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Donauwörth

06.08.2019

70-Jähriger kann nach Querschnittslähmung wieder laufen

Petrov Yankov heute mit seinem Enkelsohn Attila in seinem Garten bei Pöttmes: Dass er jemals mit seinem Enkel so unterwegs sein kann, hat er nach Monaten im Rollstuhl nicht für möglich gehalten. Einer Operation in Donauwörth hat ihm diese Lebensqualität wieder zurückgegeben.
Bild: Barbara Wild

Plus Petrov Yankov war ab dem fünften Brustwirbel gelähmt. Ein Tumor quetschte das Rückenmark ein. Nun kann er sich fast normal bewegen. Wie das möglich ist.

Es ist eine dieser Geschichten, die man anfangs gar nicht glauben kann. Wenn ein Querschnittsgelähmter wieder aufsteht, scheint die Nachricht zu gut, um wahr zu sein. Und doch ist sie wahr.

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Diese wahre Geschichte ist die von Petrov Yankov, 70 Jahre alt. Ursprünglich stammt er aus Bulgarien, doch heute lebt er nahe Pöttmes. Über elf Monate sitzt er im Rollstuhl, ab dem fünften Brustwirbel ist er komplett gelähmt. Seine Beine und Füße spürt er nicht mehr, Stuhl und Harndrang vermag er nicht mehr zu kontrollieren. Als er sich an die Donau-Ries Klinik in Donauwörth wendet, im März 2018, ist er am Tiefpunkt.

Yankov saß elf Monate im Rollstuhl

Heute sitzt er auf der Bank vor dem Haus seines Sohnes Asen in Kühnhausen. Er hat sich in den Schatten geflüchtet bei diesen hochsommerlichen Temperaturen. Wenn Besuch kommt, steht er auf, reicht ihm die Hand. Eine Krücke oder Gehhilfe ist nicht zu sehen. Er lächelt ein bisschen unsicher. Doch später wird sein Sohn seine Worte übersetzen, dass er nicht mehr daran geglaubt hatte, dass er jemals wieder gehen kann.

Seine Leidensgeschichte beginnt im Jahr 2015 mit Rückenschmerzen. Anfangs denkt Yankov, das Alter mache sich bemerkbar. Doch die Beschwerden werden immer stärker. Langsam verschwindet das Gefühl in den Füßen, in den Beinen. Als er wie üblich im Sommer ein paar Monate in seiner Heimat verbringt, versagen seine Beine völlig. Er sackt weg, kann schließlich nicht mehr stehen, nicht mehr laufen, sitzt im Rollstuhl. Er muss eine Windel tragen.

Im März 2018 sitzt Yankov noch im Rollstuhl, Enkel Attila hält er auf dem Arm.
Bild: Yankov

Die Ärzte in Bulgarien können die Ursache für die Lähmung nicht finden. Sein Sohn Asen Yankov holt ihn wieder zu sich nach Deutschland, genauer gesagt nach Kühnhausen bei Pöttmes, wo er mit seiner Familie in einem Haus lebt. „Mein Vater war ein kompletter Pflegefall“, sagt der 38-Jährige der in Neuburg beim Glashersteller Verallia arbeitet. „Wir hatten damals nicht die Hoffnung, dass ein Arzt meinem Vater helfen kann.“ Enkel Attila kennt seinen Großvater bis dahin nur im Rollstuhl.

Ein Tumor auf dem Brustwirbel lähmte den 70-Jährigen

Für die Familie des Sohnes ist der gelähmte Vater eine Bürde. Er muss gewaschen und versorgt werden. Auch nachts ruft Yankov immer wieder nach seinem Sohn. „Es war eine harte Zeit“, sagt Sohn Asen. „Ich bin sehr froh, dass wir das überstanden haben.“

Das dies möglich war, ist vor allem Dr. Andreas Reinke zu verdanken. Als der Neurochirurg im Zentrum für Orthopädie, Unfallchirurgie und Wirbelsäulentherapie an der Donau-Ries Klinik in Donauwörth seinen Patienten das erste Mal trifft, ist er von dessen Leidensfähigkeit beeindruckt. „Es war schon eine enorme Einschränkung, die Herr Yankov erstaunlich geduldig hinnahm“, erzählt der 40-jährige leitende Oberarzt.

Dr. Andreas Reinke, Neurochirurg in Donauwörth, hat den 70-jährigen Yankov erfolgreich operiert.
Bild: Barbara Wild

Das MRT brachte die Diagnose: Ein Tumor, genauer gesagt ein Meningeom von etwa zwei Zentimetern Durchmesser, war auf Höhe des fünften Brustwirbels nahe des Rückenmarks langsam gewachsen und hatte dieses samt den Nervensträngen immer mehr gequetscht. „Der Tumor hatte nicht gestreut – das war die einzig gute Nachricht an diesem Befund“, erinnert sich Reinke. Danach ging alles ganz schnell. Ein OP-Termin wurde vereinbart – ein Eingriff, der alles ändern sollte.

Im März 2018 entfernt Reinke den Tumor in einer vierstündigen Operation – ein Verfahren, das sonst nur an Universitätskliniken durchgeführt wird, kann Reinke auch in Donauwörth umsetzen. Er hat sich die Technik an der Uniklinik in München im Zuge seiner Ausbildung zum Facharzt angeeignet. „ Es ist schon eine spezielle OP“, sagt er bescheiden. „Doch, dass das Ergebnis so gut ist und sich die Nerven so gut erholen, das sieht man wirklich selten“, bewertet er den Erfolg. Die Chance sei da gewesen, weil das Rückenmark sich durch das langsame Wachsen des Tumors nach und nach habe anpassen können.

Nach dem Eingriff hat er Gefühl in den Zehen

Der Erfolg der Operation an der Wirbelsäule ist unmittelbar fassbar. Schon kurz nach dem Eingriff kann Yankov in den Füßen wieder etwas spüren, nach einer Woche bewegt er sie bereits. Als er nach drei Wochen stationären Aufenthalts in Donauwörth entlassen wird, schafft er es mit Hilfe wieder kurz zu stehen – die Hoffnung auf mehr ist damit bereits geweckt. Die aufwendigen Reha-Maßnahmen im Querschnittszentrum in Ulm und auch in seiner Heimat in den Folgemonaten bringen weitere Erfolge.

Yankov läuft, steigt Treppen und fährt Auto

Zur ersten Nachsorgeuntersuchung kommt Yankov bereits mit dem Rollator, gestützt von seinem Sohn Asen. Beim zweiten Mal schiebt er die Gehilfe bereits alleine. Beim letzten Termin im April 2019 läuft der ehemalige Patient selbst in das Sprechzimmer. Reinke kann ihm zudem sagen, dass der Tumor nicht nachgewachsen ist.

Für den 70-jährigen Yankov, der viele Jahre seines Arbeitslebens in Deutschland angestellt war und in seiner Heimat zeitweise ein Restaurant betrieben hat, ist es „ein Geschenk“, wie er sagt. Er läuft die Treppe und auch Autofahren ist kein Problem mehr. Und mit seinem Enkelsohn Attila kann er nun durch den Garten streifen oder bis zum Spielplatz gehen.

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