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Wiblingen

17.08.2018

Die Kelly Family weckt Nostalgie

Fünf Kellys auf einen Blick: (im Vordergrund von links) Angelo (am Schlagzeug), Patricia, Kathy, John und Joey auf der Bühne im Klosterhof. Nicht im Bild sind Jimmy und Paul.
Bild: Andreas Brücken

Etwa 6000 Fans erleben den Auftritt der wiedervereinten Geschwister in Wiblingen. Sie ärgern sich über organisatorische Probleme – und bejubeln ein Mitglied.

Die Kelly Family hat schon Recht: Manchmal wünscht man sich, man wäre ein Engel. Dann könnte man einfach direkt zum Open Air nach Wiblingen fliegen, ohne vor einem überfüllten Parkplatz beim Donaubad zu kapitulieren oder mit dem Shuttle-Bus im Stau zu stehen. Oder man könnte über die armen Seelen hinwegschweben, die seit 40 Minuten in der Bratwurst-Schlange warten. Der Start der Sommerfestspiele im Klosterhof verlief aus organisatorischer Sicht holprig: Der Konzertbeginn musste wegen der Anreiseprobleme sogar verschoben werden, die Essens- und Getränkestände waren dem Ansturm nicht gewachsen. Aber dann kommt die Kelly Family, und für die meisten der rund 6000 Besucher ist alles gut.

Wer könnte auch ein besserer Tröster sein als die amerikanisch-irisch-deutsche Truppe, die in den 90er-Jahren Millionen (Teenager-)Herzen berührte. Die Kelly Family war so etwas wie der unschuldige Gegenentwurf zu den sexy Boybands. Doch das musikalische Märchen schien zunächst kein Happy End zu haben: Nach dem Höhenflug und rund 20 Millionen verkauften Tonträgern entfernten sich die Geschwister voneinander, bald nach dem Tod des Patriarchen Daniel Kelly 2002 folgte das Ende der Familienband. Immer wieder arbeiteten einzelne Geschwister in verschiedenen Formationen zusammen, aber erst 2017 startete das offizielle Comeback. Aus einem Konzert wurden mehrere, ein neues Album („We Got Love“) kam dazu, eine Hallen- und schließlich eine Open-Air-Tournee. Das Gastspiel in Wiblingen: seit Wochen ausverkauft.

Die Kelly Family im Jahr 2018 ist freilich nicht mehr die aus den 90ern. Maite und Paddy konzentrieren sich auf ihre Solokarrieren, mit dabei sind aber Angelo, Joey, John, Jimmy, Patricia und Kathy, dazu als Ehrengast der ältere Bruder Paul, der die Band schon in den 80ern verlassen hatte. In Wiblingen bekommt jeder von ihnen seinen Auftritt in vorderster Reihe mit einem eigenen Song. Und fast jeder überschlägt sich mit Lobeshymnen auf den besonderen Ort. „Es ist eine unglaublich schöne Location hier“, freut sich Angelo, Schwester Patricia findet: „Das ist der Hammer.“ Dazwischen spielt die Band eingängige Popsongs, sanfte Balladen, ein paar Traditionals und sogar ein bisschen röhrenden Rock. Wobei das Spielen überwiegend andere übernehmen: Hinter den Geschwistern, meist im Halbschatten, versieht einen sechsköpfige Band ihren Dienst. Aus der aus der Zeit gefallenen Familie ist ein Mainstream-Pop-Act geworden, mit Videowand und Pyrotechnik.

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Die meisten Besucher wollen wahrscheinlich gar nicht wissen, wo die Kelly Family musikalisch im Jahr 2018 steht, sie wollen in Erinnerungen an die großen Zeiten der Band schwelgen, die auch immer eine Erinnerung an die eigene Jugend ist. Die Nostalgie schwebt als großes, warmes, einendes Gefühl über dem Klosterhof, befeuert nicht nur durch eingängige alte Hits wie „Why Why Why“ oder „Nanana“, sondern auch durch Videos auf der Bühne. Da stürmen die Kinder aus dem bei Fans legendären Kelly-Family-Doppeldecker, lächeln engelsgleich in die Kamera oder werden vom Vater zärtlich angespornt.

Es sind Bilder aus einer anderen Zeit. Der jüngste Kelly im Bunde, Angelo, ist 36, Kathy 55. Und die meisten Besucher auf diesem Konzert sind ebenfalls zwischen 30 und 50, vor allem Frauen, die mit der musizierenden Familie groß geworden sind. Früher, so erinnert sich Jimmy, seien bei den Konzerten „90 Prozent junge hübsche Mädels“ gewesen. „Die nicht so hübschen Mädels waren alle bei Take That.“ Heute seien die Besucherinnen nicht mehr ganz so jung. Aber mit dem Herzen dabei.

Für Nicht-Fans war es in den 90ern leicht, sich über die Kelly Family lustig zu machen, über diese fahrende, etwas sektenhafte Truppe mit den Songs, die so gar nicht in die Zeit passten. Und natürlich wirft das Comeback Fragen auf. Brauchen die Kellys Geld? Wie ist der Verhältnis der Geschwister zueinander? Die Band antwortet auf ihre Weise: mit sympathischen Auftreten – und mit ihrer Geheimwaffe Angelo. Der Benjamin der Familie, den einst die Herzen zuflogen, brennt für die Musik, wird bei seinem Schlagzeug-Solo bejubelt und bei „An Angel“ angehimmelt wie eh und je. Sogar von denen, die gerade in der Getränkeschlange stehen.

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