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04.03.2017

Wenn sich die Vorfahren gestritten haben...

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Mit Leidenschaft haben die Mitglieder des Laugnaer Kulturkreises Reinhard Käsmayr (links), Anni und Georg Keis schon viele hundert Seiten Archivmaterial durchforstet. Derzeit arbeiten sie an einem digitalen „Findbuch“.
Bild: Reif

In Laugna warten viele Schriften der Zeitgeschichte – teils heiter, teils düster

 Wenn sie in den alten Schriften stöbern, die im Gemeindearchiv Laugna lagern, stoßen Reinhard Käsmayr, Georg Keis und seine Frau Anni oft auf Protokolle einer heute vergessenen Praxis: Sühneversuche. „Früher sind die Leute eben noch nicht so schnell vor Gericht gezogen“, sagt Käsmeier. Vielmehr suchte man in Streitfällen den Weg zum Bürgermeister. Der sollte dann schlichten.

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Georg Keis hat selbst noch einen solchen Sühneversuch moderiert. Um 1997 herum muss das gewesen sein, erinnert sich der langjährige ehemalige Bürgermeister Laugnas. Er rollt die Augen und grinst. „Glauben sie mir, das ist nichts Tolles, so ein Sühneversuch.“ Damals ging es um eine Beleidigung, wie in vielen Fällen, deren Protokolle im Gemeindearchiv lagern. In Keis’ Fall vertrugen sich die Streitenden wieder. Doch früher musste manchmal einer der Streithähne Sonntags nach der Kirche öffentlich widerrufen, dass das Ziel seiner Verbalausfälle kein „Rindviech“ oder dergleichen war. So etwas habe es oft gegeben.

Die Sühnefälle seien teils sehr ausführlich niedergeschrieben, erzählt Anni Keis. „man muss manchmal aufpassen, dass man sich nicht im Lesen verliert“, sagt sie. Sie und sieben weitere Mitglieder des Kulturkreises Laugna, darunter ihr Mann und Reinhard Käsmayr, arbeiten derzeit an einem digitalen „Findbuch“, in dem jedes Stück protokolliert ist, das unter dem Dach des Rathauses lagert.

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Einmal im Monat trifft sich die Arbeitsgruppe und durchforstet die vielen trausend Seiten Papier. Das Lesen ist oft anstrengend. Die deutsche Korrentschrift, die alte enge handschriftliche Schreibweise, ist auf den ersten Blick kaum entzifferbar. „Da braucht es Einarbeitungszeit“, sagt Käsmeier. Oft muss er ein Heftchen mit typografischen Erklärungen zu Rate ziehen. Auch dann wird es bisweilen schwer, alte Flurnamen wie „Kinderschlauenacker“ oder „Frötzenmahd“ zu entziffern. Auch der viele Staub sei ein Problem. Zu lange kann er nicht über den alten Schriften brüten, sonst schmerzen irgendwann die Atemwege.

Eine besondere Aufgabe besteht für die achtköpfige Arbeitsgruppe aber darin, mit den Geheimnissen vertrauensvoll umzugehen, die in den Schriften des Archivs schlummern. Denn natürlich sei es hochinteressant, herauszufinden, was die Vorfahren von vielen Bürgern der Gemeinde taten und welchen herausforderungen sie sich stellen mussten. Doch viele der Protagonisten, die in den Schriften auftauchen, sind direkte Vorfahren von heutigen Bewohnern Laugnas, oder leben sogar selbst noch. „Wir erfahren von der Gemeinde viel Vertrauen, dass wir uns mit der Vergangenheit befassen können“, sagt Georg Keis. Diskretion sei dabei das oberste Gebot. Dinge herumzuerzählen, die man aus den Schriften über bestimmte Personen erfahren habe, sei undenkbar.

Gerade auch deshalb, da auch viele Unterlagen über die Zeit der Naziherrschaft, von 1933 bis 1945, in den Regalen stehen. Sowohl die Nazis selbst als auch die späteren Befreier, die Amerikaner und deren eingesetzten Vertrauensmänner führten sehr detailliert Protokoll. So sind beispielsweise Verordnungen darüber zu finden, dass die Gemeinde zu bestimmten Zeitpunkten genau festgelegte Kontingente an Unterhosen bereitzustellen hatte.

Das stellt die Archivpfleger beizeiten vor Schwierigkeiten, wenn Anfragen zur Einsicht in die Zeitdokumente kommen. „Wir geben nichts heraus“, sagt Käsmeier. Wer aber etwas über die Geschichte seiner Familie erfahren wolle, der könne einen Termin zum Lesen vereinbaren. Eine solche Anfrage kam von weit weg, aus Polen. Denn die Angehörigen einer ehemaligen Zwangsarbeiterin hatten herausgefunden, dass die damals junge Frau in Laugna 1942 zum Arbeitsdienst herangezogen wurde. Auch heute noch lagert die Akte dazu im Archiv.

Für Käsmayr, Georg und Anni Keis ist die Aufbereitung der Heimatgeschichte etwas, dass sie mit Leidenschaft tun – weit entfernt von drögem Einsortieren. „Das ist klar auch ein Hobby von jedem von uns“, sagt Georg Keis. Der Kulturkreis sei ein „eingeschworener Haufen“, man arbeite gern zusammen.

Auch aus der Gemeinde kommen viele positive Rückmeldungen. Neben dem eigentlichen Archiv gibt es unter dem Dachboden des Rathauses noch ein kleines Heimatmuseum, in dem beispielsweise alte Karten, ein Helm eines amerikanischen Soldaten oder einige altrömische Nägel und Scherben, die vor Bau der Kläranlage zum Vorschein kamen. Alles Dinge, die von der bewegten Geschichte der Gemeinde Laugna erzählen. Ebenso wie das Buch, das der Kulturkreis schon herausgebracht hat.

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