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Wemding/Alerheim

05.12.2020

Bei Wemding werden 19 Bäume für 19 verlorene Leben gepflanzt

Im Erinnerungswald zwischen Wemding und Rudelstetten können Eltern ihrer verstorbenen Kinder, den Sternenkindern, gedenken.
Bild: Barbara Wild

Plus Seit 50 Jahren trauert ein Paar um sein verstorbenes Kind. Ein Baum im neu geschaffenen Erinnerungswald bei Wemding spendet ihnen jetzt Trost.

Wohin mit der Trauer, wenn das eigene Kind stirbt, bevor sein Leben richtig begonnen hat? Im Landkreis Donau-Ries gibt es jetzt einen Platz, an dem Eltern offen um ihr Kind trauern können, dessen Herz bereits vor der Geburt aufgehört hat zu schlagen. Es gibt jetzt einen Erinnerungswald für Sternenkinder.

Zwischen Wemding und Rudelstetten auf einer zwei Hektar großen Fläche am Waldrand sind vergangene Woche 19 Obstbäume gepflanzt worden. Jeder von ihnen steht für ein Kind, das den Weg ins Leben nicht geschafft hat, das aber trotzdem nicht vergessen werden soll. Für die Familien, die an diesem nebeligen Novembertag zusehen, wie erfahrende Gärtner die Setzlinge in die Erde bringen und abstützen, ist es ein guter Tag.

Auch wenn das Kind noch keinen klassischen Namen hatte, ist es doch schon Teil einer Familie gewesen. Hier hat eine Familie einen Baum für ihren "Krümel" gepflanzt.
Bild: Barbara Wild

Jetzt haben sie einen schönen Ort, an dem sie bewusst ihrem Kind oder auch ihrem Geschwisterkind positiv und bleibend gedenken können. In die noch laubfreien Zweige haben sie ein Schild gehängt. „Krümel“ steht hier. Oder der Vorname eines Buben, dessen Leben im Frühjahr 2020 hätte beginnen sollen. An einem Baum hängt ein Schild mit der Jahreszahl 1972 – fast 50 Jahre hatte die Trauer um dieses Kind keinen Platz gefunden.

Der Erinnerungswald ist ein Projekt des Vereins Sterneneltern Schwaben

Das Projekt geht auf die Initiative des jungen Vereins Sterneneltern Schwaben zurück, der von der Tapfheimer Anna Maria Böswald geführt wird. Sie selbst hat vor fünf Jahren ihre beiden Zwillingssöhne verloren und dabei schmerzhaft erfahren, dass es kaum Möglichkeiten gibt, das Andenken an die Sternenkinder zu bewahren.

Zusammen mit dem Landkreis wurde daher der Erinnerungswald realisiert. Nahe am Waldrand und nahe dem landkreiseigenen Lehrgarten können betroffene Eltern für ihr verstorbenes Kind einen Obstbaum pflanzen lassen. Bewusst habe man eine Fläche gewählt, so Landrat Stefan Rößle, die nicht irgendwo versteckt liegt, sondern die Menschen, die vorbeifahren, hinschauen lassen. Der Landkreis übernimmt die Pflege der Bäume und der Streuobstwiese. Für die Eltern kostet die Pflanzung des Baumes einmalig 100 Euro. Für Menschen, die das Projekt an sich unterstützen wollen, ist es möglich, einer Familie einen Baum zu finanzieren.

19 Bäume sind aktuell auf der Obstwiese des Erinnerungswaldes gepflanzt worden.
Bild: Barbara Wild

Es ist der erste Erinnerungswald dieser Art in Schwaben und steht Eltern aus dem ganzen Bezirk offen. Bis vor wenigen Jahren wurden die verstorbenen Neugeborenen schlicht im Krankenhaus entsorgt. Oft erfuhren die Eltern nicht einmal, ob es ein Bub oder ein Mädchen war. Ein persönlicher Abschied war nicht vorgesehen. In den vergangenen Jahren habe man da mehr Sensibilität entwickelt, doch die Eltern und auch das Krankenhaus seien mit der Situation oft überfordert, sagt Anna Maria Böswald. Sie wolle den Eltern helfen, einen Weg für ihre Trauer zu finden.

Der Baum steht als Verbindung zwischen Erde und Himmel

„Es ist uns verwehrt, unsere Kinder wachsen zu sehen. Aber wir können trotzdem etwas Bleibendes schaffen“, erklärt Böswald. Der Baum sei eine Verbindung zwischen Erde und Himmel – eine Verbindung zum Kind, das nicht bei seinen Eltern sein kann.

Insgesamt 143 Bäume können auf dem Areal, das wie eine Streuobstwiese bewirtschaftet wird, stehen. Jede Apfel- oder Birnensorte wird nur einmal gepflanzt, damit der Baum so individuell ist, wie es auch das Kind gewesen wäre. Im Frühjahr werden die Bäume die ersten Knospen bilden, Blätter werden wachsen und irgendwann werden die Zweige Früchte tragen. Der Kreislauf des Lebens beginnt – wenn auch anders, als es die Eltern einst erhofft hatten.

Wer Interesse an einer Beratung oder einem Sternchenbaum im Erinnerungswald hat, kann sich unter sterneneltern-schwaben informieren.

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