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31.07.2010

Von der Hufe zur Hausnummer

Florian Kastl bemüht sich seit vielen Jahren um alte Fotos der Derchinger Anwesen. Eine Ausfertigung seiner Bilddokumentation überließ er dem Heimatverein.
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Florian Kastl bemüht sich seit vielen Jahren um alte Fotos der Derchinger Anwesen. Eine Ausfertigung seiner Bilddokumentation überließ er dem Heimatverein.

Derching Erste menschliche Spuren bei Derching sind Funde von steinzeitlichen Pfeilspitzen. Wenn diese Menschen dieses Gebiet nicht nur als Durchzugsgebiet bei der Jagd nutzten, so ist anzunehmen, dass sie in einfachen Häusern oder nur in Sand gegrabenen Höhlen der Lechleite Unterschlupf fanden. Die erste Besiedelung des Landes erfolgte hauptsächlich entlang der Gewässer. Konkrete Nachweise einer relativ starken Besiedelung beweisen zahlreiche archäologische Fundstücke römischer Herkunft und der Nachweis von Resten einer römischen villa rusticae.

Im Jahr 1160 sind zu Denchiringin eineinhalb Hufen verzeichnet. Über ihre Herkunft ist nichts bekannt, eventuell sind sie auf die ortsansässige Ministerialenfamilie Marchward de Tenchiringen, der im 12. Jahrhundert für St. Ulrich eine Stiftung ans Spital bezeugte, zurückzuführen. Um 1200 galt die Hufe als Grundbesitz- und Einhebeeinheit im Sinne einer landwirtschaftlichen Besitzgröße.

Das Dorf selbst ist unter Herzog Otto II (1231-1253) von den Wittelsbachern angekauft und von den Marschällen von Schiltberg, Lehensinhaber der Herrschaft Mühlhausen, zeitweise angeeignet worden. Die Hufen wurden im Spätmittelalter zu einem Hof zusammengelegt, der 1391 dem Bauding und Amtshof Laimering unterstand. Er ging 1365 an den niederadeligen Eberhart Salher zu Leibrecht. Im 15. Jahrhundert scheint er öde gewesen zu sein, da er 1429 für acht Jahre und 1437 nochmals für drei Jahre von der Gült befreit wurde.

Junge Familien ziehen in leer stehende Häuser

Von der Hufe zur Hausnummer

Zu allem Unglück wurde Derching nach dem Dreißigjährigen Krieg auch noch von der Pest heimgesucht. Die Seuche wird auch bei uns zu einer Verjüngung der Bevölkerung geführt haben, wie ein Vergleich der Namensverzeichnisse vor und nach diesem Krieg, schließen lässt. Frei werdende Häuser wurden mit jungen Familien besetzt. Das Absinken des Heiratsalters hat ein starkes Bevölkerungswachstum zur Folge.

Auch von günstigem Klima wird berichtet. Wirtschaft und Handel profitierten vom geregelten Münzwesen. Von 1618 bis 1850 war die "Söldenbildung" verboten, das heißt, es wurde kein neues Baurecht ausgewiesen. Damit konnten keine zusätzlichen Häuser gebaut werden. Die Bevölkerung musste mit dem vorhandenen Baubestand auskommen. Die Zahl der Familien (damit auch die Gesamtzahl der Bevölkerung) war gleichbleibend. Wer kein Haus durch Erbe, Einheirat oder Kauf erwerben konnte, musste zwangsläufig ledig bleiben.

Nach der totalen Zerstörung im Krieg 1632 und noch einmal 1648 dauerte es bis 1720, bis alle Häuser des Vorkriegsbestandes wieder aufgebaut waren. Es gab also durchaus Gelegenheit zum Hauserwerb. Nur die Kinder der unteren sozialen Schicht konnten diese Gelegenheit mangels elterlicher Kapitalausstattung nicht nutzen; blieben also ledig und kinderlos.

Herkunftsangaben für die neuen Besitzer fehlen völlig. Es könnten zum Teil entlassene Soldaten gewesen sein, die seit ihrer Kindheit mit einem Heer durch Deutschland gezogen sind. 1650 hatte jeder eine Chance, der ein Haus aufbauen wollte. Noch bis 1720 beruft man sich bei Neubauten darauf, dass bis 1632 an dieser Stelle schon einmal ein Haus stand und folglich Baurecht bestand. Für die neuen Gebäude stellten die Grundherren oft kostenlos das Bauholz. Hatte der Zimmermann die Balken "gerichtet", half die Dorfgemeinschaft zusammen, um sie "aufzuheben".

