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Prozess in Memmingen

03.07.2020

Prozess am Landgericht: Lange Haft für Messerstecher aus Günzburg

In dieser Asylunterkunft am Günzburger Bahnhof kam es zwischen zwei Bewohnern zu Beginn des Jahres zu einem Streit – dann folgte eine Messerattacke. Nun wurde ein junger Mann am Landgericht Memmingen verurteilt.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Ein junger Somalier ist am Landgericht Memmingen verurteilt worden, weil er in einer Asylunterkunft mit einem Messer seinen Zimmerkollegen attackiert hat.

Es war der dritte und letzte Verhandlungstag, an dem das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Christian Liebhart am Landgericht Memmingen über das Schicksal eines 18-jährigen Somaliers entscheiden musste. Dieser soll im Dezember 2019 laut Anklageschrift seinen Zimmerkameraden, einen 19-jährigen Afghanen, im Asylbewerberheim in Günzburg verprügelt und mit einem Brotmesser attackiert haben. Die Aussage des Gerichtsmediziners sollte am Freitag die letzten Unklarheiten über den Ablauf des Geschehens aus dem Weg räumen. Doch ganz so einfach war es dann doch nicht – und kurzzeitig stellte Richter Liebhart sogar in Aussicht, eine weitere Fortsetzungsverhandlung anzusetzen. Am Ende gab es dann aber doch ein Urteil - aus Sicht des Angeklagten kein gutes.

Der Gerichtsmediziner, der den Angeklagten kurz nach der Festnahme im Dezember untersucht hatte, berichtete von mehreren leichten Schürfwunden und einem deutlicheren Hämatom unter dem linken Auge des 18-Jährigen. Letzteres ließe vermuten, dass der Angeklagte entweder mit einem Gegenstand oder mit einer Faust geschlagen worden sei, wobei der Schläger einen Ring oder Ähnliches getragen haben müsse.

Prozess am Landgericht: Geschädigter aus Günzburg muss noch einmal aussagen

Um die Herkunft dieser Verletzungen aufzuklären, entschied das Gericht, den Geschädigten noch einmal anzuhören. Dieser musste jedoch erst von der PI Günzburg kontaktiert und nach Memmingen gebracht werden. Nach mehr als zweistündiger Sitzungspause trafen der Geschädigte und sein Dolmetscher ein. Auf die Frage, ob er denn irgendeine Art von Schmuck trage, verneinte er. Er habe zwar Schmuck, aber am entsprechenden Abend keinen getragen.

Prozess am Landgericht: Lange Haft für Messerstecher aus Günzburg

Als die Jugendgerichtshelferin ihre Einschätzung abgab, betonte sie, dass man sowohl am Ausländeramt als auch in der Asylbewerberunterkunft sehr überrascht gewesen sei, dass der Somalier eine so aggressive Tat begangen haben solle. Man habe ihn als ruhigen und zurückhalten Menschen kennengelernt. Sie sagte auch, dass der 18-Jährige bislang keine therapeutische Betreuung erhalten habe, diese aber benötige, um seine Traumata bewältigen zu können. Im Fall einer Entlassung aus der U-Haft sei eine solche Betreuung dringend notwendig.

Somalier erzählt von seiner monatelangen Flucht bis nach Günzburg

Der Angeklagte erzählte während des Prozesses von den ärmlichen Verhältnissen in seiner Heimat Somalia und seiner monatelangen Flucht nach Deutschland. Lediglich sechs Monate sei er wegen der fehlenden finanziellen Mittel seiner Eltern zur Schule gegangen. Danach arbeitete er im Haushalt und half seinem Vater, Geld zu verdienen. Wegen nicht näher definierten Probleme innerhalb der Familie sei er eines Tages von Unbekannten entführt worden. Ihm gelang nach zwei Monaten die Flucht. Aus Angst um sein Leben, habe er sich auf eine abenteuerliche Reise begeben: Mithilfe von Schleusern sei er über den Jemen, Sudan, Libyen und Italien bis nach Deutschland gekommen, wo er nach einer Zwischenstation in Lindau schließlich in Günzburg landete. Zu seinen Eltern hatte der Angeklagte eigenen Angaben nach das letzte Mal vor etwa drei Jahren Kontakt. Sie wissen also nicht, dass er in Deutschland lebt und nun in der Justizvollzugsanstalt ist.

Von einer von der Jugendgerichtshilfe angesprochenen Entlassung wollte der Staatsanwalt nichts wissen. Zwar sei nicht abschließend geklärt worden, wie sich der Streit im Zimmer entzündet habe und wer genau wen wie attackiert habe, das ändere jedoch nichts daran, dass der Angeklagte mit einem Messer auf seinen Mitbewohner losgegangen sei. Allein dem Zufall sei es zu verdanken, dass in dem Moment ein Zeuge eingegriffen und dem Somalier den Arm festgehalten habe, sodass sein Opfer sich in das Zimmer eines weiteren Zeugen flüchten konnte. Der Staatsanwalt plädierte auf vier Jahre und sechs Monate Jugendstrafe.

Verteidiger plädiert vor dem Landgericht Memmingen auf Freispruch

Ganz anders stellte Verteidiger Alexander Kühne den Vorfall dar. „Der Angeklagte ist schmächtig. Es ist doch schwer vorstellbar, dass er es geschafft haben soll, einen durchtrainierten Kickboxer zu Boden zu schubsen und auf ihn einzuprügeln.“ Zudem sei auf dem Flur nirgends Blut gefunden worden, was bei einer tiefen Schnittwunde am Finger äußerst seltsam sei. Auch die Zeugenaussagen seien nicht objektiv zu bewerten. Zwar hatten die Zeugen, die beide ebenfalls aus Afghanistan stammen, behauptet, nie mit dem Geschädigten gesprochen zu haben. Da diese aber über Monate auf dem gleichen Flur gewohnt und zusätzlich die gleiche Sprache gesprochen hätten, sei das mehr als unwahrscheinlich. „Ich denke, dass hier nur der Angeklagte verdroschen wurde und durch die sieben Monate in U-Haft genug gestraft wurde.“ Er plädierte auf Freispruch.

Das Gericht teilte diese Ansicht nicht. Der Angeklagte wurde zu drei Jahren und neun Monaten Jugendstrafe ohne Bewährung verurteilt. „Er hat den möglichen tödlichen Ausgang seiner Handlungen erkannt und billigend in Kauf genommen“, begründete Richter Liebhart die Entscheidung.

Lesen Sie dazu auch den Artikel über den ersten Prozesstag: Blutige Messerattacke in Asylunterkunft am Günzburger Bahnhof

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