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Motivwagen

10.01.2015

Eine eisige Welt mit 14 Metern Länge

Unter der nostalgischen Lokomotive verbergen sich eine stabile Holzkonstruktion und ein Hightech-Innenleben.
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Unter der nostalgischen Lokomotive verbergen sich eine stabile Holzkonstruktion und ein Hightech-Innenleben.

Sie sind die großen Attraktionen des Faschings. Von der Begegnung mit Drachen und Tausendfüßlern

Da prangt er in der „Festhalle” der Ziegelei Staudacher, der offizielle Motivwagen 2014/15 der Ballustika: Ein regelrechtes Monstrum von beinahe 14 Metern Länge und einer Höhe von rund vier Metern dominiert den Sattelaufleger des Ziegeleibetriebs: Eine Dampflokomotive zieht eine Eislandschaft mit Iglu.

In der Halle, die bis vor Kurzem die emsige Wagenbauer-Werkstatt beherbergte, treffen immer mehr Ballustika-Mitglieder ein: Der Ingenieur von der KÜS wird erwartet. Ohne sein Placet darf der Motivwagen die Halle nicht verlassen. Noch herrscht unter den spezialisierten Handwerkern, die in der Hochsaison des Faschings zu närrischen Maschkerern mutieren, siegessichere Gelassenheit. Doch die Anspannung wächst, je länger sie auf Reiner Kiewitz warten müssen.

Die Zeit wird überbrückt mit letzten Reinigungsarbeiten. Manche Ehefrau würde neidisch, könnte sie ihren Mann so sehen: mit Putztuch in der Hand beim Polieren glänzend schwarzer Oberflächen. Auch Staubsauger kommen zum Einsatz, alles soll strahlen.

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Dann betritt der Sachverständige der Kraftfahrzeugs-Überwachungsorganisation (KÜS) mit der angekündigten Verspätung die Halle: Reiner Kiewitz kommt aus Untermeitingen und nimmt an diesem Tag gleich mehrere Faschingswagen in der Region ab. Für Johann Haugg, 2. Vorsitzender der Ballustika, und über viele Jahre der Chef der Wagenbauer-Gruppe, und seine Nachfolger Tobias und Dominik Schmid, schlägt die Stunde der Wahrheit.

Kiewitz packt seine Tasche aus: eine viele Seiten umfassende Checkliste, Fotoapparat, Metermaß. Geprüft wird das Gefährt nach verschiedenen Kriterien. Schließlich muss es sowohl auf der Straße alle Sicherheitsauflagen erfüllen, als auch die Narren beim Umzug ohne Gefährdung transportieren. Eilfertig legen die Wagenbauer alle Daten vor: Die Straßenzulassung des Aufliegers, die bereits in den Vorjahren ermittelten Maße. Der Überwachungsingenieur nimmt die Protokolle an, doch die ersetzen ihm nicht die persönliche Überprüfung. Zunächst wird der Aufbau fotografiert, dann vermessen. Hier zählt jeder Zentimeter, jedes überragende Konstruktionsteil wird genau registriert und in die Vermessung eingerechnet. Die Wagenbauer dürfen entspannen: keine Überschreitungen. Nun geht es auf den Wagen. Wohlwollend sieht der Ingenieur, dass die Aufgangstreppe abnehmbar ist. Er ermahnt die Ballustika, diese während der Fahrt unbedingt abzunehmen, allerdings muss der Aufgang dann mit einer Kette gesichert werden. Auf- und Absteigen während des Umzugs ist verboten. Auch das Geländer findet Zustimmung. Es ist nicht nur wie bei Gebäuden Vorschrift, 90 Zentimeter hoch, sondern einen Meter. „Das ist gut. Die Narren sind oft nicht nur ziemlich groß, sondern beugen sich gerne mal weit nach außen”, weiß Kiewitz. Saubere Verarbeitung und Stabilität der Konstruktion lassen nichts zu wünschen übrig.

