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Sportgeschichte

05.12.2020

Franz Ritter und seine Liebeserklärung an den SC Ichenhausen

Da ist das Werk: Aus dem Vereinsarchiv, Erinnerungen von Zeitzeugen und Zeitungsberichten komponierte Franz Ritter mit Leidenschaft und Liebe zum Detail die Jubiläumsausgabe „100 Jahre SC Ichenhausen“.
Bild: Till Hofmann

Plus Franz Ritter hat Sportgeschichten aus 100 Jahren SC Ichenhausen zu einer lesenswerten Chronik zusammengestellt. Ein Wunsch des Autors bleibt wohl unerfüllt.

Ein Sportverein ist nie auf eine Gruppe von Menschen zu reduzieren, die es zur Bewegung drängt. Er ist auch wesentlich mehr als die Summe sportlicher Ergebnisse. Nein, ein Sportverein ist immer ein Stück Heimat- und Kulturgeschichte. Er erzählt vom Gewinnen wie vom Scheitern, bietet Generationen eine Schule fürs Leben, prägt den Gemeinsinn und wirkt nachhaltig positiv bei der Integration neuer Bürger. Wenn ein solcher Sportverein stolze 100 Jahre alt wird, hat er also in jedem Fall Geschichte mitgestaltet. Im Fall des SC Ichenhausen wurde sie nun auch niedergeschrieben. Franz Ritter trug in jahrelanger Detailarbeit Erinnerungsschnipsel zusammen und verfasste eine umfassende Chronik, die nun, mit Ablauf des Jubiläumsjahrs 2020, fertiggestellt ist. Das Werk, so sieht es der 72-Jährige, ist jedoch keine Vereinsgeschichte. „Es sind Geschichten aus 100 Jahren. Und es gibt wirklich viele, bei denen man sagt, die muss man eigentlich erzählen.“

Den Anfang machten die Fußballer

Das beginnt bereits bei der formellen Vereinsgründung. Das Jahr 1920 war schon in seinen Herbst eingetreten, als sich die bis dahin unter der Bezeichnung FC Ichenhausen spielenden Fußballer als Abteilung dem bereits existierenden TV Ichenhausen anschlossen. Später erhielt die Sparte dann die Bezeichnung Spielvereinigung. Unter dem aktuellen Namen Sportclub fanden zunächst die Fußballer erst nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Sie hatten übrigens schon seit Ende der 20er-Jahre am heutigen Standort gekickt, dem 1933 nach dem damaligen Reichspräsidenten benannten Hindenburgpark. Schnell kamen weitere Sportarten unter dem Dach des SC Ichenhausen zusammen. Bereits im Gründungsjahr 1946 folgten die Handballer, ein Jahr darauf die Boxer. Seit 1948 existiert die Abteilung Tischtennis.

Große Integrationsleistung

Auf allen Ebenen leistete der Verein in der Folge Beachtliches. Erstaunt hat Ritter vor allem der positive Einfluss des SC beim Herausbilden einer neuen kommunalen Identität. Immerhin hatte Ichenhausen bis 1945 seine gesamte jüdische Gemeinde und damit ein Fünftel der Vorkriegs-Bevölkerung verloren. Hinzu kamen 158 Kriegsopfer. Aufseiten der Zuzüge fanden jeweils knapp 1000 Flüchtlinge und Heimatvertriebene in Ichenhausen eine neue Heimat. Dass Alt-Eingesessene und Neu-Hinzugekommene besser als andernorts zusammenwuchsen, daran hatte der Sportverein großen Anteil.

Spätestens im Lauf der 50er-Jahre begann der Sport, die Leiter der gesellschaftlichen Wahrnehmung Sprosse um Sprosse hinaufzusteigen. Was sich in vielerlei Hinsicht positiv auf Ritters Arbeit an der Chronik auswirkte. Im Gegensatz zu den Anfangsjahren des Vereins konnte er nun auf das in Friedenszeiten lückenlos ausgebaute Archiv der Günzburger Zeitung zurückgreifen – eine unschätzbare Hilfe, nicht nur in Sachen Zahlenmaterial, wie er betont. Was Ritter, der beruflich als Lehrer in der Erwachsenenbildung tätig und als Beamter in München gebunden war, beim Quellenstudium aufgefallen ist und ihn oft zum Schmunzeln gebracht hat: „Die Bilder und die Formulierungen in der Heimatzeitung – einmalig, was sich da über die Jahre entwickelt und verändert hat.“

Bemerkenswert hoher Informationsgehalt

In seiner Zusammenstellung wechselt Ritter versiert zwischen Statistiken, Anekdoten und Stilblüten der Berichterstattung. Das besitzt vor allem bei weit in der Vergangenheit liegenden Ereignissen einen bemerkenswert hohen Informationsgehalt und Unterhaltungswert – wobei sich nicht nur an dieser Jubiläumsausgabe kritisieren lässt, dass sie die Zeit der Nazi-Barbarei weitgehend ausklammert. Dem Fußball seit der Jahrtausendwende sowie dem Handball der vergangenen zehn Jahre dagegen räumt der Autor zu viel Platz ein.

