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Sport-Serie

31.08.2017

Abschläge, Rückschläge, Ratschläge

Auf dem Putting Grün gibt Trainer Ernst Reiter, ehemaliger Profi-Biathlet, seinem Schützling Anweisungen zum sogenannten kurzen Spiel.
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Auf dem Putting Grün gibt Trainer Ernst Reiter, ehemaliger Profi-Biathlet, seinem Schützling Anweisungen zum sogenannten kurzen Spiel.

DZ-Redakteur Manuel Wenzel unternimmt auf Gut Lederstatt seine ersten Versuche auf einem Golfplatz. Sein Lehrer ist ein ehemaliger Olympia-Medaillengewinner. Der beweist viel Geduld, hat aber am Ende Lob übrig.

Donauwörth Der Einstieg ist diese Sportart ist mir schon einmal sympathisch: Auf dem Platz ist man in der Regel per du. „Wir Golfer sind eine große Familie – weltweit“, sagt Jochen Klauser. Er ist Geschäftsführer des Golfparks Donauwörth. 1995 wurde die 92 Hektar große Anlage auf Gut Lederstatt für fünf Millionen Mark gebaut, ein Jahr später ging man mit den ersten sechs Löchern ins Spiel. Der 18-Loch-Platz feiert heuer 20-jähriges Bestehen. Rund 700 Mitglieder hat der Golfclub mittlerweile, bei seiner Gründung waren vor 22 Jahren waren es 116. Ich bin zum ersten Mal hier – und auf einem anderen Golfplatz stand ich auch noch nie.

„Mindestens 50 Prozent spielt sich bei dieser Sportart im Kopf ab“, erklärt mir Klauser beim einführenden Gespräch. Dass er damit absolut recht behalten sollte, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Im späteren Verlauf dieses Nachmittags werde ich diese Erfahrung jedoch mehr als nur einmal gemacht haben.

Erst einmal lerne ich aber meinen Trainer kennen – und der ist kein geringerer als ein zweifacher Olympiamedaillengewinner. Allerdings im Biathlon. Ernst Reiter war in den 1980er-Jahren einer der erfolgreichsten deutschen Skijäger. Er belegte mit der BRD-Staffel in meinem Geburtsjahr 1984 in Sarajevo Rang zwei, bei den folgenden Olympischen Spielen in Calgary wurde Reiter mit dem Team Zweiter. „Servus, ich bin der Ernst“, begrüßt mich der 55-Jährige. Von Star-Allüren keine Spur. Das begegnet sie mir wieder, die besagte Golffamilie.

Natürlich will ich wissen, wie man vom Biathlet zum Golflehrer wird. Nach seiner aktiven Karriere sei er „auf Jobsuche“ gewesen, sagt Reiter offen. Dabei wollte er weg vom Leistungssport. Golf hatte er während seiner Biathlon-Zeit schon nebenher gespielt und so machte er eine Ausbildung zum Coach. Seit 1991 ist er Mitglied der PGA of Germany, dem deutschen Verband für Berufsgolfer. „Ich war Olympia-Startläufer und hatte eigentlich gemeint, zu wissen, was Druck ist. Aber das war ein Kinderspiel im Vergleich zu Golf“, sagt Reiter.

„Aha. Das kann ja heiter werden“, denke ich mir daraufhin. Los geht es für mich auf dem Übungsbereich, dem Putting Grün. Hier, wie auch bei den Abschlägen, wird täglich gemäht. Für die Platzpflege auf Gut Lederstatt – die gesamte Anlage hat eine reine Bahnenlänge von knapp 6000 Metern – sind ein „Head-Greenkeeper“ und fünf weitere Kräfte verantwortlich. Ich bin schwer beeindruckt von ihrer Arbeit. Auf dem perfekt getrimmten Putting Grün gibt es mehrere Löcher mit kleinen, durchnummerierten Fahnen. An einem der Löcher ist mit roter Farbe ein etwa ein Meter langer gerader Strich gezogen. Dort beginnt meine erste praktische Golf-Erfahrung.

