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Italien

22.07.2019

12.000 Feriengäste: Urlaub auf Europas größtem Campingplatz

80 Fußballfelder Campingfläche, Platz für über 12000 Menschen gleichzeitig – Marina di Venezia ist einwohnermäßig wie eine Kleinstadt am Meer.
Bild: Marina di Venezia

Marina di Venezia gilt als der größte Campingplatz Europas. Wie sind Ferien in einer solchen Masse? Ein Selbstversuch mit Familie.

Dio Mio – mein Gott …

Ein bisschen Angst meldet sich plötzlich am Brenner. Die Sonne scheint, prima Urlaubswetter, kein Stau, fantastico also, aber auf einmal fallen einem die vielen Wohnmobile und Caravans mit deutschen Kennzeichen auf, die mit uns gen Süden rollen. „Dio mio, die werden doch nicht …, alle …“ – sofort sind da Szenen aus der legendären Gerhard-Polt-Satire „Man spricht Deutsch“ im Kopf, von massenhaft urlaubenden Deutschen an der Adria, von Handtüchern auf Liegen, Schnitzel am Teutonengrill. Ganz und gar nicht mein Urlaub, aber mit Familie muss man auch Kompromisse finden, Adria statt Amerika. Dann schaltet sich aber sofort die Ratio ein, sendet was von alten Klischees und Unwahrscheinlichkeiten. Im Comic hätte ich nun wohl ein Urlaubsengelchen und ein Urlaubsteufelchen über meinen Schultern sitzen, die sich streiten. Das Engelchen gewinnt: Italien ist groß, und der Campingplatz, auf dem wir unseren Bungalow für den Familienurlaub gebucht haben, ist es schließlich auch. Sehr groß sogar. Der größte Europas. Platz für über 12.000 Menschen gleichzeitig, eine Kleinstadt am Meer. Wie dort Urlaub funktioniert, wollen wir schließlich zu viert erleben. Individuell in der Masse untertauchen – geht das überhaupt?

Benvenuti – Willkommen …

Dass Marina di Venezia kein ganz normaler Campingplatz ist, zeigt sich gleich am Eingang. Ein riesiges Metall-Sonnensegel schwebt über dem Zufahrtsbereich, Mitarbeiter begrüßen die Ankömmlinge freundlich. Ja, man spricht Deutsch – schließlich kommt jeder zweite Gast aus Deutschland. Aber Italienisch palavern ist auch erwünscht. Und dann gibt es nach dem Blick auf die Buchungsbestätigung jedem Autoinsassen rot-gelbe Permanent-Bändchen ums Handgelenk. Nicht abmachen! Das ist die Eintrittskarte zum Riesencampingplatz, so was wie ein Personalausweis fürs Handgelenk. Ein paar Minuten später werden wir dann sozusagen noch Staatsbürger von Marina di Venezia: Wir geben unsere Pässe als Pfand beim Check-in ab, bekommen dafür Campingplatzausweise mit Namen und Geburtsdatum drauf, die sogar die Polizisten im nahen Venedig als vorläufiges Dokument akzeptieren sollen, heißt es.

Dann faltet die Rezeptionistin einen Plan auf und wir bekommen eine Vorstellung von 80 Hektar Campingtraum. Sie macht einen Kringel um eine Zahl auf grünem Kästchen im linken unteren Eck und fährt mit dem Kugelschreiber den Weg von der Rezeption bis dorthin nach. Es sieht weit aus – aber Überraschung: Im Schritttempo sind es keine fünf Minuten zu unserem Zuhause auf Zeit. Die Kinder erkunden sofort den Zwei-Zimmer-vollausgestattete-Küche-sauberes-Bad-Bungalow und sind begeistert: ein eigenes Zimmer mit zwei Hochbetten, es gibt also schon mal keinen Streit ums Oben- und Untenschlafen. Bei einer Tasse Kaffee auf der Veranda und Blick auf die zwischen den Bäumen Fußball spielenden Jungen schwant uns Großen schon mal: Das riecht nach Entspannung.

