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Landkreis

06.12.2019

Prozess: Beklaute ein Senior seinen toten Sohn?

Ein 71-Jähriger soll das Unternehmen seines verstorbenen Kindes bestohlen haben. Vor Gericht nimmt der Fall eine überraschende Wendung.
Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Ein 71-Jähriger soll das Unternehmen seines verstorbenen Kindes bestohlen haben. Vor Gericht nimmt der Fall eine überraschende Wendung.

Ein 71-Jähriger aus dem südlichen Landkreis soll nach dem Tod seines Sohnes Gegenstände im Wert von mehreren Tausend Euro aus dessen Unternehmen gestohlen haben. Anschließend soll er die Produkte im Internet über Ebay verscherbelt haben. Das jedenfalls wirft dem Rentner seine verwitwete Schwiegertochter vor, sie erstattete Anzeige. Gegen einen Strafbefehl legte der Mann Einspruch ein. Nun kam es zum Prozess am Amtsgericht Neu-Ulm. Dort stellte sich heraus: Hinter den Anschuldigungen steckt ein verzwickter Familienstreit.

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Zahlreiche Batterien, Bremsbeläge, Bücher und einen Laptop: Der Angeklagte gab gleich zu Beginn der Verhandlung zu, dass er die Gegenstände im Wert von rund 5000 Euro im Sommer vergangenen Jahres aus der Lagerhalle des Unternehmens mitgenommen hat. Sein Sohn, der vor drei Jahren starb, verkaufte dort seit fast 25 Jahren Motorradteile, vor allem im Internet. Auch dass er die Waren anschließend deutlich unter Wert im Internet verkauft hat, gab der 71-Jährige zu. Von Diebstahl könne allerdings keine Rede sein, betonte der Angeklagte. Seine Schwiegertochter, mit der er sich nach dem Tod seines Sohnes zerstritt, habe ihm die PIN-Nummer für das Hallentor gegeben. „Und ich habe mir nur genommen, was mir sowieso zusteht“, sagte er.

Schwiegertochter des Angeklagten erscheint nicht zur Verhandlung

Denn seine Schwiegertochter schulde ihm viel Geld, berichtet der Mann. Sein Sohn habe ihm die Firma 2006 wegen eines finanziellen Engpasses überschrieben – fünf Jahre später überschrieb der Angeklagte die Firma seinem Sohn wieder zurück. Damals wurde vertraglich festgelegt, dass er als Entschädigung einen monatlichen Unterhalt von 600 Euro und die Kosten für die Krankenkasse bekommen soll. „Das hat auch eine Zeit lang geklappt – aber dann blieben die Zahlungen aus“, so der Angeklagte. Insgesamt 5600 Euro schulde ihm die Schwiegertochter deshalb. Ein entsprechendes Urteil aus einem Versäumnisprozess lag Richter Thomas Mayer vor. „Ich habe die verkauften Gegenstände als Entschädigung angesehen“, sagte der 71-Jährige.

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Was im Verlauf der Verhandlung ebenfalls ans Licht kam: In dem Überschreibungsvertrag ist festgelegt, dass der Angeklagte das Unternehmen wieder für sich beanspruchen kann, falls sein Sohn vor ihm sterben sollte. Und eben dieser Fall trat 2016 ein. Das Unternehmen erbte damals jedoch die Schwiegertochter. In der Zeit nach dem Tod seines Sohnes musste der Angeklagte dennoch viele offene Rechnungen mit Firmenkunden begleichen, berichtete er vor Gericht. Er kümmerte sich zudem um die Ebay-Verkaufsseite des Unternehmens und nahm die rund 34000 Artikel händisch aus dem Onlineangebot. „Ich hatte keine Ahnung davon, aber meine Schwiegertochter hat gesagt, ich soll das machen.“ All das tat er, obwohl er seinen Anspruch auf das Unternehmen bislang nicht geltend gemacht hat. Der Grund: Er sei davon ausgegangen, dass die Überschreibung automatisch passiere. „Ich dachte, die Sachen in der Halle gehören mir“, versuchte er dem Richter seine Situation zu beschreiben. Und Thomas Mayer zeigte Verständnis: „Das macht ihre Handeln zumindest nachvollziehbar.“ Dennoch sei es absolut nicht in Ordnung, sich einfach zu bedienen.

Gerne hätte der Richter anschließend auch die Perspektive der Schwiegertochter gehört. Sie hätte als Zeugin aussagen sollen, war aber nicht zur Verhandlung erschienen. Die Befragung eines Polizisten, der die Anzeige aufgenommen hatte, und der Anwältin der Schwiegertochter ergaben derweil: Sie hat wohl von der Klausel im Vertrag gewusst und diese bewusst verschwiegen. Richter Mayer stellte das Verfahren daraufhin ein. „Es bedarf viel juristischem und finanziellem Verständnis, um diesen Familienstreit zu lösen“, sagte er und gab dem 71-Jährigen mit auf den Weg: „Ich empfehle ihnen, sich rechtlich beraten zu lassen.“

Über den Prozess nach einem brutalen Angriff auf einen Rettungssanitäter in der Region, lesen Sie hier:

Brutaler Angriff auf Rettungssanitäter

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