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Gundremmingen

20.09.2020

Botschaft bei Demo am AKW Gundremmingen: „Kernkraft ist zurück“

Am Atomkraftwerk Gundremmingen demonstriert der Verein Nuklearia gegen die Abschaltung der Meiler.
Bild: Christian Kirstges

Plus Am AKW Gundremmingen demonstriert der Verein Nuklearia gegen die Abschaltung der Meiler. Befürworter und Gegner treffen aufeinander.

Aus den Lautsprechern kommen als Pausenfüller Lieder mit Texten wie „Radioactivity is in the air“ oder „Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten! Wer war dabei? Die Grüne Partei!“ Auf Parkplatz P3 des Atomkraftwerks Gundremmingen sind am Sonntagnachmittag gut 90 Menschen zusammengekommen, um in Sichtweite der Kühltürme, aber doch recht weit weg vom Werkstor für die Beibehaltung der Kernkraft in Deutschland zu demonstrieren. Dazu aufgerufen hat, wie schon an anderen Standorten zu anderen Terminen, der Verein Nuklearia.

Organisator Daniel Spannbauer betont in seiner Einführung, man sei politisch neutral, überparteilich, von fast jeder Couleur sei jemand Mitglied. Sollte jemand ein Parteiabzeichen tragen, wird er gebeten, es hier abzunehmen. Gegenüber unserer Zeitung sagt er, die Anwesenheit von Politikern brauche man nicht. Der AfD-Landtagsabgeordnete Gerd Mannes und später der AfD-Bundestagsabgeordnete Petr Bystron gesellen sich aber dazu.

Atomkraft-Befürworter in Gundremmingen: "Gehen selbst nach Tschernobyl"

Eine ganze Reihe von Rednern will zu den Zuhörern sprechen, die, zumindest gemessen an den Autokennzeichen, aus einem weiteren Umkreis kommen. Da wäre Physiker Jan-Christian Lewitz, für den es unverständlich ist, dass in Deutschland alles recycelt werde, der Atommüll aber in Endlager verbannt werden soll, statt ihn wieder zu nutzen.

Bild: Christian Kirstges

Oder der Elektro-Ingenieur Markus Vester, der betont, lange selbst nicht für die Kernenergie gewesen zu sein. Die Gegner der Nuklearia hätten schon gedroht, die Mitglieder nach Tschernobyl zu bringen – „doch wir gehen gerne selbst da hin“, sollte die Klimaneutralität bis 2050 Realität sein.

"Sie sind nützliche Idioten der fossilen Energie"

Lange spricht Realschul-Physiklehrer und Videoblogger Simeon Preuß, der sich ebenfalls als früherer Atomkraftgegner bezeichnet. Die Technik habe ihn fasziniert, gleichzeitig habe er „einen Horror“ davor gehabt, weil man es ihm so vorgelebt habe. „Wir müssen unseren wundervollen Planeten schützen“, doch was die Kernkraftgegner wollen, führe zum Gegenteil. Hätte die Nuklearia nur zehn Prozent des Budgets der „millionenschweren“ Lobby der Atomkraftgegner, das sie zur „Desinformation“ nutzten, „wäre der Atomausstieg vom Tisch“.

Am Atomkraftwerk Gundremmingen demonstriert der Verein Nuklearia gegen die Abschaltung der Meiler.
Bild: Christian Kirstges

Die Kernkraftgegner-Broschüre „Irrwege in der Klimakrise“ zerpflückt er, zu den erneuerbaren Energien sagt er, dass sie wohl so genannt würden, weil sie nach 20 bis 30 Jahren selbst ausgetauscht werden müssten – während Atomkraftwerke viele Jahrzehnte länger sicher Strom produzieren könnten. „Die Leute wollen das Richtige, aber sie sind nützliche Idioten der fossilen Energie.“ Auch Erdgas könne explodieren, „aber wenigstens sind die Toten dann nicht verstrahlt, oder?“. Energie führe zu Wohlstand und der zu Frieden. Um Öl aber würden Kriege geführt und für Holz als Alternative zu Kohle Wälder gerodet.