Fußballerisch war das Jubiläumsspiel am 6. Juni 1970 die erwartet klare Sache. 1:7 verlor der damalige Bezirksligist SC Ichenhausen gegen den TSV 1860 München. Das Gastspiel der Löwen lockte 1500 Zuschauer in den Hindenburgpark.
Bild: Vereinsarchiv SC Ichenhausen

Schön ist, dass der 72-Jährige sein Werk mit unzähligen Erinnerungsfotos garniert. Hier und da taucht er selbst im Bild auf – kein Wunder, immerhin ist Ritter seit 1956 Vereinsmitglied. Für die Fußballer bestritt er mehr als 500 Begegnungen. Unter anderem stand er auf dem Rasen, als anlässlich der 50-Jahr-Feier der TSV 1860 München ein Gastspiel im Hindenburgpark gab – ein Festtag für den Verein und 1500 Zuschauer.

Selbstverständlich erinnert die Chronik auch an die größten Sportler, die der SC Ichenhausen hervorgebracht hat. Stellvertretend für viele gute Fußballer würdigt Ritter unter anderem Hans Girgnhuber, den er als „großes sportliches und menschliches Vorbild“ bezeichnet. Dessen Sohn Klaus Girgnhuber übrigens absolvierte später weit mehr als 700 Spiele im königsblauen Trikot – von dem übrigens, auch das ist eine besondere Geschichte des Jubiläumsvereins, offenbar niemand so ganz genau sagen kann, wo seine Wurzeln liegen. Die Farben des Ursprungsvereins jedenfalls waren weiß, rot und schwarz.

Neben den Ausnahmekönnern der 50er-Jahre, Willi und Walter Dotschkal, stehen in dieser Boxstaffel des Jahres 1959 bereits die künftigen Asse Max Thoma und Alois Wiedemann. Das Bild entstand in der Sporthalle in Thannhausen.
Bild: Vereinsarchiv SC Ichenhausen

Apropos Farben: Die SCI-Boxer feierten in den 50er-Jahren ihre erste goldene Generation um die unvergessenen Brüder Willi und Walter Dotschkal; eine zweite um Alois Wiedemann und Max Thoma sollte in den 60ern folgen. Die damals weit mehr als heute beachteten Amateurboxer sorgten aus Sicht der Sportregion Günzburg gar für die ersten internationalen Begegnungen überhaupt nach dem Zweiten Weltkrieg. So stand Willi Dotschkal in jener Donau-Günz-Staffel, die 1951 gegen den BC Winterthur (Schweiz) antrat und damit einen Startpunkt setzte. Später kämpften beide Dotschkal-Brüder gegen Boxer aus den USA und der DDR.

Handballer waren schon im Freien erfolgreich

Für Ritter selbst ist es „verblüffend, wie sich aus bescheidenen Anfängen alles entwickelt hat“. Er erinnert an die großartige Entwicklung der Tischtennis-Sparte, die in ihrer besten Phase Mitte der 70er-Jahre ein Spitzenteam in der Landesliga stellte und sogar vernehmlich ans Tor zur Bayernliga pochte. Nicht weniger beeindruckt den Autor, dass sich die Ichenhauser Handballer bis zur Eröffnung der heimischen Franziska-Ziehank-Halle 1988 als Exilanten in der Sporthalle des Fliegerhorsts in Leipheim tummeln mussten und dennoch hervorragende Resultate erreichten. „Das ist schon eine Leistung“, betont der 72-Jährige anerkennend. Wobei zur historischen Entwicklung der Handballer natürlich auch gehört, dass sie früher unter freiem Himmel spielten. Ihre ersten auch überregional beachteten Erfolge, gekrönt vom Aufstieg in die Landesliga 1969, feierte diese SCI-Sparte noch im Hindenburgpark.

Bis heute ist der SC Ichenhausen mit seinen vier ursprünglichen Abteilungen (Fußball, Handball, Boxen, Tischtennis) sowie den beiden später hinzugekommenen Sparten (Schach und Ski) sportliche Heimat für viele. Und naturgemäß ist zum 100. Geburtstag die Zahl all jener Gratulanten groß, die das „Sport ist im Verein am schönsten“ predigen. Die Arbeit an der Chronik verstärkte in Ritter jedoch die Erkenntnis, dass hier längst nicht mehr alle Bürger und schon gar nicht alle Jugendlichen ohne weiteres zustimmen. Umso mehr ist er überzeugt, dass sich ein Amateurverein nie allein dem Wettkampfsport zuwenden darf. „Wenn er seine Mitgliederzahlen halten oder Frauen und Jugendliche für sich gewinnen möchte, muss er sich für Neues öffnen.“ Für den SCI schlägt Ritter konkret eine Fitness-Sparte vor. „Dieses Feld muss man nicht komplett kommerziellen Anbietern überlassen“, sagt er. Über die nach wie vor fehlende, eigene Jugendabteilung im Fußball mag er dagegen nicht diskutieren. Die Kritik daran sei ja allgegenwärtig und berechtigt, unterstreicht er.

Was fehlt, ist ein Zentrum für alle

Und dann benennt Ritter noch seinen jahrzehntelang gehegten, stets unerfüllt gebliebenen und inzwischen womöglich auch unerfüllbaren Wunsch: Ein Sportzentrum, das für die ganze Stadt und für alle Vereine da ist. „Ichenhausen hat es versemmelt, das irgendwann zu bauen. Dabei wäre das eine Investition für die Zukunft und auch ein klares Zeichen gewesen: Wir spielen teilweise in getrennten Mannschaften, aber wir treffen uns an derselben Örtlichkeit.“ Sportlich fair merkt Ritter freilich an: „Der SCI war nicht ganz unschuldig daran, dass es nie dazu kam.“

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