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Leben an der Autobahn - Serie (2)

06.08.2019

Kampf gegen Lärm: Anwohner geben nicht auf

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Hans Kaltenecker aus Leinheim (rechts) und Peter Schulze aus Nornheim macht der Verkehrslärm der Autobahn seit dem fertigen sechsspurigen Ausbau vor vier Jahren zu schaffen. Die Bürger der Günzburger Stadtteile verstehen nicht, warum nicht mehr für den Schutz der Anwohner getan wird.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Günzburger und Streitheimer an der A8 leiden – nach dem Ausbau noch mehr als früher. Eine Petition ist gescheitert. Warum sie keine Ruhe geben.

Es rauscht. Nicht das Rauschen des Windes oder das Rascheln der Blätter in den Bäumen – es ist die Autobahn. „Wir haben keine Ruhe mehr“, sagt Hans Kaltenecker. Er steht etwa 200 Meter südlich der A8 und blickt hinüber nach Leinheim. Der Günzburger Stadtteil liegt etwas erhöht. Ein Erdwall soll die 615 Einwohner vor den Verkehrsgeräuschen schützen. Doch der Wall ist auf mehreren hundert Metern abgeflacht und gibt den Blick von der Straße frei auf den Ort. „Der Lärmschutz ist unvollständig und geht auf Berechnungen aus dem Jahr 1999 zurück“, beklagt das Stadtratsmitglied des Unabhängigen Wählerblocks.

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Für den Schallschutz gab es "nur" Berechnungen

Tatsächlich bezieht sich der Schutz entlang der 41 Kilometer langen Neubaustrecke zwischen den Anschlussstellen Augsburg-Ost und Leinheim auf die Berechnungsparameter der Planfeststellung, bestätigt Robert Schmidt, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Pansuevia. Insgesamt 8,5 Kilometer Schutzwälle und -wände wurden als passiver Schutz in diesem Bereich errichtet. Häuser, die sehr nahe an der Autobahn liegen, wurden aktiv mit Lärmschutzfenstern nachgerüstet.

Hans Kaltenecker sieht die Fehlerquelle in der reinen Berechnung: „Niemand hat den tatsächlichen Lärm gemessen. Und eigene Messungen sind nicht belastbar.“ Bittere Gefühle steigen in ihm auf, als er von der gescheiterten Petition im Landtag im vorigen Jahr berichtet. 323 der 615 Einwohner hatten bis zum Juni 2018 den Forderungskatalog zur Verbesserung des Lärmschutzes unterschrieben. Im Herbst fuhren Kaltenecker und Mitstreiter Georg Büchele zum Petitionsausschuss nach München. Nach einem Gespräch mit dessen Leiter Erwin Huber waren sie zuversichtlich, dass ihr Gesuch behandelt wird. Doch dann wurde es ohne Angaben von Gründen nicht zugelassen.

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Auch Bayerns Verkehrsminister Hans Reichhart (CSU), der nur wenige Kilometer entfernt in Jettingen-Scheppach wohnt, machte den Bürgern wenig Hoffnung. Stimmkreisabgeordneter Alfred Sauter (CSU) sieht eine Chance in einem Verkehrsleitsystem. Elektronisch gesteuerte Verkehrsschilder könnten die Geschwindigkeit in diesem Bereich regeln.

Pansuevia-Chef Schmidt dämpft die Erwartungen: „Lärm lässt sich nur bedingt abschirmen. Topografisch ist das entlang der Strecke kaum zu lösen. Der Schall breitet sich auch bei höheren Schutzanlagen linear aus. Um allen gerecht zu werden, müssten wir die gesamte Strecke in einen Tunnel verlegen.“

Warum sich Familie Schulze eine zweite Terrasse gebaut hat

Soweit wollen die Anlieger nicht gehen. Peter Schulze wohnt seit 16 Jahren im Stadtteil Nornheim. Obwohl der Ort noch einige hundert Meter weiter nördlich liegt, kann die Familie nachts die Fenster nicht mehr öffnen. „Seitdem auf der sechsspurigen Strecke unbegrenzt schnell gefahren werden kann, ist es im Freien kaum auszuhalten“, sagt der Ingenieur. Er unterstützt die Forderung der Leinheimer nach wirksamem Schallschutz. Die Familie hat sich auf der abgewandten Seite eine zweite Terrasse gebaut. „Zum Glück wohnen wir nur zur Miete. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, werden wir auf jeden Fall den Wohnort wechseln.“

Auf dem Facebook-Gruppe „A8 Leinheim – Es ist viel zu laut“ teilt Hans Kaltenecker das tägliche Lärmleid. Kaltenecker und seine Mitstreiter wollen nicht locker lassen, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. Jetzt haben sie die Abgeordneten Johann Häusler (FW) und Klaus Holetschek (CSU) eingeladen – „und sie haben zugesagt“. Eine vage Hoffnung. Vor Ort sollen sie sich ein Bild davon machen, wie eklatant der Unterschied zwischen theoretischer Berechnung und der Wirklichkeit ist. Kaltenecker und Schulze haben den finanziellen Aufwand auf etwa drei Millionen Euro gerechnet, um die Ortschaften besser abzuschirmen. „Bei einer Laufzeit von 30 Jahren wären das gerade mal 100.000 Euro pro Jahr. Das muss die Gesundheit der Bürger dem Freistaat wert sein“, sagt Kaltenecker. Er vermutet Angst vor einem Präzedenzfall als größte Hürde.

Das ist durchaus denkbar. Denn auch im Augsburger Land gibt es an der A8 Lärm-Problem-Punkte – so im Zusmarshauser Ortsteil Streitheim: Auch dort streiten sie für ein Tempolimit, weil die Autobahn seit dem Ausbau lauter geworden sei, trotz Lärmschutz. „Aufgeben werde ich nicht“, sagt Stefan Vogg.


Sommerserie "Leben an der Autobahn"

Die Autobahn A 8 ist eine der wichtigsten Ost-West-Verbindungen in Mitteleuropa. Güter werden transportiert, Pendler fahren zur Arbeit, Urlauber steuern ihre Ferienziele an. Die A 8 ist auf 100 Kilometern eine der Lebensadern in Bayerisch-Schwaben. Schon 1938 eröffnet, ist sie seit 2015 auf sechs Spuren ausgebaut und als eine der ersten Autobahnen als Public-private-Partnership finanziert. In unserer Sommer-Serie rücken wir „unsere“ Autobahn einmal näher in den Fokus: Was passiert da so alles auf der Autobahn und nebendran? Wie leben Menschen an der Autobahn? Wer arbeitet dort? Lassen Sie sich überraschen.

Hier finden Sie den ersten Teil:

Autos rasen, Rinder grasen: Wie reagieren die Tiere an A8 auf Lärm?

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