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Gesellschaft

09.05.2015

Plötzlich (Pflege-)Mutter

„Wir sind ein bunter Haufen und dabei eine tolle Familie, in der auch mal gestritten und sehr viel gelacht wird." Pflegemutter Christine Schweizer

Wer Kinder in Pflege nimmt, wird von einer Stunde auf die andere Mama, wie Christine Schweizer sagt. Sie gehört zu den rund 140 Pflegemüttern im Landkreis Neu-Ulm.

Plötzlich als Pflegemutter einspringen, wie eine Mutter ihr Herz öffnen für ein fremdes Kind. Das ist vielleicht nicht Sache einer jeden Frau. Doch Christine Schweizer, seit 15 Jahren Pflegemutter im Auftrag des Jugendamtes Neu-Ulm, sieht die Sache von anderer Warte: „Sobald ich das Kind mit all seinen Problemen vor mir habe, reagiere ich als Mutter.“ Im Gespräch mit der 57-Jährigen aus einem Roggenburger Ortsteil ist Interessantes aus ihrem Leben als siebenfache Mutter zu erfahren, wobei zwei Kinder ihre eigenen sind, eines davon erwachsen und aus dem Haus.

Voll Eifer erzählt sie: „Hätte ich meinen Schützling etwa nicht unterstützen sollen, wenn er die Förderschule besucht und vielleicht doch auch die Grund- beziehungsweise Hauptschule schaffen kann.“ Sie paukte mit ihm das Einmaleins und andere Fächer und gemeinsam erreichten sie ihr Ziel. Als Siebenjähriger war er ihr aus äußerst schwierigen Verhältnissen übergeben worden. Heute absolviert der junge Mann erfolgreich seine Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker und sagt stolz: „Mit meiner Mutter hätte mir nichts Besseres passieren können.“ Als gute Schicksalsfügung empfindet er, dass inzwischen seine um Jahre jüngere Schwester ebenfalls fest zur Pflegefamilie gehört. Christine Schweizer gibt das Kompliment zurück, indem sie die Geschicklichkeit des jungen Mannes lobt, der im Haus schon kleine Reparaturen übernimmt.

In ihrem „Metier“ angefangen hat Christine Schweizer als alleinerziehende Mutter. Es war für die gelernte Fachkraft für Uhren und Schmuck nicht einfach, Beruf und Kind zu vereinbaren. Dabei habe sie noch Unterstützung von ihrer eigenen Mutter gehabt. Als sie heiratete, hatte sie bald den Wunsch, anderen Alleinstehenden zu helfen und ihnen während der Berufszeit die Sicherheit zu geben, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind. Das Jugendamt machte Schweizer einen anderen Vorschlag: sich als Pflegemutter vormerken zu lassen. „Dann ging es plötzlich ganz schnell“, erinnert sie sich und erzählt, wie sie zu ihrem ersten Pflegekind kam.

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Über Telefon teilte ihr das Jugendamt mit, dass sie einen knapp vier Monate alten Bub aus der Kinderklinik zu sich nach Hause holen darf. Die leibliche Mutter musste in psychiatrische Behandlung. Als sie das Krankenhaus verlassen konnte, war ihr Kind zwei Jahre alt. Schweizer: „Die Kleinen tun sich um so leichter, je jünger sie sind.“ Für Pflegemütter sei der Umgang mit psychisch Kranken oft schwierig, weil sie unberechenbar reagieren können.

Schweizer hat die Mutter zum Besuch ihres Kindes eingeladen und auch auf diesem Bereich Erfahrungen gesammelt. „Es gibt den betreuten Umgang, damit keiner dem anderen Schaden zufügt.“ Inzwischen begleitet sie im Auftrag des Jugendamtes auch solche Treffen. Mit einer Pflegetochter besuchte sie etwa deren Vater im Gefängnis. „Die Begegnung verlief unglücklich, das Mädchen hat sich vom Vater distanziert.“ Für wichtig hält sie, angebotene Hilfen auszuschöpfen, da die Kinder über schlechte Erfahrungen nicht sprechen könnten, wie sie weiß. „Ich habe ein Kind, dem über Jahre ADHS bescheinigt wurde, nun wissen wir, es ist geistig zurückgeblieben.“ Wieder ein anderes Pflegekind kam aus absolut desolaten sozialen Verhältnissen, vielleicht frühkindliche Schädigungen, von denen niemand weiß.

„Wir sind ein bunter Haufen“, sagt Christine Schweizer, „und eine tolle Familie, in der auch mal gestritten und viel gelacht wird.“ In ihrem großen Haus gibt es mehrere Schlafzimmer mit unterschiedlicher Besetzung. Zudem ist immer noch Platz für ein sogenanntes Bereitschaftspflegekind, eines, das ganz plötzlich eine Pflegemutter braucht. „Mir geht es darum, meinen Kindern Werte beizubringen. Ich kann knallhart sein, aber mit sehr viel Herz.“ Die Kinder würden traumatisiert ankommen, erst beobachten und später ihre Grenzen austesten. Pflegemütter müssten deshalb sehr tolerant sein. In ihrer warmherzigen Art gibt sich Christine Schweizer für einen Moment als strenge Erzieherin: „Mein Alltag beginnt um 4.30 Uhr – und wenn die Mutter abends auf dem Sofa die Füße hochlegt, wissen alle, es ist Feierabend.“

Sozialpädagogin Birgit Ummenhofer vom Pflegeelternfachdienst des Landkreises sagt: „Die Chemie zwischen Pflegemutter und Kind muss stimmen, das ist das A und O.“ Daher veranstaltet die Pädagogin, so weit möglich, Kennenlern-Begegnungen auf neutralen Plätzen. Auch zum Eingewöhnen in die neue Familie empfiehlt sie: „Am besten sind gemeinsame Aktivitäten, wie etwa Kuchenbacken oder Basteln, um gegenseitig Vertrauen zu fassen.“ Von den Pflegeeltern werde großes Einfühlungsvermögen verlangt.

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