Dieser Zwei-Zimmer-vollausgestattete-Küche-sauberes-Bad-Bungalow war unser Zuhause auf Zeit.
Bild: Lea Thies

Damit wir uns erholen können, haben Massimo Battaglio, seine 100 Kollegen vom Campingplatz-Team und die 500 Beschäftigten in den Geschäften und Restaurants allerhand zu tun. Der Südtiroler ist der Client-Manager des Campingplatzes und so etwas wie Premierminister von Marina di Venezia. Häufig ist er auf dem Fahrrad anzutreffen oder im Gespräch mit Gästen – nun sitzt er in seinem Büro gleich rechts neben dem Eingang und erzählt. Von früher zum Beispiel. Als 1958 zwei Freunde aus Bozen und Padua das Grundstück auf der Landzunge vor Venedig von der Gemeinde Cavallino Treporti pachteten und es in einen Campingplatz umwandelten, der noch immer ihren Familien gehört. Sie pflanzten Bäume, legten Wege an, bauten Sanitäranlagen. Camping war damals Trend, und auch die Nähe zur legendären Lagunenstadt sorgte dafür, dass immer mehr Gäste ihre Zelte in Marina di Venezia aufschlugen, Caravans und Wohnmobile unter den Bäumen parkten oder seit ein paar Jahren auch Bungalows buchten, so wie wir nun.

Andiamo – Los geht’s …

Die Jungs wollen erst einmal das Schwimmbad testen, das nur ein paar Gehminuten von unserem Bungalow entfernt ist. Abends schlendern wir dann an den neuesten Bungalows vorbei, die schick mit Holz vertäfelt und Innenhof mehr nach cooler Architektur unter Sonnenschein wie in Palm Springs/Kalifornien als nach Campingplatz aussieht. Und auch sonst: Man hat nicht das Gefühl von Massenunterkunft. Akklimatisieren fällt überhaupt nicht schwer. Das mag auch an der cleveren Aufteilung des Geländes liegen und an den vielen Bäumen.

Es ist unmöglich, vom Boden aus die achtzig Fußballfelder an Campingplatzfläche zu überblicken. Keine Caravanfelder. Kein dicht an dicht – die 3000 Stellplatz-Parzellen sind großzügig geschnitten. Die Menschenmenge verläuft sich irgendwie. Gut, der Platz ist nicht ausgebucht, als wir dort kurz vor Pfingsten sind. Aber man merkt auch die 6000 Menschen nicht. Nicht einmal im Campingplatz-eigenen 1,5 Hektar großen Aqua Park, am 1,2 Kilometer langen Sandstrand oder in der Ladenstraße. Die Infrastruktur ist auf viele Gäste ausgelegt und scheint zu funktionieren. Man kann sie in Anspruch nehmen, im Supermarkt einkaufen, in der Ladenstraße bummeln oder Eis schlecken, und, ganz wichtig, bei Koch- und Abwaschunlust auch essen gehen – die Restaurants sind gut, preiswert und das Personal freundlich und schnell.

Zum 60. Jubiläum bekam Marina di Venezia eine von einem Star-Architekten gestaltete Ladenstraße.
Bild: Marina di Venezia

Man muss das alles aber nicht tun oder haben. Man kann auch einfach seine Ruhe haben, in seiner Ecke bleiben und ganz normal und entspannt campen oder die Umgebung erkunden. Heißt zum Beispiel: Mit dem Fahrrad die Lagune abfahren, mit dem Boot in 45 Minuten zum Markusplatz schippern, so wie wir es am nächsten Tag tun werden, etwas Kultur tanken, das neueste Banksy-Graffito in Venedig suchen.

Freiheit! Spontanität! Lockerheit! Das ist es ja schließlich, was viele Camper suchen, weshalb sie diesen Urlaubslifestyle so lieben. „Zu uns kommen auch Firmenchefs, die im Berufsleben immer Anzug tragen müssen und hier einfach froh sind, in Flipflops und T-Shirt rumlaufen zu können“, sagt Massimo Battaglio. Camping sei wieder voll im Trend. Und: Camping ist heute keine Frage des Geldes. Interessanter als die Preise sei für viele Stammgäste: „Was gibt’s Neues?“ „Man muss den Gästen schon etwas bieten“, sagt Massimo Battaglio. Zum 50-jährigen Jubiläum gab es beispielsweise den Ausbau des Wasserparks, zum 60-Jährigen die neu gestaltete Ladenstraße von Matteo Thun, für 2020 wird schon an einer Neuerung im Aqua Park geplant.

