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Günzburg

11.02.2019

Dieser Richter verdonnert rechte Hetzer zum KZ-Besuch

Der Günzburger Amtsgerichtsdirektor Walter Henle hat auch schon einen Angeklagten dazu verurteilt, das Buch "Der SS-Staat" zu lesen und darüber eine Inhaltsangabe zu schreiben.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Plus Er beschimpfte Menschen als Kümmeltürken, drohte mit "Dachau" - und landete vor Gericht in Günzburg. Dort hat sich Walter Henle eine ungewöhnliche Strafe überlegt.

Herr Henle, Sie haben kürzlich einen Angeklagten, der durch rechte Parolen aufgefallen ist, zu einem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau verpflichtet. Warum machen Sie das?

Walter Henle: Ich glaube, dass es Eindruck macht, die Atmosphäre dort zu erleben. Eigentlich würde ich die Verurteilten gerne nach Berlin ins jüdische Museum schicken.

Warum ausgerechnet dorthin?

Henle: Das jüdische Museum hat ein Konzept, bei dem man nicht das komplette Grauen als Ganzes, sondern anhand von einzelnen Opfern erfährt. Da gibt es Schubladen mit Häftlingsnummern, in denen sich Bilder des Getöteten als Kind wiederfinden oder Schulzeugnisse. Dadurch wird greifbar, dass hinter den Bergen an Schuhen oder Brillen Einzelschickale stecken. Dem kann man sich, denke ich, kaum verwehren. Man müsste schon überhaupt keine Empathie mehr haben, um solche Taten richtig zu finden oder zu leugnen.

Kennen Sie die Reaktionen der Straftäter auf das, was sie in der Gedenkstätte in Dachau erleben?

Henle: Ich lasse mir zwar die Eintrittskarte vorlegen, um zu prüfen, dass sie ihre Auflage tatsächlich erfüllt haben – eine detaillierte Rückmeldung habe ich bisher aber nicht bekommen. Allerdings denke ich, dass eine diffuse rechte Einstellung oft etwas mit Unwissenheit zu tun hat. Ich weiß nicht, ob jemand, der die bedrückende Stimmung vor Ort erlebt hat, noch einmal einfach einem anderen Menschen schreibt: „Ihr gehört nach Dachau“.

Zum ersten Mal haben Sie 2015 einen Angeklagten zu einem Besuch in Dachau verurteilt. Hat rechte Hetze in den vergangenen Jahren zugenommen?

Henle: Vor 2015 war ich als Jugendrichter tätig, deswegen traue ich mir hier keine Einordnung zu. Seitdem habe ich dreimal Straftäter zu einem Besuch nach Dachau verpflichtet, es ist zumindest kein Massendelikt.

Kürzlich hat der Günzburger Richter Walter Henle einen Angeklagten, der durch rechte Parolen aufgefallen ist, zu einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau verpflichtet.
Bild: Bernhard Weizenegger (Symbol)

Kennen Sie andere Richter, die sich ebenfalls solche Erziehungsmaßnahmen einfallen lassen oder sind Sie hier eher eine Ausnahme an den bayerischen Gerichten?

Henle: Aus eigener Erfahrung sind mir keine weiteren Fälle bekannt. Im Jugendbereich gibt es so etwas öfter, hier steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund, der Strafcharakter tritt zurück. Aber auch ein Strafrichter darf kreativ sein, das ist nicht das Privileg des Jugendrichters. Vielleicht schwingt bei mir hier die Erfahrung als Jugendrichter mit.

Wäre es also eine Option, öfter jemanden an einen Ort zu schicken, der thematisch mit der Straftat zu tun hat?

Henle: Bei einem überzeugten Nazi würde es nicht helfen, ihn in die Gedenkstätte nach Dachau zu schicken. Er würde wohl in seinem Denken noch bestärkt werden. Ebenso wenig sollte man einen Tierquäler im Tierheim mitarbeiten lassen. Eine Geldauflage an die entsprechende Stelle finde ich aber durchaus sinnvoll. Wichtig ist, dass jemand, der zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wird, trotzdem spürt, dass er eine Straftat begangen hat. Bei einer Haftstrafe ohne Bewährung erfährt man die Strafe ganz schnell am eigenen Leib, bei einer Bewährung läuft erst einmal alles so weiter wie gewohnt. Wenn man seine Auflagen erfüllt, passiert auch sonst nichts. Eine Geldbuße oder Arbeitsstunden sollen an die Tat erinnern.

Lesen Sie dazu auch: Angeklagter muss KZ-Gedenkstätte in Dachau besuchen

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