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Mindelheim
01.08.2019

Reifen-Sitze und die Suche nach „Pipi“ in Tansania

Wenn sie zu den Kindern im Hope Centre kommt, ist Julia Streitel gefragt – natürlich auch wegen der Süßigkeiten im Gepäck.
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Wenn sie zu den Kindern im Hope Centre kommt, ist Julia Streitel gefragt – natürlich auch wegen der Süßigkeiten im Gepäck.

Wie inspirierend ein Aufenthalt im Krankenbett sein kann, erfuhr Julia Streitel aus Mindelheim. Sie arbeitet in Tansania - und ist auch als Osterhase gefragt.

Schon wieder liegt mein letzter Bericht lange Zeit zurück. Es wird Zeit, dass mal wieder ein Update aus Tansania kommt! Also, ich möchte direkt dort anschließen, wo ich das letzte Mal aufgehört habe: dem Besuch meiner Familie. Nachdem sie wieder nach Deutschland zurückgekehrt war, habe ich nach einer Phase der Einsamkeit dann doch wieder recht schnell in meinen Alltag gefunden.

Schon einige Male habe ich von meinen Problemen erzählt, im Behindertenheim eine richtige Aufgabe zu finden. Lange Zeit wusste ich nicht, wie ich daran etwas ändern sollte. Aber glücklicherweise durfte ich dann eine Weile Spendeanfragen an verschiedene Organisationen verschicken. Das Ziel war, weitere finanzielle Unterstützung für den Bau unserer Secondary School zu bekommen. Leider waren die Anfragen bisher nicht erfolgreich, aber ich war trotzdem froh, eine Aufgabe gefunden zu haben. Ich bin nun ab und zu auch in der Nursery Class, also einer Klasse der Vorschule. Dort helfe ich, Aufgaben der Kinder zu korrigieren, oder beschäftige mich mit einzelnen Schülern – sich wirklich um jeden zu kümmern, ist aber leider unmöglich. Dafür sind die Klassen zu groß.

Zwischendurch hatte ich ein paarmal mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, aber wirklich ernst war es glücklicherweise nie. Einer Phase, in der ich außer Im-Bett-Liegen und Nachdenken nicht viel machen konnte, verdanke ich sogar die Idee für ein besonderes Projekt: eine Schul-Bücherei.

In Tansania gestaltet Julia Streitel die Schul-Bücherei um

Ich beschloss, den Raum ein wenig zu gestalten, da sich außer ein paar Bücherregalen nicht viel in dem Zimmer befand. Die Kinder saßen sogar zum Lesen oder Schreiben auf dem nackten Fliesenboden. Ich wollte mich daher unter anderem um ein paar Sitzgelegenheiten kümmern und begann deshalb damit, mir alte Autoreifen und eine feste Schnur zu besorgen, um einen kreativen „Stuhl” zu bauen. Ein Arbeiter hat mir geholfen, Löcher in einen der Reifen zu bohren, sodass ich anschließend die Schnur so hindurch fädeln konnte, dass ein tatsächlich sehr bequemer Sitz entstand. Außerdem habe ich ein paar Bänke, Hocker, Poster und Bücher besorgt und schließlich auch noch selbst Poster gemalt. Letztere präsentieren einmal Fakten über Tansania, und einmal über unsere Welt. Man merkt: Das Bücherei-Projekt war eine durchaus kreative Arbeit – die außerdem mit tatkräftiger Unterstützung entstand.

Denn zwei sehr gute Freundinnen, Paula und Veronika, haben mich besucht. Einerseits wollte ich ihnen Umgebung und Natur zeigen, andererseits aber auch mein Arbeits- und Lebensumfeld näherbringen. Es war toll, die beiden in Tansania zu sehen – zum einen, weil wir endlich mal wieder viel Zeit zum Reden hatten (das können die sozialen Medien absolut nicht ersetzen). Zum anderen, weil sie nun mein Leben hier viel besser verstehen. Ich habe sie zum Beispiel mit ins Behindertenheim genommen, in die Schule und eben in die Bücherei.

