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Tourismus
06.07.2021

Einstieg zum Aufstieg: So fährt der Bergsteigerbus in die Alpen

Im Bergsteigerbus herrscht Maskenpflicht.
Foto: Andreas Dengler

Der Münchner Bergsteigerbus des Deutschen Alpenvereins fährt jedes Wochenende in die Berge. Sein eigentliches Ziel ist der Umweltschutz. Unser Autor ist mit dem Bus mitgefahren.

Der weiß-blaue Himmel strahlt über den Dalsenalmen. Das dumpfe Gebimmel der Kuhglocken, der unvergleichliche Duft der Bergwiesen und eine gekühlte Erdbeermilch in der Hütte. Das sind nur einige Eindrücke eines Tagesausflugs mit dem Münchner Bergbus in die Wanderregion Geigelstein.

Morgens am Münchner Ostbahnhof ist dieses Bergidyll noch weit entfernt. Ein Bahnhof ist oft das hässliche Gesicht einer Stadt – selbst in München. Schnellrestaurant, Kiosk und Bäckerei säumen die Bahnhofspassage. Die Wände sind orange, das Neonlicht grell. Nur schnell raus hier. Unter die Passanten im Bahnhof mischen sich Grüppchen von Bergsteigern. Die schweren Wanderstiefel, die bunte Funktionskleidung und die riesigen Rucksäcke verraten sie. Am Hinterausgang an der Friedenstraße versammeln sich die Wanderer vor einer Packstation. Dort beginnt die Fahrt mit dem Münchner Bergbus in die Chiemgauer Alpen.

Kletterausrüstung kann auch mit in dem Bergsteigerbus

Seit Mitte Juni fahren samstags und sonntags jeweils zwei Busse von der Landeshauptstadt in beliebte Tourengebiete. Dieses Angebot ist ein zehnwöchiges Pilotprojekt. Ziel ist es, die Natur zu schützen und die Besucherzahl zu steuern. Die Doppeldeckerbusse fahren die Chiemgauer und Ammergauer Alpen oder die Blauberge an. Kletterausrüstung, Fahrräder und Kinderwagen können mitgenommen werden.

Eine Abkühlung nach einer langen Wanderung bietet der Zellersee in der Gemeinde Schleching unterhalb der Zellerwand.
Foto: Andreas Dengler

Die Abfahrtszeit ins Chiemgau ist für echte Bergsteiger schon fast zu spät. Um 8.30 Uhr fährt der Bus in Richtung Süden. Diesmal nutzen vor allem Pärchen und Freundesgruppen das Angebot. Familien mit Kindern scheinen dem Bergbus noch nicht zu trauen. Nur eine Familie mit zwei kleinen Kindern steigt ein. Der Doppeldeckerbus ist gut gefüllt, kaum eine Sitzbank bleibt leer. Die Laune der Mitreisenden ist ausgelassen. „Es ist wie auf Klassenfahrt“, sagt ein junger Mann zu seinen Wanderfreunden. Er hat recht, die Beschreibung passt. Die drei Bergsteiger unterhalten sich über ihre Tour auf die Kampenwand. Ihre Wortfetzen vermischen sich mit den Gesprächen der anderen.

Viele Menschen in einem geschlossenen Raum während der Pandemie – trotz aller Vorkehrungen für manchen noch immer eine unangenehme Situation. Laut Infotafel im Bus tauscht die Lüftung alle zwei Minuten die komplette Luft aus. Eine Maskenpflicht gilt sowieso. Das Ziel ist heute das Bergsteigerdorf Sachrang, von dort geht es per Fuß über die Dalsenalmen nach Schleching.

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Kaum auf der Autobahn in Richtung Süden staut es sich. Hatten wohl noch andere die Idee, an einem sonnigen Wochenende in die Berge zu fahren. Die meisten Bergsportler reisen mit dem Auto an. Das bringt die Infrastruktur vielerorts an die Belastungsgrenze. Während des Lockdowns wurden zahlreiche Ortschaften im Alpenvorland von Ausflüglern regelrecht überschwemmt. Anwohner klagten über zugeparkte Einfahrten und zurückgelassenen Müll. Der Alpenverein will mit dem Münchner Bergbus das Problem anpacken – ganz lösen wird er es wahrscheinlich nicht.

Die Busfahrt ist laut Alpenverein klimafreundlicher

Wer mit dem Bus kommt, braucht keinen Parkplatz. Außerdem ist die Fahrt in die Berge mit dem Bus deutlich klimafreundlicher, so der Ansatz des Alpenvereins. Laut einer Umfrage reisen 70 Prozent der Vereinsmitglieder mit dem Auto zu ihrem Tourenziel. Würden sie auf den Bus ausweichen, könnte kiloweise Kohlenstoffdioxid eingespart werden. Von München nach Schleching fallen mit dem Bergbus sieben Kilogramm CO2-Emissionen pro Person an, so die Berechnungen. Mit dem eigenen Auto wären es für die gleiche Strecke fast 30 Kilogramm pro Kopf. Die Ergebnisse variieren je nach Auslastung der Busse.