Schnell mal nach Venedig und den neuesten Banksy suchen – kein Problem!
Bild: Lea Thies

Che bello! – wie schön …

Einer, der Marina di Venezia schon lange kennt, besucht und liebt, ist Michael aus Ulm. Er steht mit seinem Wohnwagen in unserer Nähe und wir sprechen ihn aufgrund des Kennzeichens an. Der 56-Jährige ist mit seiner Familie da: Frau Claudia, 48, Tochter Sandrina, 26, Vater Rudolf aus Senden, 81, Enkeltochter Emma-Marie, 4 – vier Generationen sitzen nun am großen Campingtisch und erzählen. Michael kennt Marina di Venezia schon länger als seine Frau. Vor 34 Jahren kam er zum ersten Mal her. „Damals waren die Sanitäranlagen noch Häuschen in Pilzform und es gab Badekappenpflicht“, erinnert er sich. Dann brachte er seine Frau mit, bald krabbelte seine Tochter durch den Sand – „sie hatte immer ein paar Schnuller in der Hand und man musste nur der Schnullerspur folgen“, erinnert sich Claudia lachend und sagt dann: „Die Kinder sind zur Hälfte in Ulm und hier groß geworden.“

Das Campingvirus hat längst auch ihre vierjährige Enkeltochter erfasst. Damit sie wusste, wann es wieder nach Marina di Venezia ging, hatte Oma ihr heuer extra einen Abreißkalender gebastelt. Die Familie hat es auch auf anderen Campingplätzen versucht, aber nirgends hat es ihnen so gefallen wie hier. „Man fühlt sich hier willkommen, alle sind superfreundlich“, sagt Michael und seine Frau ergänzt: „Es ist wie nach Hause kommen. Wir kennen die Menschen hier, sie kennen uns.“ Man kennt sich – das verbindet. Michael hat auch Jahr für Jahr die Karriere eines Straßenkehrers miterlebt, wie der Mann erst mit dem Besen unterwegs war, dann mit einer Kehrmaschine, nun ein Team hat. Sie grüßen sich immer, wenn sie sich sehen. Oder die Klofrau, die all die Jahre dasselbe Wasch- und Toilettenhaus pflegt und einen tollen Job macht. „Die Sanitäranlagen sind wirklich Superlative“, hebt Claudia einen für sie wichtigen Aspekt hervor.

Auch so sieht Camping heute aus: die Garten Villas.
Bild: Lea Thies

Die Familie hat den Platz auch schon weiterempfohlen – so kam es auch, dass aus Michaels Ex-Kollegen und langjährigen Backpacker Andi, 57, ein begeisterter Neu-Camper wurde, der sein Wohnmobil neben Michaels Wohnwagen und Rudolfs Campingbus geparkt hat und nun mit am Tisch sitzt und den Erzählungen von früher lauscht. „Ich finde gut, dass hier auch viel investiert wird“, fasst Michael zusammen. Und ja, sie kommen lieber in der Nebensaison, in den Ferien sei es schon wesentlich voller.

Azzurro – Azurblau …

Das Erste, was wir morgens hören: „Aufstehen, ich will ins Schwimmbad“ – der Dreijährige ist vom Hellblau der beheizten Kinderlagune begeistert, der Bruder von den Rutschen und dem Wellenbad, der Vater vom großen Schwimmerbecken mit olympischen Maßen und die Mutter vom Strand und dem klaren Wasser, in dem man den kleinen Krebsen beim Krabbeln über den Meeresgrund zuschauen kann. Und für urlaubende Helikoptereltern auch ein wichtiger Aspekt: Das Meerwasser wird gaaaaaanz langsam tiefer, ideal für Nichtschwimmer, Burgenbauer und Muschelsucher.

Zum 50. Jubiläum wurde der Aqua-Park erweitert.
Bild: Lea Thies

Ach ja, und dann ist da noch Paolos Eismobil, das regelmäßig vorbeikommt. Und die Kinderdisco, auf der der Dreijährige plötzlich abends besteht. Erstaunlich: Obwohl die Musik fast Folter für Erwachsenenohren ist – die Eltern machen vollentspannt mit, alle, lächelnd sogar.

Paolos Eismobil ist bei der ganzen Familie beliebt.
Bild: Lea Thies

Arrivederci  – Auf Wiedersehen …

Als wir am Donnerstag vor den Pfingstferien auschecken, rüsten sich Massimo Battaglio und sein Team schon für den Urlauberansturm, planen Nachtschichten und Spät-Check-Ins für Freitag ein. Wir bezahlen, bekommen unsere Pässe zurück und lassen die Armbändchen abschneiden. Der Dreijährige will sich nicht davon trennen, kleben daran doch Schwimmbad, Strand, Eis  und schöne Erinnerungen...

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