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Illertissen

08.04.2019

Als Diebe die Illertisser Kanonen stahlen

Einst gehörten Salutkanonen wie diese zu der Sammlung historischer Gegenstände aus Illertissen. Die beiden Zeitzeugen sind allerdings vor Jahren schon verschwunden – so wie andere Objekte.
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Einst gehörten Salutkanonen wie diese zu der Sammlung historischer Gegenstände aus Illertissen. Die beiden Zeitzeugen sind allerdings vor Jahren schon verschwunden – so wie andere Objekte.
Bild: Christoph Mayr

Der Verein für Heimatpflege bewahrt das stattliche historische Erbe. Das könnte noch größer sein: Früher wurden die Objekte nicht immer pfleglich behandelt.

Da ist diese prächtige Holzschüssel aus der Barockzeit, die Albert Vogt nicht aus dem Kopf geht. Nicht nur schön anzuschauen sei die gewesen, sagt der Konservator des heuer 110 Jahre alt werdenden Vereins für Heimatpflege, sondern auch recht wertvoll. Genauso wie die zwei großen Salutkanonen aus Bronze. Sie stammten wohl aus der Zeit des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71. Herausfinden lässt sich das heute nicht mehr. Denn die Kanonen sind weg. Seit Jahren schon. Genauso wie die Schüssel wurden sie gestohlen. Und sind damit verloren für all jene, die versuchen, das historische Erbe Illertissens zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein Jammer, sagt Vogt. Jedenfalls aus heutiger Sicht.

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Viele Gegenstände aus der zum Museum gehörigen Sammlung seien über die Jahrzehnte verschwunden, weiß der 78-Jährige, der sich in der Illertisser Stadtgeschichte so gut auskennt, wie wohl nur wenig andere. Manche Objekte kamen bei den zahlreichen Umzügen abhanden, andere wurden durch schlechte Lagerbedingungen beschädigt. Und dann gab es immer wieder Diebstähle. Fremde hätten es teilweise nicht schwer gehabt, in die Lagerstätten einzudringen. Früher sei das Interesse am Erhalt von geschichtlichen Gütern in der Vöhlinstadt nicht stark ausgeprägt gewesen, sagt Vogt. Die Zeiten seien eben auch andere gewesen. Die Menschen hätten andere Prioritäten gesetzt. Oder sie mussten es eben.

Repräsentieren den Verein (v. links): Albert Vogt, Gertrud Ziesel und Max Kanz.

Das zeigte sich schon kurz nach der Öffnung des ersten Illertisser Museums: Es war seit 1910 in einem kleinen Haus an der Hirschkreuzung untergebracht. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden dort auch Familien einquartiert. „Es herrschte großer Wohnraummangel“, weiß Vogt. Und als das Brennholz knapp wurde, mussten kurzerhand die bemalten Bauernschränke herhalten, die zur Sammlung gehörten. Während des Zweiten Weltkriegs war die Sammlung in einem alten Brauereikeller untergebracht, später im Dachboden des Schlosses und zeitweise auch in der Schranne. Nicht immer unter geeigneten Bedingungen, so Vogt. Teilweise sei Regenwasser eingedrungen. Aus heutiger Sicht undenkbar. „Aber damals hatte man einfach andere Probleme.“

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Bewusstsein für Kulturgüter musste erst entstehen

Erst in den 1960er und 1970er Jahren sei so etwas wie ein Bewusstsein für Kulturpflege entstanden, rechtlich verankert wurde es etwa 1973 mit dem bayerischen Denkmalschutzgesetz. In jener Zeit (1970) wurde der Heimatpflegeverein neu gegründet: 60 Gleichgesinnte verschrieben sich der Heimatforschung in Illertissen und Umgebung. Mit Hingabe arbeiteten sie darauf hin, wieder ein Museum zu eröffnen. Dazu suchten sie den „Draht nach oben“, erinnert sich Vogt. Als der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauss 1979 in Augsburg einen Sprechtag für Bürgermeister abhielt, reiste Schultes Hermann Kolb hin – mit der Bitte, die nach dem Umzug des Finanzamts leer stehenden Räume im Vöhlinschloss nutzen zu dürfen. Schließlich gab es eine Zusage, 1983 eröffnete das Museum an seinem heutigen Standort. Zuletzt hat es eine ausführliche Frischzellenkur erhalten, vor einem Jahr eröffnete es unter dem Titel „Museum Illertissen – Geschichten und Geschichte im Schloss“ mit neuem Konzept und in neuer Optik. Träger ist die Stadt.

Viel Interessantes hat der Heimatpflegeverein im Depot.
Bild: Christoph Mayr

Das Resultat lässt sich sehen: Das neue Museum rückt die Menschen als Zeitzeugen in den Mittelpunkt. Viel gibt es zu erfahren über besondere Kapitel der Stadtgeschichte. Ein Beispiel: Die Kriener-Sportartikelfabrik. Sie fertige Fußbälle aus Leder, unter anderem den legendäre „Illerbombe“. Das bayerische Heimatministerium nahm diese Episode unlängst in seine Liste „100 Heimatschätze“ auf. „Eine tolle Ehre“, sagt Vereinsvorsitzender Max Kanz. Das Museum sei „der ganze Stolz“ des Vereins. Und Beisitzerin Gertrud Ziesel freut sich auf das Buch über die Heimatschätze, das demnächst erscheinen soll.

Verein ist nicht wunschlos glücklich

Der Verein mit seinen etwa 300 Mitgliedern hat durchaus Grund für Schulterklopfen. Wunschlos glücklich steht er im 110. Jahr seines Bestehens freilich nicht da: Gesucht werden eigene Räume für das Depot, das in diesen Tagen aus dem alten LEW-Gebäude am Saumweg auszieht – dieses soll, wie berichtet, übergangsweise als Kindergarten genutzt werden. Teile der viele hundert Objekte umfassenden Sammlung sind aktuell im Bereich der Realschule untergebracht. Immer wieder kommt etwas dazu. Ohne ein angemessenes Lager habe es der Verein auf Dauer wohl schwer, sagt Konservator Vogt.

Auch von einem neuen Umfeld des Vöhlinschlosses würden Museum und Verein profitieren, sagt Ziesel. Auf der Wunschliste steht auch ein Museumscafé. Und dann wäre da noch ein Anliegen: „Es wäre schön, wenn sich die jungen Leute stärker für die Geschichte ihrer Heimat interessieren“, sagt Ziesel. Darüber wolle man sich künftig Gedanken machen.

Warum sich der Verein für Heimatpflege zur rechten Zeit neu gründete - einen Kommentar von Redakteur Jens Carsten lesen Sie hier: Wie ein Stück Illertisser Erbe bewahrt wurde

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