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Landkreis Günzburg

26.11.2019

Warum Bauern aus der Region nach Berlin gefahren sind

Michael Schlosser (rechts) und Stephan Augustin, ein Klassenkamerad, am Dienstag mit dem Traktor kurz vor der Siegessäule in Berlin.
Bild: Andreas Treffler

Plus Der 22-jährige Michael Schlosser aus Bleichen war dabei. Ihm fehlt die Wertschätzung für seinen Berufsstand. Warum er dennoch Landwirt werden will.

Als Michael Schlosser am späten Dienstagnachmittag mit unserer Zeitung telefoniert, ist er „gerade aus Berlin draußen“. Vor ihm liegen noch ungefähr 250 Kilometer Rückweg – auf dem Bulldog. Gut vier Stunden, schätzt der 22-Jährige aus Unterbleichen, wird er für sein Ziel bei Leipzig noch brauchen. Dort steht das Auto, mit dem er und zwei Klassenkameraden losgefahren sind – zur Mutter eines der beiden Schulfreunde, die eben in der Nähe von Leipzig einen Bauernhof betreibt. Mit drei Traktoren ging es schließlich in die Bundeshauptstadt.

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Michael heißt nicht nur Schlosser mit Familiennamen. Er hat auch eine Lehre als Schlosser absolviert. Das ist gewissermaßen sein Netz, das ihn auffangen soll, wenn der Drahtseilakt misslingt. Und der Drahtseilakt – das ist für ihn die Landwirtschaft, die er so liebt. „Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, arbeite gerne draußen in der Natur und mit der Natur.“

"Die erzielten Preise sind ein Witz"

Zuhause haben die Schlossers einen Ackerbaubetrieb. Der Vater – ein geprüfter Techniker für den Landbau – betreibt ihn im Vollerwerb. Das möchte der Sohn eigentlich auch. Aber kann er das noch? Bleibt da genügend Auskommen? Das sind Fragen, auf die der angehende Landwirt im dritten Ausbildungsjahr keine Antwort weiß. Was er aber zu erkennen glaubt, ist folgendes: Sein Berufsstand wird nicht wertgeschätzt – weder von der Politik noch von den Verbrauchern. „Die Preise, die in der Landwirtschaft erzielt werden, sind ein Witz. Kaum einer hat ein Ahnung, welcher Aufwand dahintersteckt.“

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Das alles hat Michael Schlosser dazu bewogen, sich aufzumachen – nach Leipzig zu fahren, wo es vom Auto auf den Traktor ging. Und damit diese besondere Reise fortzusetzen. „Wenn ich das jetzt nicht mache und ein Zeichen setze, dass ich mit dieser Landwirtschaftspolitik nicht einverstanden bin, wann soll ich es sonst machen?“, antwortet er auf eine entsprechende Frage.

Fäuste und Daumen gehen nach oben

Schlosser hat viele positive Reaktionen von Berlinern erlebt, die am Straßenrand die Bauern gestenreich unterstützt haben: Entweder mit einer emporgereckten Faust, was wohl ein Zeichen der Solidarität sein soll, nicht nachzulassen mit den Protesten und kampfbereit zu sein. Oder aber ein nach oben gestreckter Daumen, der auf andere Art und Weise Sympathie mit den Landwirten bekundete.

Neben Schlosser sind noch weitere Bauern aus der Region angereist. Vom Flughafen in Memmingerberg hob ein eigens gechartertes Flugzeug ab. An Bord: etwa 200 Landwirte, einige davon aus dem Landkreis Günzburg.

Die nächste Demo ist in Memmingen

Nicht mitgereist ist Michael Schütz, der mit anderen gerade eine weitere Demonstration vorbereitet, die am 5. Dezember in Memmingen stattfindet. Dann wird auch Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber anwesend sein, sagt Schütz, der auf mindestens 600 Schlepper aus Schwaben, dem angrenzenden Württemberg und Oberbayern hofft. Die Kundgebung findet um 17.30 Uhr auf dem Baywa-Gelände im Industriegebiet statt. Schütz kommt aus dem Krumbacher Stadtteil Edenhausen und hat 85 Milchkühe sowie die Nachzucht im Stall stehen. Auf einer Gesamtfläche von 80 Hektar wird unter anderem Weizen, Gerste, Körnermais, Silomais und Viehfutter angebaut.

Hauptsächlich über soziale Medien und Kommunikationsplattformen wie Facebook und What’s App haben sich Bauern in dem losen Verbund „Land schafft Verbindung“ zusammengefunden – und das über Verbandsgrenzen hinweg. „Wir sind weder Verein noch Verband“, betont Schütz – und dass hier alle Bauern mitmachen könnten und nicht nur ein Teil. Das eint plötzlich Milchviehhalter, Ackerbauern, konventionell und biologisch anbauende Landwirte.

So wird nur Quantität produziert

Die riesigen Landwirtschaftsproteste in den Niederlanden seien mit der Auslöser gewesen, dass auch in Deutschland viel in Bewegung geraten sei. Die Landwirtschaftspolitik der Europäischen Union (EU) kritisiert Schütz, weil sie Ausgleichszahlungen an die Größe der Fläche koppele. So werde Quantität produziert für einen Markt, der eh aus Milchseen und Butterbergen bestehe. Das Resultat: Die erzielten Erlöse würden immer geringer – zu wenig zum dauerhaften Überleben.

Der Markt funktioniere nicht mehr. Das hänge unter anderem mit den Standards zusammen, die hierzulande verlangt würden, die aber beispielsweise bei Rinderimporten aus Südamerika oder osteuropäischen EU-Mitgliedsländern nicht nachgewiesen werden müssten. Das ist für Schütz ein unfairer Wettbewerb.

Nitratbelastung: Es gibt nicht nur einen Watschenmann

Dass die Bauern allein für die Nitratbelastung im Grundwasser verantwortlich gemacht werden, nervt den Edenhauser Landwirt. Er ist der Ansicht, dass die gemessenen Untersuchungswerte nicht repräsentativ sind, weder für einzelne Bundesländer noch für ganz Deutschland noch für verschiedene Anbaugebiete wie Grünland, Wald oder Acker. Schütz will jedenfalls nicht, dass die Vertreter seines Berufsstandes die alleinigen Watschenmänner sind.

Der Kreis Günzburg gehört nicht zu den roten Gebieten

Im Freistaat gehören circa 25 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche zu den sogenannten roten Gebieten, wo an mindestens einer Messstelle die Nitratbelastung einen Schwellenwert von 50 Milligramm pro Liter überstiegen hat. Der Landkreis Günzburg ist davon nicht betroffen, sagt Reinhard Bader vom Krumbacher Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF). Das liege an der Geologie, den Niederschlagsmengen und daran, „dass wir keine extrem hohen Viehbestände haben“, erklärt der Bereichsleiter Landwirtschaft auf Nachfrage.

Michael Schütz kommt auf die aus Bauernsicht ungute Gesamtentwicklung zurück: „Es ist ein Punkt erreicht, wo wir nicht mehr wirtschaftlich produzieren können. Wenn es so weiter geht, wird unsere Landwirtschaft mehr oder weniger abgeschafft.“ Schütz sieht, dass übereinander gesprochen wird anstatt miteinander. "Wir brauchen einen Wandel in der Agrarpolitik. Ich will über meine Produkte ausreichend Einkünfte erzielen – und nicht auf Ausgleichszahlungen angewiesen sein.“

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