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Offingen

12.01.2020

In seiner alten Heimat Senegal hatte er keine Chance

Evelyn Söll (von links), Kaume Konte und Jürgen Söll haben gut lachen. Konte hat seine Gesellenprüfung bestanden und die erste eigene Wohnung in Offingen gefunden. Zurück in den Senegal möchte Konte erst, wenn er sich noch mehr für ein gutes Leben in der Heimat aufgebaut hat.
Bild: Sandra Kraus

Plus Kaume Konte kam aus dem Senegal, um hier ein besseres Leben zu führen. Nun hat er die Gesellenprüfung bestanden - vor allem wegen eines Ehepaars aus Haldenwang.

„Wenn man will, kann man alles schaffen“, sagt Kaume Konte und lächelt. Er wusste schon früh, was er wollte, nämlich von seinem Geburtsland Senegal aus nach Deutschland kommen und dort nicht nur die Sprache, sondern auch einen Beruf zu lernen. Mission geglückt, könnte man sagen, denn seit Herbst hat Konte den Gesellenbrief eines Metallbauers der Fachrichtung Konstruktionstechnik in der Tasche. Bei seiner Freisprechungsfeier saßen Evelyn und Jürgen Söll überglücklich im Publikum. Das Ehepaar aus Haldenwang bürgte im April 2016 bei der Einreise des ehrgeizigen jungen Mannes für ihn und nahm ihn zu Hause bei sich in die somit fünfköpfige Familie auf.

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Vor einem Monat ist Konte ausgezogen und kann heute seine Gäste in der eigenen Wohnung in Offingen herumführen. In der gemütlichen Wohnküche riecht es lecker. „Es gibt Reis und Jasa, eine scharfe Zwiebelsoße“, erklärt Kaume Konte. Reis wird in seiner Heimat, einem kleinen Dorf nahe der Großstadt Tambacounda im östlichen Teil des Senegals, viel gegessen. 2017 war Kaume Konte zusammen mit dem Ehepaar Söll dort zu Besuch bei der Mutter, dem inzwischen verstorbenen Vater und den Geschwistern. „Die Gegensätze dort sind sehr groß, entweder hat man richtig Geld oder gar keins. Es ist traurig, dass die Reichen und die Armen im gleichen Land und doch in einer jeweils anderen Welt leben.“

Gefährliche Flucht über das Mittelmeer nach Europa

Konte hätte als Junge vom Dorf trotz seiner guten Schulbildung in der Stadt letztlich nie eine Chance auf Arbeit gehabt. Fliehen oder Hütte seien die Alternativen. Kaume entschied sich zur gefährlichen Flucht über das Mittelmeer, ausgestattet mit dem Willen etwas erreichen zu können und dem Bewusstsein am Ende viel lernen zu müssen und dies auch zu wollen. In Deutschland angekommen besuchte Konte sofort Deutschkurse, machte während seiner vorübergehenden Abschiebung nach Italien konsequent weiter, und steigerte das Lernpensum noch einmal, als er wieder in Deutschland war und seine Ausbildung bei der Günzburger Steigtechnik beginnen konnte. „Die ersten Monate in der Berufsschule waren hart, ich verstand gar nichts“, erinnert er sich heute. Von allen Seiten wurde der sympathische und hoch motivierte junge Mann unterstützt.

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Mit Zieh-Mutter Evelin wurde deutsch geübt, Zieh-Vater Jürgen wiederholte mit Kaume den Unterrichtsstoff. Auch im Unternehmen erfuhr der Azubi durch seine Ausbilder und Chefs größtmögliche Unterstützung. „Das ist schon toll dort. Selbst zu Frau Werdich-Munk kann ich immer kommen,“ freut er sich. Dass er seine Gesellenprüfung auf Anhieb bestehen würde, hätte trotzdem kaum einer gedacht. Und doch ließ der glückliche Moment vor allem Evelyn Söll, die sich um das Aufenthaltsrecht des Wirtschaftsflüchtlings immer ein bisschen Sorgen macht, kurz erschaudern. „Kaumes Aufenthalt ist an Arbeit gekoppelt. Mit dem Bestehen der Prüfung war die Ausbildung zu Ende. Und Kaume illegal im Land“, erinnert sie sich.

Werktags bei der Günzburger Steigtechnik, am Sonntag im Fastfood-Restaurant

Doch die Angst war unbegründet, Kaume Konte erhielt einen Arbeitsvertrag bei der Günzburger Steigtechnik und arbeitet seither in der Abteilung Sonderbau. Sonntags arbeitet Kaume Konte nach wie vor bei einem Fastfood-Restaurant in Jettingen-Scheppach. Wohnung, Auto, Lebensunterhalt wollen finanziert sein.

Und am Ziel ist er noch lange nicht. Die Technikerschule würde ihn reizen. Und die Deutschkenntnisse sollen noch besser werden. Zweimal in der Woche besucht er den Deutschkurs bei der Vhs Günzburg um das B2-Zertifikat zu schaffen. Kontes Kumpel nennen ihn manchmal den Deutschen, vor allem wenn er seine mit Wasser gefüllte Trinkflasche aus dem Rucksack zieht oder sein Müsli in der Arbeit dabeihat. Bald soll in die Offinger Wohnung sein Freund aus Kindheitstagen einziehen.

Sein bester Freund ist aus Mali, mit ihm spricht er meistens Französisch. „Ich kenne aber auch viele Arbeitskollegen und die Jungs vom Fußball. Da habe ich irgendwann aufgehört, denn die Spiele waren immer am Sonntag und da arbeite ich ja immer.“

Nächstenliebe geht über Grenzen und Religionen hinweg

Wenn sich Jürgen Söll an die schwierigsten Momente erinnert, dann war es die Sorge um die zwei Töchter. „Es war doch so, dass plötzlich ein Sohn dazu kam, der mehr Hilfe und Unterstützung benötigte und dazu noch hilfsbereiter und zuvorkommender war.“ Die Motivation für den ungewöhnlichen und mutigen Schritt für einen jungen Erwachsenen aus Afrika zu bürgen war christlich motiviert. „Nächstenliebe geht für uns über Grenzen und Religionen hinweg. Das haben nicht alle in unserer evangelischen Freikirche so gesehen.“

Ängste können bestens durch Kontakte abgebaut werden, findet Ehepaar Söll. Das habe auch in der Familie gut funktioniert. Und letztlich sogar im Senegal, als Kaumes Großmutter ganz verschreckt auf die beiden weißen Besucher aus Haldenwang reagierte. Evelyn und Jürgen Söll waren ihr anfangs eher unheimlich. Kaume Konte schaffte es für ein strahlendes Lachen zu sorgen.

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