Dann kam Ostern. Mit Paula ging ich am Sonntag ins Hope Centre, um dort mit den Schwestern, Kindern und Arbeitern zu feiern. Wir hatten Süßigkeiten besorgt, um diese nach deutscher Tradition auf dem Gelände zu verstecken, solange die Kinder in der Kirche waren. Die Kinder hatten einen Mordsspaß und waren völlig in ihrem Element, während sie sich auf die Suche nach “Pipi” gemacht haben – das ist Swahili und heißt übersetzt “Süßes”. Den gefärbten Eiern, die wir ebenfalls mitgebracht hatten, standen sie erst einmal skeptisch gegenüber. Die meisten merkten aber dann doch, dass das rote oder grüne Ei genauso essbar ist. Es gab, wie bereits an Weihnachten, ein großes Festessen, es wurde gesungen und getanzt.

Am Flussufer entdeckt die Mindelheimerin ein Baby-Krokodil

Ansonsten war ich mittlerweile wieder ein paar Mal in Mabilioni bei den Brüdern. Ein paar Kinder aus dem Waisenhaus gingen mit uns zum Fluss und in die Massai-Ebene. Dabei habe ich endlich selbst ein Baby-Krokodil gesehen! Fragt mich nicht, woher die Kids wussten, dass es sich in dem hohen Gras versteckt, aber in fast dem gleichen Moment, in dem ich gesehen habe, dass ein Stein dorthin geworfen wurde, hat es sich bewegt. Die Jungs hatten außerdem einen Heidenspaß, uns durchs Unterholz zu lotsen: über einen Bach, wieder zurück, unter umgefallenen Bäumen durch, über einen und schmalen Balken und so weiter. Wenn man mitten im Busch steht, hat man eben keine Wahl.

Anfang Mai kam mich relativ spontan noch Pippa übers Wochenende besuchen. Pippa kommt aus Australien, arbeitet aber gerade in Arusha, im Norden Tansanias. Wir kennen uns vom Sprachkurs im Oktober. An einem Abend machte sie dann eher unbewusst als beabsichtigt einen Vorschlag, der uns und sogar den Schwestern nicht mehr aus dem Kopf ging: Pippa arbeitet für eine Organisation, die auch Lehrer-Trainings anbietet. Es geht darum, Lehrer zu ermutigen und zu lehren, neue und andere Unterrichtsmethoden anzuwenden – aber auch darum, die jeweilige Schule bestmöglich zu unterstützen.

Pippas Idee war es, mir ihre Organisation in einem einwöchigen Praktikum zu zeigen und mir dabei beizubringen, wie sie verschiedene Umfragen und Unterrichtsbesuche durchführt. Auch den Lehrern an meiner Schule könne man damit helfen. Innerhalb kurzer Zeit organisierten wir also tatsächlich alles und ich fuhr zu ihr nach Arusha.

In eineinhalb Monaten kehrt Julia Streitel nach Mindelheim zurück

Wir besprachen alles, was ich für die kommenden Wochen und Monate können sollte – ein guter Einblick in ihre alltägliche Arbeit. So vorbereitet hoffe ich, dass wir das Programm an unserer Schule implementieren können. Neben meiner Arbeit lernte ich in Arusha wieder einmal supernette und herzliche Menschen sowie die Stadt mit Umgebung kennen. Die Stadt ist viel größer als Same, es gibt zum Beispiel große Supermärkte – im Grunde fast so gut ausgestattet wie in Deutschland. Ich war da drin ziemlich überfordert und froh, irgendwann wieder rauszukommen.

Im Moment geht die Zeit hier fast zu schnell vorbei. Ich denke mit gemischten Gefühlen daran, dass ich in eineinhalb Monaten schon wieder nach Deutschland zurückkomme, obwohl das ja noch ein wenig hin ist. Aber aus jetziger Sicht erscheint es mir sehr wenig und ich möchte einfach nicht mehr hier weg. Ihr werdet aber sicher noch von mir hören, bevor es so weit ist. Bis dann!

Was Julia Streitel in den vergangenen Monaten erlebt hat, lesen Sie hier:

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