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06.05.2010

Der Schulverweis ist abgewendet

Illertissen Der Vater wusste noch nichts, als er gestern Nachmittag die gute Nachricht von der Illertisser Zeitung erfuhr: Seine Tochter darf weiterhin das Kolleg der Schulbrüder besuchen. "Wir sind auf jeden Fall zufrieden, denn sie wollte unbedingt auf dieser Schule bleiben. So ist das auf jeden Fall viel besser." Dem 17-jährige Mädchen aus dem Raum Illertissen drohte ursprünglich der Verweis vom Gymnasium, weil es aus der Kirche ausgetreten war. Nun hat das Schulwerk der Diözese als Trägerin des Kollegs einen Rückzieher gemacht.

Eine gute Entscheidung, wie Landrat Erich Josef Geßner meint: "Ich finde das sehr erfreulich. Es entspricht auch dem Geist des Kollegs der Schulbrüder. Die Gründer waren weltoffen und nicht engherzig", sagte der CSU-Politiker. Der Fall habe ihn "eigenartig berührt", denn konfessionslose und nicht christliche Kinder können das Kolleg ohne Weiteres besuchen. Doch wenn jemand aus der Kirche austritt, kann er von der Schule verwiesen werden. Dies sieht der sogenannte Schulvertrag vor, den alle Eltern abschließen müssen, wenn sie ihr Kind am Kolleg anmelden, denn das Gymnasium ist eine private kirchliche Einrichtung, getragen vom Schulwerk der Diözese.

Als die Mutter des Mädchens vor Kurzem die Schulleitung darüber informierte, dass ihre Tochter im nächsten Schuljahr den Ethikunterricht besuchen wolle, weil sie aus der Kirche ausgetreten war, sah Direktor Manfred Schöpplein darin einen Bruch des Schulvertrages. Er reichte den Fall zur Entscheidung an den Träger weiter.

Der teilte gestern in einer knappen Erklärung mit, dass die Zehntklässlerin am Kolleg bleiben könne. Das Schulwerk habe zu prüfen gehabt, ob das Schulverhältnis trotz des Austritts in "gedeihlicher Weise" fortgesetzt werden könne: "Dies ist der Fall. Die Schülerin kann weiterhin die kirchliche Schule besuchen", schreibt Ulrich Haaf, Direktor des Diözesan-Schulwerkes. "Der Vorstand des Schulträgers hat die Entscheidung der Schülerin und ihre subjektiven Beweggründe letztlich respektiert. Er erkennt an, dass die Schülerin nach eigener Aussage sich weiterhin mit den Wertvorstellungen und den Erziehungs- und Bildungszielen der Schule identifizieren will", heißt es wörtlich in der Erklärung.

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Das Vertrauensverhältnis sei zwar gestört, jedoch nicht zerrüttet. Deshalb lade der Vorstand die Schülerin ein, "weiterhin den Religionsunterricht zu besuchen. Unter Würdigung dieser und sonst relevanter Gesichtspunkte sieht der Träger von einer grundsätzlich möglichen Kündigung des Schulvertrags ab."

Haaf betont, dass diese Entscheidung nur für den vorliegenden Einzelfall getroffen worden sei. Das bedeutet, wer dem Beispiel der Zehntklässlerin folgt und der Kirche den Rücken kehrt, könnte trotzdem vom Kolleg geworfen werden. Wie aus der Schule verlautet, soll es noch rund ein halbes Dutzend weiterer Jugendliche gegeben haben, die ihren Austritt verkünden wollten. Sie seien aber auf die drohenden Folgen hingewiesen worden und hätten daraufhin diesen entscheidenden Schritt nicht vollzogen.

Direktor Schöpplein wollte sich zu der Entscheidung nicht äußern.

Doch das taten dafür andere. So sagte der Illertisser Stadtrat Dieter Baur (Bürgerliste), es sei nun an der Zeit, dass der Schulvertrag in dieser Form nicht mehr verwendet werde, "um künftigen Repressalien Einhalt zu gebieten." In einem Brief an das Schulwerk hatte er gefordert, die Verträge weltoffener zu gestalten. "Aber ich habe darauf noch keine Antwort bekommen."

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, Markus Rinderspacher sagte, er sei erfreut darüber, dass die 17-Jährige bleiben dürfe. Er hatte in einem Brief an den Schulleiter unter anderem geschrieben, gerade ein Gymnasium in kirchlicher Trägerschaft solle nichts unversucht lassen, " Zweifelnde und Hinterfragende zurückzugewinnen statt sie aus der Schulfamilie kategorisch auszuschließen."

Der drohende Rauswurf hatte vor dem Hintergrund massiver Kirchenaustritte bundesweit für Schlagzeilen und Unverständnis gesorgt.

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