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Schule

26.05.2015

Vom Wert einer lebendigen Demokratie

Günther Rehbein berichtet am Gymnasium über ein deutsches Schicksal

Für den Gefangenen gab es nichts als die ewige Mühle: essen, schlafen, arbeiten, schlafen, arbeiten – tagaus, tagein. Es gab keinen Sonntag oder Feiertag, sondern lediglich die Einrichtung des sogenannten „Wychotneu“, das heißt, dass man jede siebte Schicht in der Baracke bleiben konnte, wenn die Brigade zur Arbeit angetrieben wurde. Man konnte dann eine Schicht zusätzlich schlafen. „Wychotneu“ bedeutet so viel wie „Ausgang“, ein Zynismus.“ So beschrieb ein Gefangener sein Dasein in Workuta, einem Arbeitslager in Russland nördlich des Polarkreises, zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Dort wurde auch Günther Rehbein aus Gera, geboren 1933, rund drei Jahre lang festgehalten. Darüber berichtete er Schülern des Gymnasiums Friedberg in zwei bewegenden Schulstunden.

Für Rehbein, als einen der letzten Überlebenden, war es ein besonderes Anliegen, dass die Schüler den Wert des menschlichen Lebens begreifen, einen Wert, den er in seiner Zeit in Workuta und auch in den Jahren danach nicht erleben durfte. Glücklich verheiratet, ein Kind und das zweite bereits unterwegs, wurde der damals 19-Jährige im Osten Deutschlands nach Kriegsende unter dem Vorwand verhaftet, Spionage betrieben und mit regimefeindlichen Aussagen die DDR infrage gestellt zu haben. Das Urteil des sowjetischen Militärtribunals lautete: 25 Jahre in der sowjetischen Straflagerregion Workuta wegen „antisowjetischer Hetze“, „Spionage“, „Diversion“ und „Terrorismus“.

Nach langen grausamen Verhören in einem Berliner Stasigefängnis, wo man Rehbein die Daumenkuppe abtrennte, wurde er dazu gebracht, die Papiere nach Workuta zu unterschreiben; man drohte nämlich, seiner Familie Leid zuzufügen. Im russischen Arbeitslager wurde sein Hörvermögen durch Sprengungen beim Kohleabbau stark geschädigt, und er erlitt Erfrierungen bei Durchschnittstemperaturen bis zu minus 40 Grad. Zwischenzeitlich erschien ihm sogar der Tod als Erlösung, aber der Gedanke an seine Familie und die Gemeinschaft mit den anderen Häftlingen weckten wieder den Überlebenswillen, so schilderte Rehbein den Schülern seine leidvollen Erfahrungen. 1955 wurde er im Rahmen der Moskaureise, welche Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Inkrafttreten der Pariser Verträge unternommen hatte, endlich nach Deutschland, in seine Heimat, entlassen. Rehbein empfindet diesen Tag als seinen zweiten Geburtstag.

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Doch war das Leiden für Günther Rehbein noch nicht beendet. Das Regime sperrte ihn ein weiteres Mal ein, nun im „Gelben Elend“ zu Bautzen, nachdem er einem seiner damaligen Peiniger das Parteiabzeichen vom Gewand gerissen hatte. Diesem war Rehbein auf einer Geburtstagsfeier begegnet. Der Stasimann hatte ihn mit den Worten verspottet: „ … dass sie Dich nicht erschossen haben …“

Die Wiedervereinigung empfindet Rehbein als großes Geschenk nach langen Jahren des permanenten Bespitzeltwerdens durch die Staatssicherheit, der Unterdrückung in einem Staat, der ihm auch seine Kinder geraubt hat. Erst nach über fünf Jahrzehnten fanden sich Rehbein und seine Tochter, welche während seiner Leidenszeit in Workuta zur Adoption freigegeben worden war, nach langer Suche wieder.

Ein großes Anliegen ist es Günther Rehbein, die Willkür und Grausamkeit, welche er ertragen musste, den Schülern vor Augen zu führen und ihnen dabei die Werte einer lebendigen Demokratie zu zeigen, welche täglich zu behaupten ist. Die Gymnasiasten verließen den Raum nach zwei ergreifenden Stunden und intensiven Gesprächen. Es war ein deutsches Schicksal, von dem Günther Rehbein den Schülern erzählte, einerseits scheinbar sehr weit weg und doch so gegenwärtig.

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