Konzert

15.03.2011

Blues mit Muskeln

„Kultur im Schloss“ diesmal in der Schranne: Thomas Scheytt spielte Blues und Boogie mit Saft, Kraft und Spaß vor vollem Haus.
Bild: Foto: hip

Der Pianist Thomas Scheytt in der Illertisser Schranne

Illertissen Hans Christoph IV. Vöhlin zu Frickenhausen zu Illertissen lächelt. Zumindest sieht es aus der Ferne so aus, als würde der Adelige aus dem 17. Jahrhundert diesem Derwisch wohlwollend über die Schulter schauen, der da auf der Bühne der Illertisser Schranne den Flügel bearbeitet, dessen Beine unter dem Klavierhocker wild tänzeln, dessen Finger den Boogie, den Blues und den Ragtime in die Tasten hämmert, als müssten sie gleich Feuer fangen.

Aber Hans Christoph ist für alle Zeiten in Öl gebannt und hängt an der Schrannenrückwand. Aber nach diesem Abend hätte es wohl niemanden gewundert, wenn der miesepetrig dreinschauende Herrscher bei diesem Auftritt tatsächlich mal lässig gegrinst hätte.

Der Mann, der das Klavier bearbeitet, ist der Freiburger Thomas Scheytt – und er macht das wirklich sehr gut. Er spielt an diesem Ort mit historischem Flair eine Musik aus längst vergangener Zeit, aus den 20er bis 40er Jahren. Doch er führt sie nicht einfach auf, er lebt sie. Es ist reines Vergnügen, ihm dabei zuzuschauen und eben auch zuzuhören, wie er den Blues mal mit muskulösem Bass vorantreibt, dann wieder den Schwung rausnimmt und das Stück treiben lässt, bevor er wieder anzieht, um noch einmal alle Energie hineinzulegen. Das ist keine tote Musik der Vergangenheit, sondern eine mit pochendem Herzen.

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Eigentlich gehört sie ja in Kaschemmen und Spelunken mit klebrigem Fußboden. Und das Klavier dürfte getrost ein wenig verstimmt klingen. Während man sich solchen Gedanken hingibt, schnarrt es plötzlich auf der Bühne, als habe sich eine Klaviersaite gelockert und das Gedachte Wirklichkeit werden lassen. Irritiert schaut Thomas Scheytt beim Spielen in den Flügel. Nach dem Schlussakkord ein kurzer Griff hinein: Seine abgelegte Brille ist hineingefallen und tanzt über die schwingenden Saiten. Mit diesem sympathischen Malheur hat er das Publikum nun vollends erobert.

Doch das hat ihm schon nach nicht mal drei Stücken gezeigt, dass es sich von diesem sympathischen Mann mit dem Groucho-Marx-Bärtchen und seinem Boogie-Woogie-Wirbel mitreißen lässt. Thomas Scheytt wiederum wird von der Begeisterung der Menschen in der ausverkauften Schranne angesteckt und angetrieben.

Und am Ende ist er selber begeistert von diesem Auftritt, von diesem enthusiastischen Publikum, wie er sagt. Es muss halt nur der Richtige kommen. Sind ja hier nicht alle so steif wie Hans Christoph IV. Vöhlin zu Frickenhausen zu Illertissen an der Wand.

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