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Landkreis Günzburg

06.09.2019

Zu Heilmeyers Todestag gibt es keine Gedenkstunde in Günzburg

Ludwig Heilmeyer war Gründungsrektor der Universität Ulm und bekam viele Ehren – die jetzt sehr kritisch gesehen werden.
Bild: Archiv Uni Ulm

Vor 50 Jahren ist Ludwig Heilmeyer bei einem Badeunfall ums Leben gekommen. Einst war er ein hoch geachteter Wissenschaftler, doch inzwischen ist er auch in Günzburg in Ungnade gefallen.

Günzburg Unter normalen Umständen hätte es wohl eine Gedenkstunde gegeben. Mutmaßlich auf Schloss Reisensburg, um dessen Erhalt sich Ludwig Heilmeyer in hohem Maße verdient gemacht hatte. Doch die Umstände sind nicht normal. Denn der einstmals vielfach geehrte Mediziner ist landauf, landab in Ungnade gefallen.

Jüngere Forschungen haben nicht nur Heilmeyers Tun und Lassen in Zeiten des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs ans Licht gebracht. Fast noch schwerer wiegt der Umstand, dass Heilmeyer auch nach dem Krieg keinerlei Einsicht in die Verbrechen während der NS-Herrschaft zeigte. Jegliches Unrechtsbewusstsein war ihm offenkundig fremd. In Freiburg, Ulm und Günzburg, drei seiner beruflichen Stationen, wurden und werden deshalb nach Heilmeyer benannte Straßen umgetauft. Heute vor 50 Jahren starb der Wissenschaftler im Alter von 70 Jahren bei einem Badeunfall in Desenzano am Gardasee.

Die Verdienste sind unbestritten

Heilmeyers medizinisch-wissenschaftliche Verdienste sind unbestritten. Etwa bei der Behandlung von Bluterkrankungen, von Tuberkulose oder psychosomatischen Erkrankungen hat der 1899 in München geborene Mediziner Wegweisendes geleistet. In Würdigung dieser Leistungen war Heilmeyer unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und zahlreichen Ehrendoktorwürden ausgezeichnet worden. Zudem war er Mitglied in mehreren Wissenschaftsakademien.

Zu Heilmeyers Todestag gibt es keine Gedenkstunde in Günzburg

Günzburg und die seinerzeit noch selbstständige Gemeinde Reisensburg hatten ihm die Ehrenbürgerwürde zuerkannt. Auch Freiburg, die erste berufliche Nachkriegsstation Heilmeyers, hatte den Mediziner gewürdigt. Es gab den Ludwig-Heilmeyer-Weg, zwei internistische Abteilungen der Universitätsklinik trugen – wie auch an der Uni-Klinik Göttingen – seinen Namen. Sie wurden ebenso getilgt wie der Heilmeyer-Saal und die Heilmeyersteige in Ulm. 1967 war Heilmeyer zum hoch geachteten Gründungsrektor der Universität Ulm avanciert. Vor wenigen Wochen zog die Stadt Günzburg nach. Die Heilmeyer-Straße bei den beiden Kliniken wird ab 1. Januar 2021 Lindenallee heißen.

Medizinhistoriker forschte nach

Basis dieser Entscheidungen sind nicht zuletzt die Forschungen des Ulmer Medizinhistorikers Florian Steger. Bei mehreren Vorträgen in Günzburg und Ulm schilderte er Heilmeyers Lebenslauf. Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs war dieser dem rechtsradikalen Freikorps Epp beigetreten, dem auch mehrere spätere NS-Größen angehört hatten. Von 1933 bis 1935 war Heilmeyer Mitglied im demokratiefeindlichen Stahlhelmbund, mehrfach hatte er sich vergeblich um die Aufnahme in die NSDAP bemüht.

Während des Krieges war Heilmeyer in leitender Funktion für die medizinische Aufsicht der Lager mit sowjetischen Kriegsgefangenen zuständig. In den Jahren 1941/42 waren rund 5,7 Millionen Sowjetsoldaten in deutsche Gefangenschaft geraten, schätzungsweise 3,3 Millionen haben die Torturen nicht überlebt. Sie waren verhungert, erfroren oder an Krankheiten und Seuchen gestorben.

Opportunistisch und karrieregeil

Skrupel jedweder Art waren Heilmeyer offenbar fremd. Selbst Gleichgesinnte hätten ihn während der NS-Zeit als opportunistisch, karrieregeil und geltungssüchtig bezeichnet, hat Florian Steger entsprechenden Quellen entnommen. Besonders verwerflich sei Heilmeyers Handeln aber nach dem Krieg gewesen. Auch in der von seiner Witwe 1971 postum veröffentlichten Autobiographie habe er keinerlei Unrechtsbewusstsein erkennen lassen. Heilmeyer hatte nicht nur die Forschungsergebnisse jüdischer Wissenschaftler für sich vereinnahmt, er war auch tatkräftig zur Hand, wenn es galt, verbrecherische Kollegen reinzuwaschen. Wie etwa Wilhelm Beiglböck, der im KZ Dachau an „Zigeunern“ erprobt hatte, wie sich der Konsum von Meerwasser auf den menschlichen Körper auswirkt.

Im Rahmen der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse war Beiglböck zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Nicht zuletzt dank Heilmeyers Persilschein war er schon nach sechs Jahren freigekommen – und von seinem Mentor obendrein als Oberarzt an die Uni-Klinik Freiburg berufen worden.

Ignorante Haltung in der Nachkriegszeit

Professor Stegers Fazit: Er wolle den Stab nicht über jene brechen, die in den Wirren zwischen den beiden Weltkriegen auf mehr als nur fragwürdige Bahnen geraten waren. Unverzeihlich aber sei Heilmeyers ignorante Haltung in der Nachkriegszeit.

Er hätte es spätestens 1945 besser wissen müssen. Um die Verbrechen im Dritten Reich hat er sich jedoch keinen Deut geschert, auch um der eigenen Karriere willen. Und deshalb sei Ludwig Heilmeyer keine Person, die es verdiene, dass Straßen, Säle oder anderes nach ihm benannt sind. Professor Florian Steger: „Ludwig Heilmeyer hat keinerlei Vorbildcharakter.“ Eine Gedenkstunde wird es deshalb an seinem heutigen Todestag weder hier noch da geben.

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