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Landkreis Günzburg

26.06.2019

Der frühere TV-Intendant Fritz Pleitgen und sein Vorgänger

Zu einer Lesung aus seinem neuen Buch „Frieden oder Krieg“ war Fritz Pleitgen, der frühere Intendant des WDR, nach Ichenhausen gekommen. In der ehemaligen Synagoge würdigte er zugleich den Rundfunkpionier Ernst Hardt (auf dem Gemälde links), der seine letzten Lebensjahre in Ichenhausen verbracht hatte.
Bild: Greta Kaiser

Fritz Pleitgen und Ernst Hardt führten den WDR. In Ichenhausen erinnert der 81-jährige Journalist an den Pionier des Senders, der hier vor 72 Jahren starb.

Fritz Pleitgen war in zweifacher Mission nach Ichenhausen gekommen. Zum einen stellte der ehemalige Intendant des Westdeutschen Rundfunks sein neues Buch „Frieden oder Krieg“ vor. Das Werk, gemeinsam verfasst mit dem Schriftsteller Michail Schischkin, beleuchtet aus unterschiedlichen Perspektiven die zunehmenden Spannungen zwischen dem Westen und Russland. Zum anderen erinnerte der 81-jährige Journalist am Montagabend in der ehemaligen Synagoge an den Rundfunkpionier Ernst Hardt, der seine letzten Lebensjahre von 1943 bis 1947 in Ichenhausen verbracht hatte. Hardt habe am eigenen Leib erfahren, wohin „Verbalattacken“ führen können. „Die dürfen wir auch heute nicht unterschätzen“, betonte Pleitgen.

Eine Annäherung des Westens, die nicht gut war

Lange Jahre war Fritz Pleitgen als Fernsehkorrespondent der ARD in Moskau tätig. Noch in der Sowjetunion habe er viele „großartige Menschen“ getroffen, die für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit gekämpft und dafür nicht selten einen hohen Preis bezahlt hätten. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR habe es die Chance gegeben, mit Russland in normale Beziehungen zu treten. In der Pariser Charta von 1990 sei unter anderem das Prinzip „Gleiche Sicherheit für alle“ festgeschrieben worden, erklärte Pleitgen. Damals habe die Nato 16 Mitgliedsstaaten gehabt, inzwischen seien es 30. Immer näher sei das westliche Militärbündnis an Russlands Grenzen gerückt. Einer, aus Sicht des Russland-Kenners, von vielen Fehlern des Westens. Darunter die Sanktionen der jüngsten Jahre. Pleitgens Fazit: Es erfülle ihn mit „außerordentlicher Sorge“, mit ansehen zu müssen, „wie das Verhältnis des Westens zu Russland vor die Hunde geht“.

Gegenteilige Auffassungen vertritt in dem Buch der russische Schriftsteller Michail Schischkin. Er sieht in Präsident Putins autoritärer Politik die Wurzel der Konflikte. In einem sind sich die beiden Autoren dann wieder einig: Es gebe die Chance der Verständigung – zum Wohle der Menschen auf beiden Seiten.

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Adenauer überwand seinen Vorbehalt

Möglicherweise bedarf es dazu jener Größe, die der seinerzeitige Kölner Oberbürgermeister und spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer aufgebracht hatte. Der „Erzkonservative“, so Pleitgen, habe Ernst Hardt nicht gemocht. Dennoch setzte sich Adenauer dafür ein, Hardt in den späten 1920er-Jahren zum Intendanten der Westdeutschen Rundfunk AG zu bestellen – wohl in der Erkenntnis, in dem Theaterintendanten, Dramaturgen, Schriftsteller und Journalisten einen Intellektuellen von höchsten Graden vor sich zu wissen.

Ernst Hardt, so führte Pleitgen aus, habe beim Vorläufer des Westdeutschen Rundfunks Überragendes und bis heute Wegweisendes geschaffen. Als standhafter Demokrat und unbeugsamer Verfechter der Meinungs- und Pressefreiheit, die heute vielfach wieder bedroht sei, war Hardt schon 1932 zur Zielscheibe der Nazi-Presse geworden. Der Aufforderung, seine jüdischen Mitarbeiter zu entlassen, war er nicht nachgekommen. Hitler wurde im WDR nicht als Führer bezeichnet, das Horst-Wessel-Lied ist nicht gespielt worden. Das Ergebnis war absehbar: Kurz nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler war Ernst Hardt entlassen und kurzzeitig inhaftiert worden. Hermann Göring bot ihm einen gewissen Schutz, so war es Hardt möglich, als Übersetzer und Autor halbwegs über die Runden zu kommen.

Der Kettenraucher war an Lungenkrebs erkrankt

1943 kam Hardt nach Ichenhausen, nach dem Krieg war ihm von den alliierten Siegermächten die Intendanz des neuen Nordwestdeutschen Rundfunks angeboten worden. Aus gesundheitlichen Gründen musste Hardt absagen – der Kettenraucher war an Lungenkrebs erkrankt. Anfang 1947 ist er in Ichenhausen im Alter von 70 Jahren gestorben.

Mit einem Gedenkstein auf der Wilhelmshöhe erinnert Ichenhausen an Ernst Hardt, am Striebel-Haus in der Günzburger Straße, in dem Hardt seine letzten Jahre verbracht hatte, ist eine Gedenktafel angebracht. Vor allem die Wirtschaftsvereinigung Ichenhausen hat sich in dieser Hinsicht verdient gemacht. Deren Vorsitzendem, dem Zweiten Bürgermeister Franz Zenker, war es deshalb vorbehalten, den Redner und die Besucher in der nicht ganz voll besetzten ehemaligen Synagoge zu begrüßen. Dass Ichenhausen die Erinnerung an Ernst Hardt hochhalte, sei eine „tolle Leistung“, betonte Fritz Pleitgen.

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