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Geschichte

09.09.2018

Eine amerikanische Spurensuche im Krumbacher Ortsteil Hürben

Howard Lesser aus Washington/USA auf dem jüdischen Friedhof in Hürben, auf dem auch seine Vorfahren beerdigt sind. Zusammen mit seiner Frau Hanna war der pensionierte Radiojournalist zu Gast in Krumbach.
Bild: Gertrud Adlassnig

Die Wurzeln der Familie Lesser aus Washington liegen in Mittelschwaben. Ein Besuch auf dem jüdischen Friedhof wird zu einem sehr emotionalen Erlebnis.

Die jüdische Kultur hat den Krumbacher Ortsteil Hürben über Jahrhunderte geprägt. Herbert Auer vom Krumbacher Heimatverein hat sich lange mit diesem Kapitel der Krumbacher Ortsgeschichte beschäftigt. In zahlreiche Länder gibt es Kontakte zu Nachfahren jüdischer Familien aus Hürben. Jetzt war das Ehepaar Lesser aus Washington USA in Krumbach zu Gast. Die Lessers sind Radiojournalisten. Der Besuch in Krumbach diente allerdings nicht zur Recherche weltpolitischer Ereignisse, sondern dem Auffinden familiärer Spuren.

Howard Lesser beschäftigt sich seit 1993 mit Ahnenforschung. Seit seiner Pensionierung betreibt er die Suche nach den Spuren seiner Herkunft leidenschaftlich. Als Jude mit deutschen Wurzeln gehört er jener Gruppe von Menschen an, deren Vorfahren sich immer wieder eine neue Heimat suchen mussten. So sesshaft wie viele der Hürbener Juden über lange Zeit bleiben konnten, waren nur wenige jüdische Familien im Heiligen Römischen Deutschen Reich deutscher Nation. Immer wieder wurden sie durch Pogrome aus ihrem Lebensumfeld vertrieben, mussten hoffen und betteln, in anderen jüdischen Siedlungen unterzukommen. Dort aber waren die Ansiedlungen nicht selten begrenzt.

Hürben zeichnete sich während seiner Zugehörigkeit zu Vorderösterreich durch eine vergleichsweise liberale Judenpolitik aus. Und deshalb bot es Juden aus ganz Süddeutschland immer wieder die Chance auf ein neues Zuhause.

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Immer wieder kommen Menschen auf ihrer Suche nach Hürben

Die Namen, erklärt Herbert Auer, seinen Washingtoner Gästen, sprechen Bände: Landauer, Thannhauser. Oettinger, Harburger – sie zeigen an, von woher die Vertriebenen stammten. Howard Lessers Großmutter war eine Harburger. So viel hatte er durch die im Internet angebotenen geneaologischen Portale bereits in Erfahrung gebracht.

Im Kreis von Verwandten in den USA aber tauchte immer auch ein weiterer Name auf: Herbert Auer. Er ist kein Verwandter, kein Freund. Er ist der, den alle fragen. Er ist, was viele in der heimischen Region vielleicht zunächst nicht vermuten würden, gewissermaßen eine Berühmtheit im Netz. Kaum ein Jude mit süddeutschen Wurzeln, der sich für die Geschichte seiner Familie interessiert, ganz gleich wo auf der Welt er heute lebt, weiß nicht, wer Herbert Auer ist. So kann er in regelmäßigen Abständen Menschen auf der Suche nach ihrer Familiengeschichte durch den Krumbacher Ortsteil führen.

Darunter waren und sind zahlreiche Prominente. Ob ein Redakteur der New York Times, der 2008 Ahnenforschung trieb, oder der Filmemacher Millo aus Jerusalem, dessen Vorfahren Mühlhäuser hießen, der Enkel der Bankiersfamilie Weißkopf oder Peter Rosenblatt, US-Botschafter und außenpolitischer Berater von Barack Obama: Für Herbert Auer sind sie alle gleich. Es sind die Menschen, die seine Jahrzehnte lange Recherchearbeit zu schätzen wissen und die er fast immer auch ein bisschen glücklich machen kann mit dem, was er herausgefunden hat. Da war es für Howard Lesser selbstverständlich, den Empfehlungen von Cousinen und Freunden zu folgen und sich mit Herbert Auer in Verbindung zu setzen. Obwohl die Englischkenntnisse des leidenschaftlichen Archivars ebenso mäßig sind wie die Deutschkenntnisse von Howard Lesser, konnten sie ein Treffen vereinbaren. Die Amerikaner reisten nach München, kamen mit dem Leihwagen nach Krumbach und verbrachten dort drei Tage auf Spurensuche.

Mühevoll hat er die Daten seiner Vorfahren zusammengestellt

Herbert Auer hatte bereits ein umfangreiches Geheft zusammengestellt, alles Daten, die er seinem in vielen Jahren in mühsamer Arbeit erstellten und sortierten Archiv entnommen hat. Es enthält Informationen zur weitverzweigten Familie Harburger. Allerdings, bedauert er Howard Lesser gegenüber, könnte er nicht allzu viel zur Erhellung beitragen, denn Howards großväterliche Spuren führen nach Tschechien. Dabei, erklärt Herbert Auer, war es durchaus üblich, dass die Familien und Sippen, wenn sie emigrierten, doch irgendwie zusammenblieben: In die neue Heimat ein Stück der alten Heimat mitnahmen. So findet er häufig Hinweise, dass ausgewanderte Hürbener in Amerika sich mit jemandem verheiratet haben, der ebenfalls Vorfahren in Hürben hatte. Bei den Lessers ist das nicht der Fall. Ihre weiter zurückliegenden Vorfahren waren wohl Ostjuden. Ihre Spuren konnte Howard Lesser bis nach Rumänien verfolgen. Die Vorfahren seiner in Bamberg in einem Camp für Displaced People geborenen Ehefrau Hanna stammen aus Polen.

Doch Howard Lesser gibt sich mit den Namen und Daten der Großtanten und Großonkel, der Großcousinen und Großcousins, die sich in Büchern und auf Grabsteinen finden lassen, zufrieden. Was er in Krumbach an Daten nicht findet, das findet er zum Ausgleich an Emotion. Howard Lesser ist völlig hingerissen vom liebevoll gepflegten Friedhof von Hürben, zu dem ihn Vater und Sohn Auer bringen. Hier findet der leidenschaftliche Ahnenforscher so viele Namen, die ihm in Stammbäumen, in Listen, in Hinweisen begegnet sind. Entfernt Verwandte, die hier auf den teils verwitterten Steinen im eingefriedeten Bezirk mit seinen Baumreihen und dem gepflegten Grün eine neue reale Qualität erhalten: Es ist wie ein Wohnort, ein Ort zum Ausruhen, zum Bleiben. Und für Howard Lesser ist es wie ein Lesebuch über einen Teil seiner Ahnen.

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