Ich möchte auf diese Kleindenkmale aufmerksam machen, damit sie mehr wertgeschätzt werden, weil sie uns so viel sagen, sollte man sie pflegen und bewahren.“ Zusatz: „Aber nicht mit der Stahlbürste.“

Was liegt da näher, als diese ehrgeizige Kampfansage gegen Zeit und schwindende Erinnerung mit einem höchst lesenswerten Buch zu untermauern. Jetzt ist der 202-seitige Band „Historische Grenzsteine in Bayerisch-Schwaben“ mit zum Teil großartigen Farbfotos erschienen und in Augsburg vorgestellt worden. Mehrere Seiten sind den kleinen Denkmalen im Landkreis Dillingen gewidmet, etwa in Gundelfingen, Höchstädt, Wertingen und Lauterbach. Die Steine zeigten zum Beispiel an, wem der Grund gehörte, wer Jagd- oder Fischereirecht hatte oder Abgaben erheben und Gerichtsbarkeit ausüben durfte.

Wenn ein Gottesmann an irdische Steine glaubt

Der vom Autor gewählte Untertitel „Inventar zu einem unendlichen Feld“ gibt dabei eine Ahnung davon, was so eine Bestandsaufnahme von Markierungssteinen in einem Gebiet mit zehn Landkreisen und vier kreisfreien Städten für einen Einzelkämpfer wie Thomas Pfundner bedeutet. Man denke nur an die rund 600 Exemplare zwischen Ries und Alpen, die er aufgesucht hatte – ein Jahrzehnte-Projekt. Eine Kostprobe: „Geduld und Nerven sind schon nötig, will man aufgrund einer 450 Jahre alten Grenzbeschreibung einen Markstein unter alpinen Bedingungen suchen.“ Dass am Ende die bis ins kleinste Detail vordringende, übersichtlich wie schön gestaltete Dokumentation von den Experten durchweg gelobt wird, könnte in dem stets bescheiden auftretenden Kaufbeurer Seelsorger ein inneres „Vergelt´s Gott“ auslösen. „Ein unentbehrliches Nachschlagewerk und zugleich eine Fundgrube, sowohl für den Forscher wie den kulturgeschichtlich interessierten Wanderer“, erteilt Bezirksheimatpfleger Peter Fassl seinen fachlichen „Segen“. Für die Münchner Historikerin Sarah Hadry „manifestieren sich Grenzen in Grenzsteinen“. Sie sei froh, dass Thomas Pfundner „die gute Tradition der ihre Heimat erforschenden, ihre Ergebnisse regelmäßig der Öffentlichkeit zugänglich machenden Pfarrer und Lehrer auf dem Land fortführt“. Hadry bezeichnet ihn als einen Spurensucher, der die Relikte längst verwischter und vergessener Herrschaftsgrenzen wieder zu Tage fördere. Mit dem Buch gibt Pfundner, der sich schon als Schulbub brennend für die Geschichte vor der Haustür interessierte, den heute meist unbeachteten Markierungen die Bedeutung zurück, die sie einst besaßen.

Dabei besticht es durch ein minutiöses Beschreiben der kleinwüchsigen Monumente und einen äußerst hilfreichen Anhang mit erklärten Abkürzungen und einem Ortsregister zum Nachschlagen. Dazu kommt eine praktische Signaturenübersicht mit ausführlicher Erläuterung, die das lästige Googeln überflüssig macht. So kann auch ein harmloser Spaziergänger mit den eingeritzten Zeichen etwas anfangen und sich vielleicht für Pfundners Anliegen gewinnen lassen.

„Historische Grenzsteine in Bayerisch-Schwaben“, Hardcover, 202 Seiten mit 150 großen farbigen Abbildungen, Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn;

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