Wie aus dem Bilderbuch: die Dalsenalmen in der Wanderregion Geigelstein.
Foto: Andreas Dengler

Dass die Münchner Bergbuslinien drei der vier bayerischen Bergsteigerdörfer – Kreuth, Sachrang und Schleching – ansteuern, ist kein Wunder. Sind es doch die Bergsteigerdörfer, die sich seit vielen Jahren für nachhaltigen und sanften Tourismus einsetzen. Bereits die Anreise der Besucher spielt für sie eine wichtige Rolle. Bergsteigerdörfer sind eine Initiative der Alpenvereine aus Deutschland, Österreich, Italien und Slowenien. Der Titel ist ein Qualitätssiegel: Es liegen mindestens 1000 Höhenmeter zwischen Tal und Gipfel, es gibt ausreichend alpine Infrastruktur und mindestens ein Fünftel des Gemeindegebiets steht unter Natur- und Landschaftsschutz.

In Sachrang geht es auf die Dalsenalmen

Knapp eineinhalb Stunden dauert die Fahrt, bis der Doppeldeckerbus direkt vor dem Sachranger Dorfladen hält, der von einer Bürgerinitiative gegründet wurde. 300 Einwohner zählt der Ort. Die Grenze zu Österreich ist näher als die nächste Drogerie oder das nächste Krankenhaus. Im Jahr 2019 wurde der Dorfladen auf der Grünen Woche in Berlin als schönster Dorfladen Deutschlands ausgezeichnet. Die Urkunde hängt über der Kasse. Bis jetzt habe sie vom Bergbus noch nicht viel bemerkt, sagt die Geschäftsführerin Kerstin Schwerdtfeger. Das mit dem Bus der Tourismus gelenkt werde, findet sie aber gut. Bei Bedarf will sie sogar die Öffnungszeiten ihres Ladens an die An- und Abfahrtzeiten anpassen.

Der Geigelstein trennt Sachrang und Schleching. Eine 7,7 Kilometer lange Tour über die Dalsenalmen ist die leichteste und schnellste Route, um von dem einen Bergsteigerdorf in das andere zu gelangen. Entlang des Klausgrabens führt ein Forstweg zu den Almen. Knapp zweieinhalb Stunden dauert der Weg. Neben Wanderern sind dort auch viele Mountainbiker unterwegs. Für Ausflüge mit dem Hund ist die Tour ebenfalls gut geeignet. Unterhalb des Dalsensattels gibt es eine Almhütte mit Bewirtung.

Schlechings Alt-Bürgermeister Fritz Irlacher kennt die Wanderregion Geigelstein wie kein Zweiter.
Foto: Andreas Dengler

Am Mühlauer Parkplatz bei Schleching endet die Wanderung. Dort reiht sich ein Auto an das nächste. Die Kennzeichen stammen aus ganz Bayern, hier und da mischen sich ausländische Nummernschilder dazu. „Man kann’s ihnen nicht verdenken“, sagt Schlechings Alt-Bürgermeister Fritz Irlacher. Die Touristen sind ihm willkommen, solange sie die Tier- und Pflanzenwelt achten. Der 81-Jährige kennt sich in der Wanderregion zwischen Geigelstein und Kampenwand aus wie kaum ein Zweiter. Vor seiner Zeit als Bürgermeister war er Naturschutzreferent der Chiemgauer Bergwacht. Die Natur zu schützen, sieht er als seine Lebensaufgabe. Noch immer unternimmt er Touren oder bietet Kräuterwanderungen an.

Die Heimfahrt nach München zieht sich

Schleching ist deutlich größer als Sachrang. Und ebenfalls ein idealer Startpunkt für Wanderer, Kletterer und Mountainbiker. Mit dem Zellersee und der Rafting-Tour auf der Ache zwischen Schleching und Kössen in Tirol ist auch für Wassersportler einiges geboten.

Nach einem langen Tag versammeln sich die Passagiere pünktlich an der Haltestelle. Der Bergbus wartet nicht, der Satz fällt immer wieder. Die Heimfahrt ist deutlich leiser, Wandern macht müde. Nur die Kinder quengeln, verständlicherweise, denn die Heimfahrt zieht sich. Allein von Schleching nach Sachrang dauert es gefühlt Stunden, überall werden Bergsteiger eingesammelt. Nach 2,5 Stunden – oder umgerechnet vier Gläser Erdbeermilch später – trifft der Bus wieder in München ein.

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