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Mering
12.08.2019

Gibt es auch in 100 Jahren noch den Lechrainer Dialekt?

Die Sprachforscherin Andrea Schamberger-Hirt untersucht seit 20 Jahren auch den Lechrainer Dialekt.
Foto: Eva Weizenegger

Seit 20 Jahren untersucht die Meringerin Andrea Schamberger-Hirt die Lechrainer Mundart. Angst vor Veränderung hat die Sprachforscherin nicht.

Das „Griaß di“ geht Andrea Schamberger-Hirt ganz selbstverständlich über die Lippen. Dialekt gehört für die 45-Jährige zum guten Ton. Aber nicht nur das, seit 20 Jahren beschäftigt sie sich mit Mundartforschung. Sie ist Leiterin des Bayerischen Wörterbuchs, einem Forschungsprojekt an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München.

„Wir erfassen den ganzen Wortschatz in Altbayern, Oberbayern, Niederbayern und der Oberpfalz“, erklärt Schamberger-Hirt. Dazu gehört auch der Landkreis Aichach-Friedberg. Die Sprachwissenschaftlerin schildert, dass seit 100 Jahren der Wortschatz erfasst wird. „Dazu gingen Fragebögen an die Bevölkerung, die wiederum dann zurück nach München geschickt wurden.“ Fast sieben Millionen sogenannte Dialektbelege lagern auf Karten im Archiven der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Jedes Wort wird nicht nur in seiner Lautschrift, sondern auch in der Grammatik und im Zusammenhang mit der Anwendung im jeweiligen Dialekt erfasst. Während das Mittelbayrische als besonders angesehen gilt, haben es die Lechrainer mit ihrem Dialekt nicht immer ganz so einfach. Für die Bayern sind sie Schwaben, für die Schwaben sind sie Bayern. „Dabei ist der Lechrain mit seiner Sprache ein ganz besonders interessantes Übergangsgebiet“, meint Andrea Schamberger-Hirt, die sich seit 20 Jahren mit dem Lechrainer Dialekt beschäftigt. Über dessen Besonderheiten hat die 45-Jährige hier in der Region schon einige Vorträge gehalten. „Es ist immer wieder schön, wenn man erlebt, wie glücklich dann die Zuhörer sind, wenn man wieder ein ganz altes Dialektwort ausgegraben hat“, freut sie sich. Für viele sei die Mundart ganz eng mit ihrer Heimat verbunden. „Dialekt ist ein Teil der Identität“, sagt die Sprachforscherin.

Schamberger-Hirt verbrachte ihre Kindheit im oberbayerischen Türkenfeld. Selbst sagt von sich, dass sie „westliches Mittelbayrisch“ spricht. Mit ihren drei Kindern, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Rupert vor fünf Jahren adoptiert hat und die aus Chile stammen, spricht sie ebenfalls Mundart. „Bei mir gibt es halt kein Brötchen, sondern eine Semmel und wir gucken nicht, sondern schauen“, erklärt sie. Ihre drei Mädchen sprechen aber selbst nicht den Lechrainer Dialekt. Andrea Schamberger-Hirt erlebte bei ihren Töchtern hautnah mit, wie wichtig Spracherwerb ist. „Sprache ist ganz bedeutend für die Integration.“ Nur wer sich gegenseitig verstehe, könne sich auch kennenlernen.

Die Sprachforscherin setzt sich dafür ein, dass Mundart nicht verdrängt wird. „Es ist falsch, den Dialekt verbergen zu müssen“, sagt sie. Denn niemand dürfe wegen seiner Herkunft, Hautfarbe oder Sprache benachteiligt werden, das sei so auch im Grundgesetz verankert. „Ich finde es beispielsweise auch schlimm, wenn man sich über andere Dialekte wie zum Beispiel das Sächsische lustig macht“, sagt Andrea Schamberger-Hirt. Dialekt sei keineswegs ein Zeichen für mangelnde Intelligenz. „Im Gegenteil“, so Schamberger-Hirt, „Untersuchungen haben ergeben, dass Mundartkinder nicht mehr Probleme in der Schule haben als Kinder, die nach der Schrift sprechen“. Für die Sprachforscherin ist Mundart ein Kulturgut.

Eine Sprache, die sich nicht verändert ist eine tote Sprache

Schon während ihres Studiums für das Lehramt am Gymnasium in den Fächern Deutsch und Geschichte war sie von den Sprachwissenschaften fasziniert. Sie promovierte in Deutscher Sprachwissenschaft bei Professor Werner König an der Augsburger Universität. „Ich erstellte den 13. Band des Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben, dessen Wortschatz die Bereiche Wald, Holz, Transport und Gefäße umfasst“, erklärt die 45-Jährige. Das höre sich zunächst alles sehr trocken an, doch wie spannend Sprachforschung sein kann, davon erzählt Schamberger-Hirt mit Begeisterung: „Durch die Zunahme der Mobilität, das hohe Angebot von unterschiedlichesten Medien und die Schulbildung verändert sich Sprache.“ Dies sei ein natürlicher Prozess. Auch Latein habe sich zu anderen modernen Sprachen wie beispielsweise Italienisch, Rumänisch oder Französisch entwickelt. „Eine Sprache, die sich nicht wandeln würde, wäre eine tote Sprache“, sagt sie. Deshalb brauche man auch keine Angst vor der Veränderung haben.

Als Beispiel nennt sie das Wort „Weib“. War es anfangs, überhaupt kein Problem Frauen als Weib zu bezeichnen, so gelte es heute als abwertend. Oder auch das Wort „Langwied“, kaum einer wisse mehr, wofür man das Wort verwendet hat. In Mering gibt es beispielsweise noch eine Flurbezeichnung am Lechfeld und Landwirt Scherer, hat seinen Hof „Langwied-Hof“ genannt, weil er dort seinen Betrieb hat. „Früher wurde ein langes Waldgrundstück Langwied genannt“, erklärt Schamberger-Hirt. „Daneben gibt es noch die Langwied. Sie ist die lange Holzstange, die das Vorder- und Hintergestell eines zweiachsigen Wagens verbindet.“

Schwer wird es vor allem auch das echte Münchnerisch haben

Und genau diese Wortverwendungen, Änderungen und auch das Verschwinden von Wörtern, nimmt das Bayerische Wörterbuch mit auf, das teilweise sogar Quellen verwendet, die bis ins achte Jahrhundert zurückreichen.

Ob es auch in 100 Jahren noch den Lechrainer Dialekt geben wird, das mag die Sprachforscherin nicht vorauszusagen. Schwerer noch werde es das ursprüngliche Münchnerisch haben. „Schon jetzt wird das echte Münchnerisch kaum mehr in Reinform gesprochen“, sagt sie. Ihr selbst fällt der Wechsel zwischen Hochdeutsch und Bairisch jedenfalls nicht schwer und das „Pfiad di“ zum Abschied ist für Andrea Schamberger-Hirt keine aufgesetzte Phrase, sondern eine Selbstverständlichkeit.

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