Doch ganz ohne Reklamationen und Nachbesserungsforderungen kommen die Wagenbauer nicht davon: Der Führerstand der Lokomotive, dort wo sich viele Narren aufhalten werden, hat ein ziemlich niedriges Dach. „Da kann man sich leicht die Stirn anschlagen und rückwärts die steile Treppe hinunterfallen”, weist Kiewitz auf die latente Gefahr hin. Wagenbauchef Tobias Schmid und sein Team müssen nachrüsten. Auch die seitliche Beleuchtung gefällt dem Ingenieur noch nicht. Wenn der 14 Meter lange Wagen quer steht, ist er nicht gut zu erkennen. Es müssen im Drei-Meter-Abstand Reflektoren angebracht werden.

Solche Auflagen mögen kleinlich wirken, aber der Wagen der Ballustika muss immerhin zu elf Umzügen gefahren werden, er ist zwischen Dillingen und Ronsberg bei Obergünzburg (Anfahrtzeit einfach fast drei Stunden) unterwegs, nimmt auch an zwei Nachtumzügen teil.

Dann ist es endlich so weit: Reiner Kiewitz ist zufrieden. Das Kennzeichen darf angebracht werden, nach monatelanger Schufterei der erlösende Moment.

Schon im September hatten die Wagenbauer mit der Planung begonnen. Nachdem sich der Ballustika-Vorstand auf das Jahresmotto geeinigt hatte, begannen die ersten Vorarbeiten, erzählen Tobias und Dominik Schmid, die nun ganz entspannt auf die letzten Wochen zurückblicken können. Nachdem sich die Wagenbauer einig waren, wie das Motiv „Eiswelt” umgesetzt werden kann, ging es an die Gestaltung, im nächsten Schritt mussten Konstruktionspläne gezeichnet, der Materialbedarf berechnet und alles möglichst kostengünstig besorgt werden. Da war wieder einmal die Fantasie der Planer gefragt und die Großzügigkeit der Sponsoren. Auch eine Werkzeugliste gehört zu den Planvorgaben, „damit die Wagenbauer wissen, welche Maschinen und Geräte sie von daheim mitbringen müssen.” Da die Ballustika eine Halle auf dem Ziegeleigelände nutzen darf, konnten alle Teams gleichzeitig arbeiten. „Seit Oktober wurde gebaut. Wir haben die Arbeiten in einzelne Abschnitte aufgeteilt. Jedes Team hat die notwendigen Detailpläne mit genauen Maßangaben bekommen und konnte sofort loslegen. Wir gehen vor wie beim Bau eines Fertighauses”, erklärt Tobias Schmid.

Viele Wochen und rund 650 Arbeitsstunden

Bis es endlich so weit war und die Einzelteile zusammengesetzt werden konnten, vergingen viele Wochen. 650 Arbeitsstunden stecken in der Lokomotive und der Eiswelt. Denn was die Umzugsbesucher zu sehen bekommen, ist nur die liebevoll bemalte Hülle, unter der jede Menge Technik verborgen ist: Notstromaggregat, Musik- und Lautsprecheranlage und eine Nebelmaschine, damit aus dem Lokomotivenschlot auch richtiger Dampf aufsteigen kann, wurden in den Motivwagen eingebaut.

In jeder Saison, erinnert sich Johann Haugg, brilliert die Wagenbauabteilung mit einer neuen Konstruktion. Da gab es einen Tausendfüßler und eine Manege, einen Drachen und ein Märchenschloss und viele andere Motive. Ein jedes erforderte seine ganz spezifische Konstruktion, die dann auch das Material bestimmte. „Wir achten auf Stabilität und geringes Gewicht, und wir setzen alle möglichen Baustoffe ein, Holz und Kunststoff, Stahl und Alu, auch PE-Schaum und Stoffe, um ein optimales Ergebnis zu erhalten.”

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