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KulturCafé

20.04.2016

Viele Fluchtmonate voller Strapazen erlebt

Asylhelferin Regina Diepold zusammen mit Finan Yacob (links) und Drar Eyob vor der Infowand mit Fotos aus dem Leben der Flüchtlinge und einer Karte mit der Fluchtroute.
Foto: Heike John

Zwei Eritreer erzählen dem Publikum in der Kissinger Bücherei von ihren Anstrengungen, um ein Leben mit Rechten führen zu können

Traditionelle Musik aus Eritrea vom Band stimmte auf den zweiten Nachmittag im KulturCafé der Bücherei Kissing unter dem Motto „Heimat, Flucht, Begegnung“ ein. Zu Gast waren mit Drar Eyob und Finan Yacob zwei Flüchtlinge aus Eritrea, die von Regina Diepold vom Kissinger Asylhelferkreis begleitet und ermutigt wurden.

Zwischen den Bücherregalen hatte sich in etwa der gleiche Besucherkreis wie eine Woche zuvor beim Nachmittag mit syrischen Asylanten versammelt. Das von Büchereileiterin Petra Scola willkommen geheißene Publikum zeigte jedoch bereits deutlich mehr Mut, den jungen Flüchtlingen konkrete Fragen zu stellen. Warum seid ihr nach Deutschland gekommen und nicht nach Italien oder Frankreich gegangen? Warum werden in Eritrea so viele Soldaten gebraucht? Wie sieht euer Tagesablauf aus und wie verbringt ihr das Wochenende? Was bekommt ihr an finanziellen Zuwendungen vor und nach der Anerkennung?

Es gab vieles, was die Besucher aus Kissing schon lange einmal wissen wollten. Die Verständigung mit dem 21-jährigen Finan und dem 22-jährigen Drar war nicht ganz so einfach, denn die Aussprache der jungen Eritreer ist für deutsche Ohren gewöhnungsbedürftig. Wer jedoch ein Auge auf die an einer Stellwand aufgezeigten Satzbeispiele in Deutsch und deren Übersetzung in die tigrinische Sprache, neben dem Arabischen die Amtssprache des Landes, werfen konnte, dem wurde sofort klar: Flüchtlinge aus Eritrea müssen eine unglaubliche Transferleistung erbringen, um sich in Deutschland verständigen zu können. Drar hatte seinen Vortrag für den Büchereinachmittag ohne fremde Hilfe vorbereitet und Finan war ganz kurzfristig für einen Landsmann eingesprungen.

Hilfreich zur Seite stand ihnen Regina Diepold, die mit ihrer Unterstützung keinen Zweifel daran aufkommen ließ, wie wohlwollend sie die jungen Eritreer aus der Kissinger Bachstraße in den letzten Monaten begleitete. Zur ersten Orientierung des Publikums gab sie eine kurze Einführung in den Staat im nordöstlichen Afrika, der vor allem durch seinen Zugang zum Roten Meer in kriegerische Auseinandersetzungen mit den Nachbarstaaten verwickelt ist. Ein Großteil der Flüchtlinge, die in Europa ankommen, stammt aus Eritrea. Die Menschen fliehen vor dem autoritären Regime und einer wirtschaftlich desolaten Lage. Männer und Frauen sind lebenslang zu einem Zwangsdienst beim Militär verpflichtet. Sogar Mädchen werden bereits mit 15 Jahren eingezogen. Drar berichtete von drakonischen Strafmaßnahmen während seiner Militärzeit. „Ich habe dieses Leben gehasst und wollte weg, weil der Präsident ein Diktator ist“, schreibt er in einem seiner Sätze auf der Stellwand. Für seine Flucht brachte Drars Familie nicht nur rund 5000 Dollar und somit etwa zwei Jahresgehälter auf, sondern musste auch viele Repressalien hinnehmen. Auf einer ausgestellten Karte wurde der Fluchtverlauf durch den Sudan, Libyen und mit dem Boot nach Sizilien dargestellt. Viele Monate voller Strapazen gingen ins Land, bis die beiden jungen Eritreer in Kissing ankamen.

Nun wünschen sich beide jungen Männer nichts sehnlicher, als einen Beruf erlernen zu können. Finan und Drar sind Christen. In der Bevölkerung Eritreas sind Christen und Moslems fast zu gleichen Teilen vertreten. Durch das gemeinsame Fußballspiel konnten sie erste Kontakte zu hiesigen Jugendlichen knüpfen, doch mehr Annäherung schafften sie noch nicht. Das größte Problem sei, als anerkannter Flüchtling eine Wohnung zu finden. Hier appellierten die anwesenden Asylhelfer noch einmal eingehend an die Bevölkerung.

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