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Günzburg/Ichenhausen

16.08.2018

Asyl: Die ständige Angst vor der Abschiebung

Rizwana Kanwal (rechts) aus Pakistan gehört der Glaubensgemeinschaft der Ahmadi an. Trotz Verfolgung im Heimatland droht ihr und ihrem Mann die Abschiebung. Ihr zur Seite steht Rita Jubt vom Helferkreis „Deffingen hilft“. Einen Ausbildungsvertrag am kreiseigenen Isabella-Braun-Alten- und Pflegeheim (im Hintergrund) hat Kanwal bereits vorliegen.
Bild: Bernhard Weizenegger

Ein pakistanisches Ehepaar in Ichenhausen sagt, dass es wegen seines Glaubens in der Heimat vom Tod bedroht ist. Die Behörden glauben das jedoch nicht.

Rizwana Kanwal sitzt auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Ichenhausen und ist verzweifelt. Immer wieder dreht es sich in ihrem Leben um die eine Frage: „Was habe ich falsch gemacht?“ Mit stockender Stimme erzählt sie ihre Lebensgeschichte und kann nicht begreifen, warum sie nicht einfach in Deutschland bleiben darf. „Ich möchte nur meine Ruhe haben. Wir haben doch immer die Wahrheit gesagt.“ Gemeint ist der eigentliche Asylgrund, nämlich die Lebensgefahr, der sie und ihr Mann in ihrem Heimatland wegen ihres Glaubens ausgesetzt sind.

Die 37-Jährige und ihr drei Jahre älterer Ehemann gehören zur muslimischen Glaubensgemeinschaft der Ahmadi. Doch die Ahmadi sind vom Islam nicht anerkannt, weshalb in Pakistan die „Blasphemiegesetze“ greifen. „Damit werden sie wie ,Freiwild’ behandelt“, sagt Rita Jubt vom Helferkreis „Deffingen hilft“. Der Staat schützt sie nicht und verfolgt nicht die Straftäter.

Im Günzburger Stadtteil wurde das Ehepaar als eine der ersten Asylsuchenden im Dezember 2012 aufgenommen. Seitdem betreut Rita Jubt die beiden. Bald sechs Jahre dauere das jetzt schon. „Die ständige Angst vor Abschiebung zermürbt die Leute“, sagt Jubt. Sie wisse das aus Erfahrung. Die Abschiebeflüge aus Bayern nach Afghanistan – erst Mittwochmorgen ist wieder einer in Kabul eingetroffen – wirkten alles andere als beruhigend. An Bord waren 46 Menschen, 25 davon hatten sich zuletzt in Bayern aufgehalten.

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Gegen die Ablehnung wird geklagt

Bayern verfolgt einen unbarmherzigen Weg in den Asylentscheidungen gegenüber den Ahmadi, sagt Jubt. In anderen Bundesländern würden sie geduldet, könnten eine Ausbildung beginnen und in den Arbeitsmarkt integriert werden. Obwohl die Verfolgungssituation bekannt sei, wurde das Asylverfahren im Januar negativ beschieden. Eine Klage gegen den Bescheid läuft am Verwaltungsgericht Augsburg.

Jurist Christoph Langer bestätigt das. Der Geschäftsbereichsleiter Öffentliche Sicherheit und Ordnung und damit Leiter der Asylbehörde am Günzburger Landratsamt beschreibt die verzwickte Lage. „Der Fall beschäftigt uns schon länger“, Mitarbeiter hätten in den vergangenen Jahren viel Zeit eingesetzt, Rizwana Kanwal und ihrem Mann viele Lösungen aufgezeigt, wie sich ihre Chancen auf einen dauerhaften Aufenthalt verbessern könnten.

Neue Pässe, dann ausreisen und schließlich ein Visum beantragen

Dreh- und Angelpunkt sei jedoch ihre Passlosigkeit. Weil den beiden auf ihrer Flucht die Reisepässe abgenommen worden seien, können sie faktisch nicht abgeschoben werden. Die Behörde könne zwar eine sogenannte Ausbildungsduldung erlassen. Damit ist während einer dreijährigen Ausbildungszeit mit anschließender zweijähriger Berufszeit eine Bleibeperspektive für die nächsten fünf Jahre geschaffen. Doch der „richtige Weg“ wäre, ein Visum des Heimatlandes Pakistan für eine Ausbildung zu beantragen, erklärt Langer.

Dazu müssten die Asylsuchenden zuerst neue Pässe beantragen, könnten mit diesen nach Pakistan ausreisen und mit einem Visum ganz offiziell nach Deutschland kommen. „Das ist absoluter Wahnsinn“, sagt Rita Jubt.

Sie hat einen Ausbildungsvertrag in der Tasche

Ein aktueller Bericht der Schweizer Flüchtlingshilfe in Bern gibt ihr Recht. Darin wird ausführlich die schwierige Situation der Ahmadi in Pakistan dargelegt. „Wir haben wegen dieser Unterlagen wieder einen Eilantrag gegen eine Abschiebung bei Gericht gestellt“, erklärt Jubt. Die Expertise der seriösen Organisation könnten die Behörden nicht ignorieren, sagt sie.

Rizwana Kanwal kann nur hoffen, dass sich alles zum Guten wendet. Denn sie hat bereits einen Ausbildungsvertrag als Altenpflegerin in der Tasche. Das kreiseigene Isabella-Braun-Alten- und Pflegeheim in Jettingen-Scheppach möchte sie unbedingt beschäftigen. In mehreren Praktika habe sie bewiesen, dass ihr die Arbeit mit Menschen viel Spaß mache. Im September beginnt die Berufsschule an der Valckenburgschule in Ulm. Dort wird fest mit ihr gerechnet.

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