Reiter zeigt mir, wie man den Schläger richtig hält und die Beine korrekt stellt. Er macht einen Schlag vor. Und dann: meine ersten drei Bälle. Ich soll sie aus einem Abstand von rund 50 Zentimetern versenken. Die rote Linie hilft beim Zielen. Eins, zwei, drei – alle drin. „Solider Auftakt“, denke ich mir. Ich weiß die Schwierigkeit aber richtig einzuordnen. Beim Minigolf habe ich Ähnliches schon vollbracht.

Wir gehen zum nächsten Loch und steigern den Abstand dabei merklich, auf geschätzt mehr als fünf Meter. Und eine Linie zur Orientierung gibt es auch nicht mehr. „Jetzt müssen wird das Grün lesen“, sagt mir der Coach. Es gilt, die (gedachte) Spiellinie zu finden, auf der ich den Ball ins Loch schlage – oder eher schlagen will. Runter in die Knie, die Neigung des Platzes studieren. Die Richtung und die benötigte Kraft entscheiden. Nach drei Probeschwünge schlage ich meinen Ball – und der rollt zielsicher auf die Fahne zu. Auch wenn er etwa 25 Zentimeter davor liegen bleibt, bin ich von mir selbst begeistert. Und mein Trainer ist es auch, zugleich steigt bei ihm aber die Skepsis. „Ich lebe ja mittlerweile in Österreich. Da würde man sagen: Wüst mi pflanzen?“ Das heißt so viel wie veräppeln, erklärt er mir und fragt, ob ich wirklich noch nie Golf gespielt habe. Habe ich nicht, beteuere ich.

Dass es sich vielmehr um Anfängerglück gehandelt hat, zeigt sich alsbald. Die nächsten drei Schläge vom selben Startpunkt bieten wenig Anlass zur Freude: einer verhungert, der nächste viel zu weit rechts und der dritte deutlich übers Ziel hinaus. Ein Fluch liegt mir auf den Lippen. Wegen der Etikette verkneife ich ihn mir und begnüge mich gegen mein inneres Verlangen mit einem gedämpften „Oh Mann“ oder etwas in der Art. Reiter weist mich auf meine Fehler hin, ich nehme bei Schlag und Haltung die gewünschten Korrekturen vor. Und siehe da: Die weiteren drei Versuche landen wieder in der Nähe des Ziels. Und so bewegen wir uns quer über das Putting Green mit seinem breiten Spektrum an Spielsituationen, wobei mir immer wieder Lichtblicke gelingen. Allerdings fehlt es an Konstanz. Dennoch bescheinigt mir mein Trainer gar ein für einen Anfänger „wahnsinnig gutes Gefühl“ beim Putten. Wie ich lerne, ist dieser Schlag ein Teil des „kurzen Spiels“. Ein anderer ist das Pitchen. Meine nächste Herausforderung.

Wir wechseln den Standort vom Grün ins sogenannte Semi-Rough – das Gras dort ist höher – und damit auch den Schläger. Galt es beim Putten, den Ball gerade zu treffen, muss ich nun quasi unter ihn kommen, um ihn in einer höheren Flugkurve in Richtung Fahne zu bekommen. Bei der Schlagbewegung soll der niedrigste Punkt aber vor dem Ball liegen, sagt Reiter. Das stellt mich vor Probleme. Instinktiv will ich den Schläger hinter dem Ball ins Gras eintauchen lassen. Es dauert einige – nicht weiter erwähnenswerte – Schläge, bis ich einen ersten vernünftigen Treffer lande. Der Ball liegt sogar näher am anvisierten Loch als der, den Reiter bei seiner Demonstration für mich gespielt hat. „Eine weitere Regel beim Golf lautet: Spiele nie besser als dein Coach“, scherzt der 55-Jährige. Das tue ich in der Folge auch nicht. Nach dem geglückten Versuch konzentriere ich mich nicht mehr so wie zuvor, die Rechnung kassiere ich mit unsauberen Schlägen. Ich muss mich jedes Mal neu „zwingen“, den Schlag so auszuführen, dass ich erst hinter dem Ball nach unten komme. Gelingt mir das, stimmen auch die Ergebnisse. Mindestens 50 Prozent Kopfsache. Da war doch was.

