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Interview

31.05.2020

Historiker: „Landauer konnte in Krumbach weder privat noch politisch Fuß fassen“

Sebastian Kunze, Autor des in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ erschienenen Werkes „Gustav Landauer. Zwischen Anarchismus und Tradition“.
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Sebastian Kunze, Autor des in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ erschienenen Werkes „Gustav Landauer. Zwischen Anarchismus und Tradition“.
Bild: Sammlung Kunze

Plus Stefan Kunze hat ein kompaktes, prägnantes Werk über Gustav Landauer und seine Beziehung zu Krumbach verfasst. Warum Landauers Werk noch heute lesenswert ist.

Hans Rosenthal? Die Älteren unter uns haben diesen sympathischen, lebensfreudigen Moderator („Dalli, dalli“) sicherlich noch in guter Erinnerung. Der Berliner Jude hat den Holocaust durch glückliche Umstände überlebt. Auch seine Biografie erschien bei Hentrich & Hentrich, dem „Verlag für jüdische Kultur“ und Zeitgeschichte als „Jüdische Miniatur“. In dieser Reihe ist jetzt, verfasst von Sebastian Kunze, eine neue Arbeit über Gustav Landauer erschienen. Landauer, der in der letzten Phase seines Lebens in Krumbach wohnte, spielte während der Revolution in München 1918/19 eine zentrale Rolle. In unserem Interview schildert Sebastian Kunze auch das Verhältnis von Gustav Landauer zu Krumbach.

Sebastian Kunze, Autor des in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ erschienenen Werkes „Gustav Landauer. Zwischen Anarchismus und Tradition“.
Bild: Sammlung Kunze

Sie schreiben in Ihrem Vorwort, dass Gustav Landauer in einer gewissen Hinsicht auch „Traditionalist“ gewesen sei. Welche Traditionen haben in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt, welche Beziehung hatte er zum jüdischen Glauben?

Sebastian Kunze: Gustav Landauer verstand Traditionen als Überliefertes, das heute noch wirksam und relevant ist. Insofern verstand Landauer die Vergangenheit als ein Fundus von Ideen und Handlungen, an die wieder angeschlossen werden kann.

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Beispielsweise die Ehe und Weihnachten...

Kunze: Auch einige gesellschaftliche Konventionen, die viele seiner anarchistischen Genossen ablehnten, waren ihm wichtig, wie die Ehe, die er als Bund zwischen zwei Menschen beschrieb. Eine bürgerliche Tradition übernahm die Familie Landauer: Weihnachten. Sie feierten das Fest mit Baum und Geschenken, waren aber weder Christen noch gläubig. Während des Weltkrieges verzichteten sie im Übrigen bewusst darauf, Weihnachten zu feiern, da es in diesen Zeiten nicht angemessen wäre.

In der Reihe „Jüdische Miniaturen“ hat Sebastian Kunze von der Universität Erfurt ein Buch über Gustav Landauer verfasst.
Bild: Hentrich & Hentrich-Verlag

Landauer hat sich intensiv mit Schriften der christlichen Mystik beschäftigt. Welche Bedeutung hatte das für ihn?

Kunze: In Bezug auf religiöse Traditionen bezog sich Landauer in seinen Texten viel auf das christliche Mittelalter, das er besonders durch die Schriften des Dominikanermönchs Meister Eckhart kennenlernte und darin ein „echtes“ Christentum fand. Darauf bezog er sich. Institutionalisierten Glauben lehnte er ab, religiös war er ebenso wenig und trat sogar aus der jüdischen Religionsgemeinschaft aus. Dennoch nahm er regen Anteil an den Diskussionen der jüdischen Gemeinschaft, setzte sich gegen Antisemitismus ein und beteiligte sich an Debatten der Jüdischen Renaissance und des Zionismus. Er verstand sich, auch wenn er nicht religiös war, dennoch als Jude.

