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Corona-Gespräch

30.03.2021

Hotelchefin trifft Stammgast: "Alles leer. Es ist ganz, ganz schrecklich"

Aufgestuhlt. Nichts geht mehr im Fünf-Sterne-Resort Sonnenalp in Ofterschwang. Seit das Beherbergungsverbot ausgesprochen wurde.
Foto: Martina Diemand

Plus Anna-Maria Fäßler und Tina Buckenmaier sind Gastgeberin und Stammgast im Hotel Sonnenalp in Ofterschwang. Über verordneten Stillstand, das Gefühl der Machtlosigkeit – und den Augenblick, den sie herbeisehnen.

Sie haben sich ja als Stammgast und Gastgeberin kennengelernt. Wie ist daraus Freundschaft entstanden?

Fäßler: Tina, fang du an, du kommst ja schon seit über 40 Jahren auf die Sonnenalp... Oder sogar über 50?

Buckenmaier: Ja, ich glaube, es sind 53 Jahre. Meine Eltern und meine Großeltern sind auch schon immer auf die Sonnenalp gefahren. Freundschaft ist bei uns beiden entstanden, weil wir sofort auf einer Wellenlänge waren, da gab es so viele deckungsgleiche Momente – von Anfang an. Wir konnten gar nicht anders als Freundinnen werden.

Fäßler: Wir haben viele Parallelen im Leben. Zum Beispiel arbeiten wir beide mit unseren Männern zusammen und haben beide Führungsverantwortung in Familienunternehmen übernommen. Jetzt in diesen schwierigen Zeiten telefonieren wir mindestens einmal die Woche, um diese Pandemie ertragen zu können. Hinzu kommt natürlich, dass die Sonnenalp das zweite Zuhause von euch ist.

Buckenmaier: Das stimmt wirklich. Weihnachten, Ostern, die wichtigsten Feiertage im Jahr sind wir da. Aber auch im Sommer, im Herbst ... Ich habe meinen Mann auf der Sonnenalp kennengelernt. Meine Tochter wurde zwar nicht auf der Sonnenalp geboren, aber war im Bauch schon mit dabei. Jetzt ist sie kürzlich 31 geworden. Es ist schon eine ganz enge Bindung.

Anna-Maria Fäßler (links) ist Hoteldirektorin, Tina Buckenmaier ist Modeunternehmerin.

Die Festlounge der Sonnenalp ist jetzt Corona-Testcenter

Fäßler: Du hattest dich ja so auf Weihnachten gefreut, dann auf Fasching und jetzt konntest du Ostern streichen …

Buckenmaier: Das ist super, superbitter. Zumal ich ja am letzten Tag vor dem Shutdown noch auf der Sonnenalp war und genau gesehen habe, was ihr alles gemacht habt. Dass das Haus ziemlich voll war, aber alle ihren festen Platz auf dem Gelände und im Restaurant hatten. Dass ihr im November schon diese Schnelltests hattet.

Fäßler: Seit Ende Juli haben wir die!

Buckenmaier: Und ihr habt sie uns ja weitervermittelt. Seitdem nutzen wir sie ja auch in unseren Geschäften. Ich frage mich, warum die Tests noch überall fehlen, wenn ihr die schon seit Monaten einsetzt. Wir haben uns supersicher bei euch gefühlt. Und verstehen nicht, warum wir nicht wieder kommen dürfen.

Fäßler: Wir haben ja sogar eine Arztpraxis im Hotel. Dr. Brosche ist Internist und sieben Tage die Woche vor Ort und auch für die Gäste da. Mit ihm haben wir unser Hygienekonzept aufgebaut. Von Juni bis Oktober hatten wir ungefähr 10000 Gäste, die bei uns ein- und ausgegangen sind. Wir hatten keinen einzigen Corona-Fall. Ich glaube, weil wir immer eine Nasenlänge vorausgedacht haben. Wir haben ja auch ein eigenes Testcenter in unserer Alm eingerichtet, die kennst du doch auch, oder? Die ist etwas außerhalb vom eigentlichen Gebäude.

Buckenmaier: (lacht) Natürlich kenne ich die, da habe ich doch geheiratet!

Fäßler: Stimmt, das ist eigentlich die Festlounge …

Buckenmaier: Wir können diesen Stillstand einfach nicht nachvollziehen. Wir kennen das ja auch in unserer Branche. Der Einzelhandel zählt doch auch nicht zu den Pandemietreibern. Wir achten auf die Abstände und alle Hygieneregeln. Aber wir wissen nicht mehr, was wir noch tun können …

"Es geht uns schlecht. Auch psychisch"

Hotels sind soziale Orte. Menschen kommen ins Gespräch. Freundschaften entstehen. Immer ist Leben in den Räumen. Wie fühlt es sich jetzt an, durch die leeren Gänge zu gehen?