Der Obereigentümer oder Grundherr besitzt einen Kapital-Anteil an der Immobilie, benützt sie aber nicht selbst, sondern überlässt sie gegen Abgabenleistungen dem Untereigentümer. Daraus ist erkennbar, dass der Grundherr der Besitzer des Grundstückes ist. Das Steuerbuch 1671 enthält viele Beispiele in dieser Art: Eine Bauernhof-Brandstatt war 1635 "gratis" zu erwerben, denn es war kein Vorbesitzer mehr vorhanden. So dürfte auch in Derching der Eigenbesitz des "Eichhorn" entstanden sein.

Das Eigentum verpflichtet - schon immer

Die Landbevölkerung bestand nicht nur aus Bauern, sondern war in viele Schichten gegliedert. Zutreffender ist eine Gliederung in Familien mit und ohne Immobilienbesitz. Um eine Familie gründen zu können, war bis etwa 1850 der Nachweis eines Immobilienvermögens erforderlich. Das Hauseigentum wurde als Existenzgrundlage angesehen. Ohne Hausbesitz erteilte die Gemeinde keine Heiratserlaubnis. Das Hauseigentum wiederum verpflichtete zur Steuerzahlung. Die Besitze waren unterschiedlich groß und die Besteuerung richtete sich nach der Besitzgröße. Das Ansehen innerhalb der Dorfgemeinschaft auch.

Alle Steuerbeträge wurden nach dem Hoffuß berechnet. Ein Ganzbauer zahlte den vollen Steuerbetrag. Die anderen leisteten ihren Bruchteil davon. Nur durch Hofteilungen und Zusammenlegungen kamen andere Bruchzahlen zustande. Der Hoffuß war im Ort allgemein bekannt und kann auch als Maß der dörflichen Sozialstruktur angesehen werden.

Sozialer Abstieg ist der Normalfall

Da eine Einheirat in ein Haus mit dem Erwerb des halben Miteigentumsanteiles verbunden war, wurde als Heiratsgut der halbe Anwesenswert erwartet. Daraus ergibt sich, dass überzählige Kinder die soziale Stufenleiter abwärts, aber niemals aufwärts heiraten konnten. Sozialer Abstieg ist also der Normalfall. Sozialer Aufstieg war ganz selten, etwa durch eine Erbschaft, möglich.

In der intakten Dorfgemeinschaft gab es also keine Armen. Selbst wenn ein Haus abgebrannt war, wurde es notfalls durch die Dorfgemeinschaft wieder aufgebaut. Damit war die soziale Sicherung der Bewohner und Heimatberechtigten wieder hergestellt. Es gab jedoch mehrere Fälle, in denen Hauseigentümer wegen Überschuldung verkaufen mussten und ihr Lebensende im Gemeindehaus fristeten. Das 1806 wesentlich vergrößerte Gebiet von Bayern erforderte eine einheitliche Verwaltung. Sie wurde nach französischem Vorbild straff zentralistisch organisiert. Mit der Säkularisation wurden alle kirchlichen Hofmarken aufgehoben. Die Adelshofmarken bestanden zum Teil noch bis 1848. Das Gerichtswesen wurde nun einheitlich bei den Landgerichten geführt. Ziel war eine gerechte und einheitliche Besteuerung. Dazu wurden alle Grundstücke im Land vermessen und ihr Ertrag (Bonität) geschätzt. Das alte Hoffuß-System wurde damit hinfällig. Das Ergebnis von Vermessung und Bewertung, auch die Höhe der bisherigen Steuern, fand Niederschrift im Dominikal- u. Rustikalsteuer-Kataster von 1812. Hier erhielt jedes Wohngebäude eine Hausnummer. Die unbebauten (landwirtschaftlichen) Grundstücke wurden dem Hausgrundstück zugeordnet. Jedes Grundstück erhielt seine Flurnummer. Dieses System gilt im Prinzip heute noch. Die im Jahr 1812 entstandenen Hausnummern bilden in der Häuser- und Familiengeschichte das Ordnungskriterium, das in Derching bis Mitte der 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts Bestand hatte. Um 1836 und um 1867 wurden besonders viele Häuser auf dem Land neu gebaut und dabei die alten Holzhäuser durch Ziegelbauten ersetzt.

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