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Günzburg

12.12.2018

Der Marktplatz wird abgesperrt

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Der Günzburger Marktplatz soll künftig mit Pollern abgesperrt werden.
Bild: Bernhard Weizenegger

Nach dem Test dieses Jahr werden bewegliche Poller am Günzburger Markt installiert. Wann sie heruntergefahren werden – und was sich noch in der Altstadt ändert.

„Unser Marktplatz ist unser Schmuckkästchen“ – so umschrieb es Stephanie Denzler (CSU) in der letzten Sitzung des Günzburger Stadtrats in diesem Jahr. Und dieses Schmuckkästchen wird jetzt – zumindest zeitweise – öfter zugesperrt. Lange haben die Diskussionen in der Stadt, im Stadtrat und in der Verwaltung gedauert, lange haben auch die Räte in der Sitzung am Montagabend noch einmal über das Thema debattiert. Um dann nach eineinviertel Stunden mehrheitlich zu beschließen: Elektrisch versenkbare Poller werden das Schmuckkästchen wenigstens einige Stunden am Tag in den Sommermonaten vom Durchgangsverkehr befreien. Nur der Stadtbus und Rettungsfahrzeuge erhalten in dieser Zeit die Möglichkeit, durchzufahren.

Vorausgegangen ist der Entscheidung ein jahrelanges Problem, das praktisch so alt ist wie die Winteröffnung der Fußgängerzone vor gut zehn Jahren. Günter Treutlein (CSU) zitierte in der Sitzung aus einem GZ-Bericht aus dem Jahr 2009 – damals hatte es bereits Ärger gegeben wegen der Vielzahl an Beanstandungen von Fahrzeugen, die ohne Berechtigung durch die Fußgängerzone fuhren. Eine Verkehrszählung, welche die Verwaltung zuletzt beauftragt hatte, um die tatsächliche Belastung am Marktplatz zu messen, stellte an einem Tag 459 Fahrzeuge fest, die hier fuhren. Dazu zählten 26 Busse und 21 Lastwagen. Nach einer Erhebung des Ordnungsamts vom Mai waren etwa ein Drittel der Fahrzeuge ohne Ausnahmegenehmigung und deshalb unberechtigt auf dem Marktplatz unterwegs – das sind fünf bis zehn Autofahrer pro Stunde.

Mehrere Interessen müssen unter einen Hut gebracht werden

„Wir haben hier eine spannende, oftmals schwierige Gemengelage“, fasste Oberbürgermeister Gerhard Jauernig die Problematik zusammen: Die Interessen von Besuchern des Marktplatzes, von Anliegern und Anlieferern der Geschäfte müssen unter einen Hut gebracht werden. Es müsse genauso möglich sein, ein Zeitfenster zu haben, in dem die Geschäfte ihre Waren geliefert bekommen können, aber auch Ärzte und Apotheken erreichbar sind – gleichzeitig soll aber auch die Fußgängerzone, die der Marktplatz in den Sommermonaten ist, von Einheimischen wie Touristen sorglos genutzt werden können.

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Schwere Unfälle gab es hier zwar noch keine, wohl aber beunruhigende Zwischenfälle, sagt der OB im Gespräch mit unserer Zeitung. „Lastwagen haben Sonnenschirme angefahren, Stühle in den Cafés wurden touchiert.“ Um die Sicherheit ging es auch der CSU-Fraktion, die den Antrag auf eine Sperrung mit Pollern schon vor Jahren stellte. „Für uns war entscheidend, dass wir wieder eine Fußgängerzone bekommen, in der man Kinder auch mal laufen lassen kann, ohne als Mama oder Papa ständig hinterher sein zu müssen“, sagte Stephanie Denzler in der Sitzung.

Kritik wird nicht ausbleiben, das weiß auch der OB

Dass bei diesen unterschiedlichen Interessen Kritik nicht ausbleiben wird, ist auch dem Oberbürgermeister bewusst. „Egal was wir heute beschließen, wir werden nicht nur Applaus bekommen“, so Jauernig im Stadtrat. Rund 30 Telefonate habe er allein in den Tagen vor der Sitzung zu diesem Thema geführt, sagt Jauernig. Nach der Diskussion bei der Klausur des Stadtrats, die knapp einen ganzen Tag in Anspruch genommen hatte, und den Versuchen mit Sperrungen direkt in der Mitte des Marktplatzes und an der Einfahrt von der Dillinger Straße/Augsburger Straße aus, folgte im November ein Workshop des Stadtrats zum Thema

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So ist die geplante Verkehrsregelung durch Poller am Günzburger Marktplatz.
Bild: Christian Beinhofer/AZ-Infografik

Daran waren auch Wirtschaftsvereinigung und Cityinitiative beteiligt, auch eine Begehung zusammen mit der Polizei gab es. Für die Mehrheit im Günzburger Stadtrat stand danach fest: Auch wenn eine reine Mittelsperrung am Brunnen – das entspricht dem Antrag der CSU vom September 2017 – und eine reine Ostsperrung deutlich billiger wären, bringt eine Kombination von beidem mit einer zeitlichen Begrenzung der Sperrzeiten die meisten Vorteile. Auch für die Anwohner und Anlieger

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Einigkeit gibt es bei anderen Maßnahmen in der Altstadt

Gegen die Sperrung in den Sommermonaten täglich von 11 bis 14 Uhr sowie von 17 bis 2 Uhr votierten die SPD-Stadträtinnen Ursula Seitz und Simone Riemenschneider-Blatter. Beide hätten sich eine städtebauliche Lösung mit einer erschwerten Zufahrt erhofft. „Wir haben ein wunderbares neues Leitsystem mit Lauftext. Der Satz „Durchfahrt am Marktplatz nicht möglich“ könnte dort eingeblendet werden“, schlug Ursula Seitz vor. Die Zeit habe gezeigt, dass bauliche Maßnahmen nicht ausreichten, um unberechtigt Einfahrende vom Marktplatz fernzuhalten, entgegnete Oberbürgermeister Jauernig. CSU-Stadtrat Stefan Baisch, selbst Anwohner in der Innenstadt, stimmte zwar für die Variante, machte jedoch deutlich, dass er eine Verlagerung des Verkehrs in die Seitengassen der Altstadt befürchte. Eine Überprüfung des Systems nach einem Jahr soll zeigen, ob sich diese Befürchtung bestätigt – oder die Poller tatsächlich mehr Sicherheit bringen.