Fäßler: Es sind nicht nur leere Gänge, es ist auch dunkel, weil wir sparen. Weil wir unsere Betriebskosten herunterfahren, wo es nur geht. Die Pools sind kalt, die Kühlschränke sind ausgeschaltet. Es fühlt sich schrecklich an. Ganz, ganz schrecklich! So ein trauriger Anblick. Es ist ein Haus, das über 100 Jahre Gastlichkeit vorzuweisen hat, und jetzt ist es seit über einem halben Jahr durchgehend geschlossen. Wenn man noch den ersten Lockdown dazuzählt, sind wir im neunten Monat, in dem wir unser Hotel nicht öffnen durften. Das zerreißt einem fast das Herz. Als wir schließen mussten, bin ich dir, Tina, weinend in die Arme gefallen...

Buckenmaier: Das stimmt und ich habe zu dir gesagt: Das ist jetzt nur für vier Wochen... Wir kommen Weihnachten. Auf jeden Fall...

Fäßler: Und jetzt ist Weihnachten vorbei, Silvester vorbei, Fasching vorbei, Ostern fast vorbei... Was soll man da noch sagen. Es geht uns nicht gut. Es geht uns schlecht. Und es ist auch psychisch nicht leicht. Wir versuchen, uns mit verschiedenen Projekten bei Laune zu halten und uns zu beschäftigen, das gelingt uns auch sehr gut. Gerade arbeiten wir daran, den Check-in noch kontaktärmer zu gestalten. Aber ansonsten ist das ein reines Desaster.

Wie gehen Sie mit diesem Frust um?

Fäßler: Wir versuchen uns natürlich in der Familie aufzubauen. Gott sei Dank verstehe ich mich mit meinem Mann gut, das hält ja fast keine Ehe aus. Tina, da kannst du bestimmt auch ein Wörtchen mitreden. Wir leben ja mit unseren Partnern nicht nur zusammen, wir arbeiten ja auch zusammen.

Buckenmaier: Da hast Du vollkommen recht. Aber auch unsere Kinder werden vor riesige Herausforderungen gestellt. Und ich kann ihnen keinen Rat geben. Ich habe ja auch noch nie eine Pandemie durchgemacht.

Das Sonnenalp-Tochterhotel in den USA musste nie schließen

Fäßler: Das Leben, das wir jetzt führen, hat nichts mit unserem Leben vor eineinhalb Jahren zu tun. Für uns kommt ja Folgendes noch hinzu: Wir haben ja noch ein Tochterhotel in den USA, in Vail in Colorado. Weltweit haben wir ja die gleiche Pandemie, aber dieses Hotel hatte noch keinen einzigen Tag geschlossen. Das ist für uns so unverständlich. Die kommen dort mit 50 bis 70 Prozent Auslastung durch. Aber sie können ihren Beruf wenigstens ausüben. Es ist schon klar, dass das jetzt nicht die fetten Jahre sind. Und dass das eine Krisenzeit ist. Aber einen so gar nicht arbeiten zu lassen, die Unternehmen kaputtzumachen und einfach keine Perspektive zu geben, das geht doch nicht.

Unternehmer sind ja gewohnt, immer anzupacken. Nun wurden Sie aber in eine Situation geworfen, die Ihnen sämtliche Handlungsmöglichkeiten nimmt. Wie gehen Sie damit um?

Fäßler: Wir leugnen ja nicht die Pandemie. Aber wir haben kein Verständnis für die ungerechten Maßnahmen und die Entmündigung. Wir haben als Unternehmer gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Auch für unsere 500 Mitarbeiter. Was meinen Sie, wie es mir geht? Ich kann manchmal gar nicht mehr schlafen.

Sie haben ein riesiges Areal, das am Laufen gehalten werden muss. Was muss alles getan werden während der Laden stillsteht?

Fäßler: Wir stehen ganz normal auf. Meine Tochter ist ja im Homeschooling. Der Tag ist noch immer voll, obwohl keine Gäste da sind. Ich habe manche Gäste jetzt ungelogen zum 15. Mal nun umgebucht. Dann müssen kleinere Renovierungsarbeiten erledigt werden. Wir haben jeden Monat Betriebskosten in Höhe von fast 800.000 Euro. Nach wie vor. Wir haben Schwimmbadflächen. Wir haben einen Reiterhof mit 20 Pferden. Die sagen auch nicht, jetzt ist Pandemie, jetzt fresse ich nichts mehr. Die müssen ausgeführt und beritten werden. Wir haben den Golfplatz, der muss jetzt wieder bearbeitet werden.

Buckenmaier: In den vielen Zimmern, die ihr habt, da muss doch auch mal der Wasserhahn aufgedreht, die Toiletten gespült werden. Das sind ja alles solche Dinge, die weiterlaufen müssen, kann ich mir vorstellen.