Dieses Phänomen setzt sich auf der Driving Range fort. Diesen Teil auf Gut Lederstatt bezeichnet Reiter als „Rohdiamanten“. Die Übungsanlagen auf anderen Plätzen seien oft „im letzten Eck“ zu finden. Hier dagegen sei dieser Bereich großzügig angelegt und in der Nähe des Clubheims sowie des Abschlags an Loch eins zu finden. Die Rasenfläche hier ist weitläufig, bis zu 200 Meter kann hier abgeschlagen werden – theoretisch. Ich nehme ein Siebener-Eisen in die Hand. Im Vergleich zu dem Exemplar, das ich beim Pitchen benutzt habe, hat hier der Loft – also der Schlägerkopf – einen höheren Neigungsgrad.

Den Ball soll ich aber genauso wie zuvor treffen. Er liegt nun auf einem kleinen Stift, der im Boden steckt, dem sogenannten Tee. Wieder vergehen einige Versuche, bis der erste vernünftige dabei ist. Statt den Ball sauber zu treffen, hebe ich einige Male ein Stück Gras aus dem Boden. Da ist er wieder, dieser Wunsch, etwas wenig Sportliches rauszuschreien. Der Trainer greift ein und geht auf Tuchfühlung mit mir: den Stand etwas nach hinten versetzen, mehr in die Knie gehen, beim Ausholen den rechten Arm durchstrecken, den linken unters Kinn und darüber den Ball fixieren – und schön durchschwingen.

Das Spielgerät hebt ab, legt eine – in meinen Augen – wunderbare Flugkurve hin und kommt nach gefühlten 500 Metern erst wieder am Boden auf. Realistisch waren es wohl 60. „Was für ein Schlag“, juble ich, aber nur innerlich (Stichwort: Etikette), und blicke erwartungsvoll auf meine professionellen Begleiter. Reiter und Klauser nicken anerkennend. Letzterer sagt: „Und jetzt den Schwung mitnehmen.“ Heißt: genau den gleichen Ablauf noch einmal. Gelingt mir – natürlich – nicht. Vor lauter Euphorie erneut zu wenig Konzentration. Als ich mich aber wieder auf das Wesentliche besinne, fliegen die letzten drei Bälle des Tages wieder schön in die Weiten der Driving Range.

Ich ziehe für mich ein positives Fazit, auch wenn – im wahrsten Sinne des Wortes – einige Tiefschläge dabei waren. Auch mein Trainer ist mit mir durchaus zufrieden. „Da ist auf jeden Fall Potenzial vorhanden“, sagt Ernst Reiter, als wir nach getaner Arbeit mit Geschäftsführer Jochen Klauser in der Clubgaststätte zusammensitzen. Diese wird unter den Golfern immer scherzhaft als „das 19. Loch“ bezeichnet. Klauser weiß: „Dort berichten die Spieler über ihre Heldentaten auf dem Platz und warum bei Fehlschlägen alles andere Schuld war, nur sie selbst nicht.“ Die Golffamilie eben. Teuer sei der Sport übrigens – im Verhältnis – nicht, meint Klauser. „Auf jeden Fall billiger als Skifahren oder Reiten.“ Mit gebrauchter Ausrüstung und Startmitgliedschaft (zwölf Monate) sei man auf Gut Lederstatt mit etwa 1500 Euro dabei.

Zum Abschied gibt er mir der Geschäftsführer noch den „kürzesten Golfwitz“ mit auf den Weg, den ich schon nach meiner Premiere nur zu gut nachvollziehen kann. Der Witz lautet: „Ich kann’s.“

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