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Christertshofen

19.07.2019

Eine Kräuterführerin erklärt, welche wertvollen Pflanzen hier wachsen

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Birgit Lecheler ist Heilpraktikerin und hat sich beim Allgäuer Kräuterland zur Wildkräuterführerin ausbilden lassen. Nun gab sie ihr Wissen auch in Christertshofen weiter.

Gegen jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen, heißt es im Volksmund. Das dies wohl wirklich so ist, zeigt sich bei einer Tour rund um Christertshofen.

Abends, halb acht in Christertshofen: 14 Damen finden sich auf dem Pfarrhof ein. Ausgestattet ist jede von ihnen mit einem leeren Glas mit Schraubverschluss und vorfreudigem Grinsen. Sie wollen teilnehmen an der Kräuterwanderung im Mondschein, die der Katholische Frauenbund Christertshofen veranstaltet.

Im Hellen brach der Frauenbund Christertshofen zu seiner Kräutertour auf. Bei ihrer Rückkehr stand schon der Mond am Himmel.

Birgit Lecheler, Heilpraktikerin und Allgäuer Wildkräuterführerin aus Breitenthal, führt die Frauen durch die heimische Pflanzenwelt. Sie erzählt, wie sie von der Schulmedizin zur Naturheilkunde kam: „Gelernt habe ich Arzthelferin im Krankenhaus, doch das war mir zu einseitig.“ So habe sie danach die Heilpraktikerschule in München besucht, die Ausbildung zur Wildkräuterführerin beim Allgäuer Kräuterland angeschlossen und 2007 eine eigene Naturheilpraxis in Breitenthal eröffnet. Dass sie ihre Aufgabe mit Leidenschaft macht, merken die Teilnehmer schnell. Zu jedem Kraut, das am Wegesrand wächst, kennt Lecheler nicht nur Name und Wirkung, sondern oft auch Anekdoten. Und es wächst so allerhand auf den heimischen Wiesen und Fluren.

Von Holunder bis Mädesüß

Bereits nach wenigen hundert Metern trifft die Gruppe auf den noch relativ bekannten Holunderstrauch. „Holunder gilt als Schutzbaum für Haus und Hof, weswegen er nicht umgeschlagen werden soll,“ erzählt Lecheler. Wenige Schritte weiter wachsen Brennnesseln, ein echtes heimisches Powerfood. Der Tipp der Expertin: Lässt man den Samenstand trocknen, schmeckt dieser nussig und bringt, zum Beispiel übers Müsli gestreut, neue Energie. Auch für die Ernte gibt es einen Trick: „Im Herbst, wenn die Samen braun werden, einfach einen Regenschirm aufgespannt darunter halten und die Pflanze schütteln. Was herunter fällt, trocknen lassen und genießen.“

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Auch aus Johanniskraut können Tinkturen hergestellt werden.

Bei der Wanderung geht es aber nicht nur um die Samen, sondern um die ganze Pflanze. Denn daraus lassen sich Tinkturen herstellen, auf die die Heilpraktikerin schwört. Jetzt kommt das mitgebrachte Marmeladenglas ins Spiel. Die Teilnehmer füllen es bis etwa zur Hälfte mit den ausgewählten Kräutern. Diese müssten nicht zerquetscht, sondern lediglich zerkleinert und dann mit etwa 40-prozentigem Alkohol aufgegossen werden. Lecheler mahnt: „Wichtig ist, das Glas sofort zu beschriften, damit später auch zum richtigen Kraut gegriffen wird.“ Anschließend den Ansatz einen Mondumlauf lang, also vier Wochen, an einem warmen Ort stehen lassen und nur ab und an etwas schaukeln. Ist die Tinktur lange genug im Glas gestanden, kommt das Ganze durch ein Sieb. Die Flüssigkeit wird dann in Tropffläschchen gefüllt. „Bei Beschwerden nimmt man dann etwa zwei- bis dreimal zehn Tropfen davon ein,“ rät Lecheler. Die Brennnessel-Tinktur sei dabei besonders zur Entschlackung und Reinigung des Körpers geeignet, während der Holunder als Tinktur, oder noch besser als Tee, gegen Fieber helfen soll.

Johannsikraut soll schlechte Laune vertreiben

So zieht die Gruppe weiter, entdeckt immer mehr Kräuter, wie Mädesüß. Das hat seinen Namen, so erklärt es die Kräuterführerin, nicht von den „süßen Mädchen“, sondern vom „Met süßen“. Mädesüß wird gegen Kopfschmerzen oder Erkältung eingesetzt. Die Gruppe entdeckt außerdem Frauenmantel, Huflattich, Schafgarbe und Johanniskraut. Letzteres gilt als natürlicher Stimmungsaufheller. Johanniskraut soll zum Beispiel Depressionen oder Stimmungsschwankungen entgegenwirken.

Schließlich kommt die Gruppe an einem kleinen Weiher an. Hier liest Lechelers Lebensgefährte und einziger Mann der Runde, Bernd Neuhäusler, ein Märchen vor. Der gelernte Erzieher hat bereits während seiner Ausbildung seine Liebe zur Märchenerzählung entdeckt und das früher öfter bei Kräuterführungen für Kinder ausgeübt. Ab und zu kommen auch Erwachsene in den Genuss seiner Geschichten. Während die Teilnehmerinnen der Geschichte lauschen, bereitet die Wildkräuterführerin eine Räucherung vor. Dafür hat sie getrockneten Beifuß mitgebracht. Sie erklärt: „Auch er wirkt reinigend, nicht nur für Körper und Geist, sondern auch für das ganze Haus.“ Passend dazu dreht sich auch das Märchen um das klärende Kraut und den Vollmond, der bei der Rückkehr zum Pfarrgarten bereits – dank teilweiser Mondfinsternis – in partieller Pracht am Himmel steht.

Am Lagerfeuer tauschen sich die Damen bei Bowle und Häppchen noch über das Gelernte aus, bevor ihre gesammelten Kräuter zu Tinkturen angesetzt werden und jede von ihnen so ein Stückchen des märchenhaften Abends mit nach Hause nehmen kann.

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