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Friedberg

26.06.2019

Ein altes Gebäude mit vielen Überraschungen

Rund 450000 Euro hat die Kirche in die Sanierung des ehemaligen Benefiziatenhauses an der Pfarrstraße 12 investiert. Fotos: Architekturbüro Christian Huber/ Thomas Goßner

Die Kirche hat das ehemalige Benefiziatenhaus an der Pfarrstraße in Friedberg saniert. Am Sonntag haben Interessierte Gelegenheit, einen Blick hinein zu werfen.

Für Steffen Brühl wäre das nichts. Mit seinem Gardemaß muss sich der Friedberger Stadtpfarrer jedes Mal tief bücken, bevor er ein Zimmer betreten kann. Das ist augenscheinlich aber auch der einzige Makel, der sich im Benefiziatenhaus an der Pfarrstraße 12 entdecken lässt. Ein Jahr lang wurde das denkmalgeschützte Gebäude mustergültig saniert. Am Sonntag nach dem zweiten Gottesdienst in St. Jakob steht es zur Besichtigung offen.

Bis zu acht verschiedene Geistliche taten in Friedberg früher Dienst – jeder mit einer sehr speziellen Aufgabe. Da war zum Beispiel der Stadtprediger, der die Ansprüche eines zunehmend gebildeten Bürgertums an die Qualität der Verkündigung erfüllen sollte. Oder der Frühmesser, der nur den Gottesdienst am Morgen zu zelebrieren hatte. Für jeden von ihnen wurde eine eigene Pfründe eingerichtet, die ihm mit einem Haus und einem Stück Land das Auskommen sicherte.

Zuletzt wohnte dort der frühere Organist von Friedberg

Ein solches Benefiziatenhaus war ursprünglich auch das Gebäude an der Pfarrstraße 12. Zuletzt wohnte dort der frühere Organist von St. Jakob, Peter Schnur mit seiner Familie. Nach dessen Auszug war zunächst nur geplant, das Haus zur Wiedervermietung zu renovieren. „Wir dachten, wir richten das ein bisschen her – bis dann der Denkmalschutz kam“, erzählt Steffen Brühl. Denn das Haus ist anders als seine Nachbarschaft sogar als Einzeldenkmal gelistet und entsprechend viel Augenmerk wurde auf die Sanierung gelegt, die manche Überraschung zutage förderte.

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Unter dem Dach ist der Aufzug erhalten, mit dem das Getreide eingelagert wurde.
Bild: Thomas Goßner

Zum Beispiel unterm Dach. Das Gebälk erwies sich nicht nur als hochgradig einsturzgefährdet und musste während der gesamten Bauzeit eigens abgestützt werden. Es gab auch einen Hinweis auf die tatsächliche Entstehungszeit des Hauses. „Wir dachten immer, es sei 120 bis 150 Jahre alt“, berichtet der Stadtpfarrer. Die dendrochronologische Untersuchung ergab dann aber ein Alter von mindestens 250 Jahren.

Ein Glücksfall für die Pfarrei St. Jakob

Angesichts des Umfangs der Maßnahme stieg das Bistum als Bauherr ein, obwohl das Gebäude weiterhin der St. Sebastian Benefiziaten-Pfründestiftung gehört. Ein Glücksfall für die Pfarrei, die darum keinen einzigen Euro aufbringen musste. „Das Bistum hat gesagt, es ist auch eine Aufgabe der Kirche, historisch bedeutende Gebäude zu erhalten“, erklärt Steffen Brühl: „Ein kaufmännisch denkender Hausbesitzer hätte das nie gemacht“, glaubt er angesichts der Summe von rund 450000 Euro, die in die 140 Quadratmeter große Immobilie investiert wurde. Die erwähnten Komplikationen und die Entscheidung, traditionellen Materialien wie Naturstein, Holz, Kalkputz und Kalkfarbe zu verwenden, machten das Objekt um 180000 Euro teurer als zunächst veranschlagt.

SolnhoferPlatten sind im Erdgeschoss des Benefiziatenhauses verlegt.
Bild: Thomas Goßner

Der Augsburger Architekt Christian Huber, der große Erfahrung im Umgang mit denkmalgeschützten Häusern mitbringt, nahm nur behutsame Veränderungen vor. Gästetoilette und Bad wurden verlegt bzw. vergrößert, ansonsten blieb es beim vorhandenen Grundriss. Im Erdgeschoss gibt es Solnhofer Platten als Bodenbelag, im oberen Stockwerk massive Eichendielen. Die alten Türen wurden aufgearbeitet und mit dem originalen Anstrich versehen.

Stuckdecke und Aufzugsspindel

In einem Raum ist sogar noch die alte Stuckdecke erhalten und unterm Dach steht noch die Spindel des Aufzugs, mit dem die Getreidesäcke nach oben gezogen wurden. Das historische Ambiente verbindet sich mit moderner Technik. Eine Wandheizung sorgt nicht nur für angenehme Temperaturen, sondern führt auch die Feuchtigkeit in den Wänden nach außen. Eine kleine Terrasse auf der Ostseite des Hauses versüßt auch den Aufenthalt im Freien, und selbst einen Pkw-Stellplatz gibt es direkt am Haus.

Im oberen Stock findet sich noch ein Raum mit der ursprünglichen Stuckdecke und der originalen Tür.
Bild: Thomas Goßner

Und wie geht es nun weiter? Stadtpfarrer Steffen Brühl, der die Hoheit über die Pfründestiftung hat, will das Haus möglichst schnell vermieten. Zunächst besteht aber am Sonntag Gelegenheit zur Besichtigung – auch für alle, die nicht auf Wohnungssuche sind. Von 11.30 bis 14 Uhr sind der Architekt Christian Huber und Vertreter des Bischöflichen Bauamts anwesend und bieten Führungen an. Auch die denkmalgerechte Wandflächenheizung wird dabei erläutert. Beim Tag des offenen Denkmals im September rückt das Benefiziatenhaus noch einmal in den Fokus.

Lesen Sie dazu den Kommentar von Thomas Goßner Die Kirche gibt Friedberg etwas zurück

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