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Bundestagswahl 2017

20.09.2017

Fakten-Check: Werden Frauen beim Gehalt wirklich benachteiligt?

Die SPD kritisiert im Wahlkampf eine Lohnlücke von 21 Prozent zwischen Männern und Frauen. Doch stimmt diese Zahl?
Bild: Andrea Warnecke, dpa

Die SPD kritisiert im Wahlkampf eine Lohnlücke von 21 Prozent. Wir haben geprüft, was hinter der Zahl steckt.

Kann das stimmen? Was ist da wirklich dran? Wir leben in einer Zeit, in der sich streitbare Behauptungen schneller verbreiten als je zuvor. Wer prüft da noch, ob die vermeintlichen Tatsachen auch stimmen? Wir! Heute geht es um die Frage, ob Frauen bei gleicher Arbeit tatsächlich 21 Prozent weniger verdienen als Männer.

Die SPD wirbt auf Wahlplakaten mit dem Slogan: „Wer als Frau 100 Prozent leistet, darf nicht 21 Prozent weniger verdienen.“ Bei dieser Prozentzahl beruft sich die Partei auf das Statistische Bundesamt, das berechnet, wie groß der Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern ausfällt. Demnach haben Frauen 2016 im Schnitt einen Stundenlohn von brutto 16,26 Euro bekommen, Männer erhielten 20,71 Euro.

Doch es kursieren noch ganz andere Zahlen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) etwa beziffert die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern auf nur 3,8 Prozent. Manche Wissenschaftler schätzen sogar, dass es überhaupt keine Lohnlücke gibt. Die Quellen sind seriös. Wie kann es also sein, dass sich die Aussagen derart unterscheiden?

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Berechnung: Die 21 Prozent beschreiben die Lohnlücke in unbereinigter Fassung. Das Statistische Bundesamt vergleicht dabei lediglich den durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Frauen und Männern. Bei den 3,8 Prozent handelt es sich dagegen um einen bereinigten Wert. Bei ihm sind Faktoren wie Qualifikation, Branche und Dauer der Betriebszugehörigkeit herausgerechnet, denn auch diese sind entscheidend dafür, wie viel Lohn ein Arbeitgeber bekommt. Diese Faktoren werden in der Rechnung ausgeklammert, da sie – zumindest auf den ersten Blick – nichts mit dem Geschlecht zu tun haben.

Aussagekraft: Der unbereinigte Wert zeigt, wie viel weniger Frauen verdienen. Er beinhaltet jegliche Faktoren, die eine Rolle dafür spielen. Die Zahlen werden alle vier Jahre in einer Erhebung gemessen, zuletzt im Jahr 2014, also vor Einführung des Mindestlohns. Deshalb wurden die Ergebnisse jährlich fortgeschätzt. Grundlage sind Fragebögen an Arbeitgeber von 60000 Betrieben mit mehr als zehn Mitarbeitern. Jedoch ist etwa der Öffentliche Dienst ausgeklammert – und dort arbeiten immerhin rund zehn Prozent der Deutschen nach Tarif, also mit einheitlich geregelter Bezahlung. Die Zahlen geben also die Zustände nicht vollständig wider.

„Der bereinigte Wert dagegen hat den Anspruch, Gleiches mit Gleichem zu vergleichen“, erklärt eine Sprecherin des Statistischen Bundesamts. Er eigne sich daher besser, um mögliche Gründe für einen unterschiedlichen Lohn bei gleichen Bedingungen aufzuzeigen.

Gründe für Lohnunterschiede: Dem Statistischen Bundesamt zufolge fällt die unbereinigte Lohnlücke deshalb so groß aus, weil Frauen und Männer oft nicht unter vergleichbaren Bedingungen arbeiten. So sind Frauen zum Beispiel häufig in anderen Branchen und Berufen tätig als Männer – etwa in der Pflege, in der weniger bezahlt wird als in der Industrie. Frauen übernehmen weniger oft Führungsaufgaben und unterbrechen ihre Arbeit öfter, um sich um den Nachwuchs zu kümmern oder Verwandte zu pflegen. Außerdem sind sie häufiger in Teilzeit oder in Minijobs beschäftigt. Die Lücke lässt sich zu drei Viertel durch diese Faktoren erkennen.

Das restliche Viertel, laut Statistischem Bundesamt entspricht das nur noch sechs Prozent, könne auf eine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts hindeuten – bei gleicher Arbeit. Fest steht jedoch: Berücksichtigten Statistiker weitere Faktoren, wäre die bereinigte Lohnlücke möglicherweise noch geringer ausgefallen. Je breiter der Datensatz, desto aufschlussreicher ist der Wert.

Da gibt es aber ein Problem, wie IW-Mitarbeiterin Andrea Hammermann erklärt: Die Wissenschaftler müssten manche Informationen außen vor lassen. Sie könnten zum Beispiel schwer greifen, wie unterschiedlich sich Frauen und Männer in Gehaltsverhandlungen verhalten.

Zudem können Wissenschaftler nicht erfassen, ob Frauen bestimmte Chancen vielleicht von vornherein verwehrt sind, etwa auf einen Job in der Chef-Etage. Die IW-Wissenschaftler verweisen darum darauf, dass auch „ihre“ Lohnlücke von 3,8 Prozent nur eine Annäherung an die Realität ist. Das Institut ging sogar noch einen Schritt weiter und teilte mit: „Einschlägige Befunde haben bereits gezeigt, dass bei Anwendung entsprechender Bereinigungsverfahren keine nennenswerte geschlechtsspezifische Entgeltlücke mehr nachweisbar ist.“ Es verweist dabei auf eine Studie der Wissenschaftler Christina Boll und Julian S. Leppin.

Prognosen: Betrachtet man die Zahlen der vergangenen Jahre, so lässt sich sagen: Sowohl die unbereinigte als auch die bereinigte Lohnlücke schrumpfen langsam, aber stetig. Frauen holen in Sachen Lohn auf. Der Abstand zu den Männern lässt sich immer deutlicher auf Unterschiede in den Lebens- und Arbeitsumständen zurückführen und weniger auf eine ungleiche Behandlung allein wegen des Geschlechts.

Fakt ist: Frauen verdienten im vergangenen Jahr tatsächlich im Schnitt weniger als Männer. Ob es wirklich 21 Prozent weniger sind, ist zu bezweifeln, da etwa eine Branche mit Löhnen nach Tarif in Umfragen ausgeklammert wurde. Die Lohnlücke lässt sich zudem nicht nur auf das Geschlecht zurückführen, wie es der Wahlkampf-Slogan suggeriert. Werden die 21 Prozent ohne Kontext zitiert, führt das in die Irre. Fakt ist aber, dass sich Frauen in vielen lohnrelevanten Merkmalen von Männern unterscheiden, zum Beispiel in der Wahl der Branche oder in häufigeren Auszeiten vom Job – und das kann durchaus damit zusammenhängen, dass sie nicht die gleichen Chancen haben wie Männer.

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