Bürgerinitiativen-Vorsitzender Kamm lässt sich nicht auf Gespräche ein

Während die Nuklearia um 14 Uhr mit ihrer Demo begonnen hat, startet um 15 Uhr die Mahnwache, wie jeden Sonntag vor dem Werkstor. Unterstützt wird sie dieses Mal von der Bürgerinitiative Forum. Deren Vorsitzender Raimund Kamm hatte in einer Pressemitteilung die Veranstaltung auf P3 bereits zuvor kritisiert, man werde „den Falschaussagen zwielichtiger Atomlobbyisten widersprechen“ und „über das Verbrechen der Atomkraft und über die Notwendigkeit der Energiewende sprechen“. Zuvor fährt Kamm bereits auf einem Fahrrad, an dem eine „Atomkraft? Nein danke“-Fahne klemmt, eine Runde an der Pro-Kernkraft-Demo vorbei.

Auf ein Gespräch will er sich nicht einlassen. Nuklearia-Vorsitzender Rainer Klute hatte schon am Freitag in einer Mail an unsere Zeitung bedauert, dass Thomas Wolf von der Mahnwache nicht auf die Einladung „zu einem gepflegten Streitgespräch“ reagiert habe. Im Jahr 2015 sei er noch mit Kamm bei einer Podiumsdiskussion in Erlangen zusammengetroffen, danach seien die Atomkritiker jedem direkten Dialog aus dem Weg gegangen. Dafür gesellt sich die ehemalige bayerische Landtagsabgeordnete Christine Kamm (Grüne) zu der Nuklearia-Demo und weicht einer Diskussion mit einigen Anhängern nicht aus.

RWE unterstützt die Forderungen von Nuklearia nicht

Derweil sprechen auch Student Noah Jakob Rettberg – „ich wurde von Menschen angelogen, die ich für ehrlich und kompetent hielt“ – und Britta Augustin, eine Mutter, die sich mit ihren Kindern vor Atomkraftwerke stelle, weil das ein Signal aussende. Björn Peters, Unternehmens- und Politikberater, will die negativen Bilder des Themas Atomkraft in den Köpfen „zerstören“, in den nächsten Wochen und Monaten werde man sie durch positive ersetzen. Denn „die Kernkraft ist zurück“, und nicht sie, sondern die Windenergie habe ganze Landstriche unbewohnbar gemacht.

Am Atomkraftwerk Gundremmingen demonstriert der Verein Nuklearia gegen die Abschaltung der Meiler. Dabei treffen Befürworter und Gegner dieser Energieerzeugung aufeinander.
24 Bilder
Demo für und gegen Atomkraft am AKW Gundremmingen
Bild: Christian Kirstges

Zum Abschluss spricht noch Nuklearia-Beisitzerin und Technik-Historikerin Anna Veronika Wendland. Es solle sich keiner davon beirren lassen, wenn jemand sage, Kernenergie habe mit dem rechten Spektrum zu tun. Als viele der Anlagen geplant wurden, seien die Sozialdemokraten an der Regierung gewesen. Und „völkische Typen“ wie AfD-Politiker Björn Höcke hätten Angst, dass die Kernenergie die deutschen Gene verändere. „Nazi-Gruppen“ seien auch nah dran an Corona-Demonstranten, „die haben Angst vor allem“. Es habe aber nichts mit links oder rechts, sondern allein mit Vernunft oder Unvernunft zu tun, ob man für oder gegen die Atomkraft sei.

Vor der Veranstaltung hatte Kraftwerks-Sprecherin Christina Kreibich übrigens auf Anfrage unserer Zeitung betont, dass RWE weder die hinter den Demonstrationen stehenden Vereine noch deren inhaltliche Forderungen nach einer Laufzeitverlängerung unterstütze. Man unterstütze den Atomausstieg.

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