Absolut einig waren sich die Stadträte dagegen bei einer weiteren Maßnahme in der Altstadt: Neue Laufwege sollen dort entstehen, die das Gehen erleichtern und vor allem den Weg für Rollstuhlfahrer, Menschen mit Rollatoren und Kinderwagen einfacher machen sollen. Im Jahr 1984 war hier das Kopfsteinpflaster verlegt worden, das seitdem viel Kopfzerbrechen bereitet. Oberbürgermeister Gerhard Jauernig erinnerte daran, dass der damalige Stadtrat praktisch keine Wahl gehabt habe, einen gehfreundlicheren Belag zu bekommen: „Damals stand über allem der Erhalt des Stadtbilds – zumindest vertrat die Regierung von Schwaben damals diese Auffassung. Heute hingegen werde Inklusion gelebt, Funktionalität und das Stadtbild seien kein Widerspruch mehr.

Es ist ein teures Unterfangen

In der Hofgasse, direkt beim Rathaus, hatte die Stadt bereits probeweise entlang der Ablaufrinne einen Teil des Kopfsteinpflasters durch ebene Platten ersetzt – so soll es innerhalb der nächsten drei Jahre in allen Altstadtgassen rund um den Marktplatz aussehen. In den sehr engen Gassen werden zumindest die Entwässerungsrinnen flacher gemacht, schmale Gassen erhalten daneben 90 Zentimeter breite Laufwege aus allseits gesägten und eben eingebauten Granitsteinen, in den breiten Gassen – wie der Hofgasse – wird der Laufweg 150 Zentimeter breit. Es ist ein teures Unterfangen, das sich die Stadt – trotz erwarteter Zuschüsse aus dem Förderprogramm „Bayern barrierefrei 2023“ – nicht auf einen Schlag leisten kann.

Barrierefreie Laufwege und verflachte Ablaufrinnen sollen Menschen das Begehen der Günzburger Altstadt mit ihrem groben Kopfsteinpflaster erleichtern. Ein erstes Versuchsfeld, das Arbeiter in der Hofgasse angelegt haben, hat sich bewährt.
Bild: Bernhard Weizenegger

Deswegen wird das Projekt auf vier Bauabschnitte aufgeteilt, der Marktplatz selbst hintenan gestellt. Große Zustimmung gab es dafür aus allen Fraktionen. Johann Kaltenecker (UWB) lobte die Tatsache, dass die Innenstadt durch diese Veränderung künftig von mehr Menschen besucht und genutzt werden könne. Er wünsche sich deshalb, dass nicht nur Laufwege in Verlängerung bestehender Behindertenparkplätze eingerichtet, sondern auch zusätzliche Behindertenparkplätze geschaffen werden. Zu überlegen sei dabei auch die Installation eines Leitsystems für blinde Menschen.

Dritte Bürgermeisterin Ruth Niemetz (CSU) erinnerte daran, dass der Umbau von Marktplatz und Altstadt von Anfang an zentrale Forderung im Arbeitskreis Barrierefreiheit gewesen sei. Ihre Anregung: Bei den Arbeiten bereits an eine Verbesserung der Elektrik-Infrastruktur am Bürgermeister-Landmann-Platz denken, die bessere Möglichkeiten für Altstadtweihnacht und Guntiafest biete.

Das kostet der Umbau - und das erhofft sich die Stadt an Zuschüssen

Von den drei möglichen Varianten zur Marktplatzsperrung ist die von den Stadträten beschlossene die teuerste. 285 000 Euro schätzt die Verwaltung für Technik und Bau der drei Hochsicherheitspoller und zwei herkömmliche Poller, Steuerung, Ampeln, Beschilderung, Stromanschluss und bauliche Maßnahmen. Wartung und Störungsmanagement – mögliche Schäden nicht eingerechnet – liegen bei jährlich etwa 3500 Euro. Für die „Laufwege“ in der Innenstadt sind Gesamtkosten von 1,525 Millionen Euro vorgesehen – den Marktplatz noch nicht eingeschlossen.

Berechnet sind dabei die Rinnen, Laufwege, Leerrohrverlegung, Kabelanschlüsse und Nebenkosten. Die Summe teilt sich auf vier Bauabschnitte auf, die in den Jahren 2019 bis 2021 umgesetzt werden sollen. Bauabschnitt eins im kommenden Jahr liegt bei geschätzten Kosten von 519 000 Euro, dazu kommen 25 000 Euro für die Straßenbeleuchtung. Hierbei soll die Wegverbindung vom Bürgermeister-Landmann-Platz zum Marktplatz gestaltet werden. Als Modellkommune des Projekts „Bayern barrierefrei 2023“ erwartet sich die Stadt Zuschüsse in Höhe von mindestens 50 Prozent der Kosten, sagt Oberbürgermeister Gerhard Jauernig. „Es dürfen gerne aber auch mehr werden.“

Lesen Sie hier: „Probeweise mit Pfosten“ - der Artikel zur testweisen Sperrung des Marktplatzes

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