Fäßler: Alle zwei Tage müssen wir alles kontrollieren. Wir hatten schon zweimal einen Wasserschaden. Es war ein Wahnsinnswinter. Da sind Rohre eingefroren, weil das Hotel natürlich nicht in Betrieb wie sonst ist. Wunderbar! Wieder 100.000 Euro weg. Weil alles durchgetropft ist bis ins Erdgeschoss. Die Lehrlinge sind ja auch noch da. 50 bis 60 Angestellte sind beschäftigt, das Areal in Schuss zu halten.

Bis zuletzt bestand ja die Hoffnung, dass in den Osterferien wieder gereist werden darf.

Fäßler: Ganz genau. Wir dachten, dass wir wenigstens unsere Chalets öffnen können. Es gäbe so viele Lösungen. Wir haben hier beispielsweise die lückenloseste Kontaktnachverfolgung, die man sich nur vorstellen kann. Ich finde, wer die Corona-Vorschriften einhalten kann, soll öffnen dürfen. Wer nicht, erhält dann eben Entschädigungen.

Buckenmaier: Die Gäste bleiben ja auch im Hotel. Man geht Langlaufen oder spazieren oder nutzt den Pool.

Fäßler: Aber alles wird über einen Kamm geschoren. Vom Fünf-Sterne-Hotel bis zur Würstlbraterei.

Buckenmaier: Wir in der Textilbranche leiden ja genauso wie die Gastronomie unter der Perspektivlosigkeit. Wir können Schnelltests machen, bevor jemand in unser Geschäft kommt. Ich habe auch kein Problem mit Quadratmeterbeschränkungen. Aber wir hangeln uns von einer Ministerpräsidentenkonferenz zur nächsten. Jedes Mal denke ich, jetzt wird es doch besser werden, jetzt sehen sie es doch ein, dass wir ein Hygienekonzept haben. Aber dann geschieht wieder nichts. Mit meiner Tochter habe ich die Initiative Handeln für den Handel gegründet. Wir wollten die Öffnung des Einzelhandels erzielen. Vergeblich.

Auf der Sonnenalp ist Ihnen nun auch wieder eine wichtige Ferienzeit verloren gegangen.

Fäßler: 90 Prozent unseres Geschäfts in diesem Jahr sind kaputt. Wir leben von den Ferien. Wenn in dieser Zeit das Geschäft nicht funktioniert, haben wir verloren. Wir leben jetzt von unseren Rücklagen. Wenn wir vom Staat leben müssten, hätten wir schon vor einem halben Jahr Insolvenz anmelden müssen. Man kann es ruhig sagen. Eigentlich müssten wir acht Millionen als Entschädigung bekommen, das sind die reinen Fixkosten. Aber davon haben wir gerade eine Million erhalten. Auf den Rest warten wir, warten wir und warten wir.

Jede Generation hatte ihren Schicksalsschlag

Sie führen jetzt in der vierten Generation seit 100 Jahren Ihr Hotel, machen Sie sich Sorgen, dass Sie die letzte Generation sein könnten?

Fäßler: Daran will ich überhaupt nicht denken. Das verbiete ich mir. Gerade jetzt, da mein 23-jähriger Sohn mit eingestiegen ist. Wir werden das überstehen. Ich weiß zwar nicht wie, aber ich sage mir das jeden Tag. Jede Generation, die bislang die Sonnenalp geführt hat, hatte einen schweren Schicksalsschlag zu bewältigen. Die erste Generation hatte den Ersten Weltkrieg, die zweite hatte den Zweiten Weltkrieg, bei meinen Schwiegereltern ist 1967 bei einem Brand das Hotel zu 90 Prozent abgebrannt. Das war der Schicksalsschlag schlechthin. Zwei Jahre haben sie gebraucht, um sich aus dem Sumpf wieder herauszuarbeiten. Jetzt haben wir die Pandemie. Und die werden wir überleben, egal wie!

Auf Ihrer Homepage findet sich der Spruch. Das Glück des Augenblicks lässt sich nicht für später aufheben. Welche Augenblicke fehlen Ihnen ganz besonders?

Fäßler: Ich freue mich so darauf, wenn der erste Gast wieder eincheckt. Tina, ich hoffe, du bist das.

Frau Buckenmaier, jetzt sind Sie verpflichtet.

Buckenmaier: Dafür lasse ich hier alles stehen und liegen …

Fäßler: Und dann trinken wir ein Glas Veltliner darauf, dass diese schreckliche Zeit hoffentlich vorbei ist.

Buckenmaier: Nur so geht es. Wir müssen fest daran glauben, dass wir das schaffen. Es ist keine Option aufzugeben.

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