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Illertissen

09.04.2017

Hoffen auf die Kraft der Nadelstiche

Immer mehr Menschen schwören auf die Behandlungsmethoden der traditionellen chinesischen Medizin – und setzen auf Akupunktur. Dabei ist die Behandlung von Leiden durch Nadelstiche nur ein kleiner Teil dieser Philosophie.
Bild: Stefan Reichel

Therapie Seit sieben Jahren gibt es die Klinik für traditionelle chinesische Medizin in Illertissen. Die Betreiber ziehen eine positive Bilanz. Was es mit den Behandlungsmethoden auf sich hat.

Vorsichtig beugt sich die Ärztin Hu Kui über ihre Patientin: In der einen Hand hält die Medizinerin eine dünne Nadel, mit der anderen klopft sie ein einige Male auf eine Stelle am Arm der vor ihr liegenden Frau. Dann folgt der erste Pikser: Behutsam führt Hu Kui die Nadel in die Haut. Es wird nicht die einzige bleiben: Die Ärztin wiederholt die Prozedur mehrmals am ganzen Körper der Patientin. Dann sagt sie etwas auf Chinesisch. Eine Dolmetscherin übersetzt: 20 Minuten soll die Frau nun so liegen bleiben, danach werden die Nadeln wieder entfernt.

So läuft eine typische Akupunktur-Behandlung an der Klinik für integrative traditionelle chinesische Medizin (ITCM) in Illertissen ab. Das Wort „integrativ“ deutet auf das spezielle Konzept der Einrichtung hin: Hier trifft westliche Schulmedizin auf traditionelle chinesische Behandlungsmethoden. Im Jahr 2010 zog die ITCM-Klinik von Ottobeuren (Kreis Unterallgäu) nach Illertissen um – eine gute Entscheidung, wie Leiterin Sigrid Losert betont: „Wir haben uns von Anfang an sehr willkommen gefühlt, sowohl im Landkreis als auch in der Stadt.“

Mit der Nachfrage sind die Verantwortlichen der ITCM nach eigenen Angaben zufrieden. Man sei ambulant wie stationär „sehr gut ausgelastet“, heißt es. Zahlen nennen die Betreiber auf Nachfrage nicht. Die Kooperation mit der Illertisser Illertalklinik, in der die ITCM zwei Stockwerke eines Flügels angemietet hat, funktioniere sehr gut, sagt Losert. Wenn zum Beispiel die drei komfortablen Patientenzimmer der ITCM belegt sind, können Patienten in anderen Räumen des Illertisser Krankenhauses unterkommen. Die aktuelle Debatte um die Millionendefizite der Kreiskliniken belastet Klinikleiterin Losert dabei nicht. Ihre Einrichtung habe als Privatklinik damit finanziell nichts zu tun: „Sogar wenn die Illertal-Klinik aus irgendwelchen Gründen schließen müsste, unsere Zukunft im Landkreis ist gesichert.“

Hoffen auf die Kraft der Nadelstiche

Das Konzept kann offenbar überzeugen: Katharina M. (Name geändert) war schon vor dem Standortwechsel Patientin der ITCM. Die 71-Jährige schwört auf die Behandlungsmethoden aus Fernost. Dafür hat sie einen Grund: Vor einigen Jahren litt sie an einer schweren Entzündung, die nicht heilen wollte. Die Ärzte hätten damals überlegt, gewissermaßen als letzte Möglichkeit, ein Bein zu amputieren, berichtet M. Bevor so weit kam, gab ihr ein Assistenzarzt den Tipp, es noch mit TCM zu versuchen. Gleich am nächsten Tag habe sie die Entlassung aus dem Krankenhaus, in dem sie lag, beantragt und sei zur ITCM-Klinik gewechselt, so M. Augenscheinlich mit Erfolg: „Innerhalb von vier Wochen ist die Entzündung verheilt.“ Seither kommt die Seniorin immer wieder, ob mit Schlafproblemen, Arthrose oder Bluthochdruck. Und das obwohl die Krankenkasse die Behandlung nicht bezahlt. „Wenn es mir besser geht, nehme ich das in Kauf,“ sagt M.

Traditionelle chinesische Medizin ist mehr als nur ein paar Nadeln in die Haut zu stechen – das sagt Dr. Wu Naixin, der ärztliche Leiter der ITCM-Klinik in Illertissen. Neben der Akupunktur gehörten die Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsform Qigong, Massagen und Kräutertherapien ins Repertoire. Letztere sei in China am wichtigsten, sagt Wu. dabei wird aus Pflanzen und Mineralien eine individuelle Mischung für jeden Kranken hergestellt. Rund 80 Prozent der Patienten der traditionellen Medizin (TCM) in China bekämen so eine Behandlung, lediglich zehn Prozent würden akupunktiert, sagt Wu. Er selbst studierte in Nanjing, einer Stadt im Südosten Chinas, Medizin und absolvierte eine Ausbildung in traditionellen Methoden. Seinen Doktor machte er in Hannover und erhielt daraufhin eine deutsche Zulassung.Neben Wu arbeiten zwei weitere Ärzte der TCM aus China in Illertissen. Jedes Jahr kommen zwei Ärzte von der Hochschule Nanjing in die Vöhlinstadt, sagt Klinikleiterin Losert. Das Problem: TCM-Ärzte aus China ohne deutsche Zulassung dürfen hierzulande nicht praktizieren. Dafür hat man in Illertissen eine Lösung gefunden: Eine Kooperation mit der Uni Erlangen und der Hochschule Nanjing – Forschung ebnet hier den Weg.

Inzwischen hat Hu Kui die Nadeln gezogen. Die Frau verlässt den Behandlungsraum. Im Wartezimmer sitzen noch Patienten.

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