Landauer hat in Großstädten gelebt, aber er war offenbar ein Mensch, der Großstädten in einer besonderen Weise skeptisch gegenüberstand. Orte wie Urach, Bregenz und schließlich Krumbach wurden für sein Leben sehr wichtig. Warum hat Landauer zum Leben auf dem Land und den Menschen dort eine so spezielle Beziehung entwickelt?

Kunze: Landauer lebte fast sein gesamtes Leben in Städten. Er hatte aber viel Verwandtschaft auf dem Land, zu der eine gute Beziehung bestand. Das spielt sicherlich eine Rolle. Vor allem aber, denke ich, hat dies mit Landauers politischen Überzeugungen zu tun: Die neue sozialistische Welt sollte föderal aufgebaut sein und aus vielen kleinen Gemeinden bestehen. Landauer sah in Siedlungen auf dem Land, in denen Industrie, Handel, Landwirtschaft sowie Wissenschaft und Kunst verbunden wird, den Beginn seines menschlichen Sozialismus.

Das „Wandern in der Natur“ hat sich ja in der Zeit Landauers einer zunehmenden Beliebtheit erfreut ...

Kunze: Vor knapp 100 Jahren lag, so wie heute, das Wandern und das in der Natur sein, um sich „mit ihr zu verbinden“, sehr im Trend. Besonders war dieses Gefühl unter Städtern verbreitet. Dem konnte sich auch Landauer nicht entziehen.

Regierungsausweis von Gustav Landauer (1870 bis 1919), der 1918/19 kurzzeitig bayerischer Beauftragter für Volksaufklärung war.
Bild: Sammlung Lindenmayr

1917 zog Landauer mit seiner aus Krumbach-Hürben stammenden Frau Hedwig Lachmann nach Hürben. Welche Bedeutung hatte Krumbach-Hürben für sein Leben?

Kunze: Krumbach-Hürben war der Ort seiner Schwiegereltern und die Heimat seiner Frau. Hier trafen sie sich heimlich beispielsweise im Wald oder am Bad, bevor sie offiziell ein Paar waren. Landauer kam auch mit seiner Frau öfter zu Besuch. Für Ihren Umzug 1917 war einerseits die bessere Versorgungslage auf dem Land verantwortlich und andererseits, die durch den Tod von Hedwig Lachmanns Mutter freigewordene Wohnung. Schließlich ist Krumbach-Hürben der Ort, an dem seine Frau Hedwig im Februar 1918 starb und er sie begraben musste. Besonders viel Kontakt im Ort selber schien er nicht gehabt zu haben.

Landauer war in Krumbach über Jahrzehnte hinweg de facto vergessen. Und wenn der Name in einer Diskussion vielleicht dann doch einmal fiel, dann war da bisweilen auch von „Bürgerschreck“ die Rede. Landauer ist offensichtlich in Krumbach nie „richtig angekommen“...

Kunze: Krumbach-Hürben ist für Landauer insbesondere die Verbindung zu seiner Frau Hedwig Lachmann und schon dadurch wichtig. Allerdings konnte er hier tatsächlich weder privat noch politisch Fuß fassen und so führte ihn sein Weg recht bald nach dem Tod seiner Frau wieder weg aus Krumbach-Hürben, nach Düsseldorf und schließlich München.

In Ihrem Nachwort ist zu lesen: „Seit den Krisen der Jahre nach 2007 suchten Menschen wieder verstärkt nach Modellen für ein besseres Zusammenleben, als es unter den herrschenden kapitalistischen Bedingungen möglich ist. Diese Suchenden stießen auch auf Gustav Landauer.“ Kann sein Werk demnach eine Inspiration für unser gegenwärtiges Leben sein?

Kunze: Ich denke ja. In kultureller Hinsicht zum Beispiel. Landauer lehnte neue Technologien wie die drahtlose Telegraphie nicht ab, sondern mahnte, sich auf das positive Potenzial dieser neuen Möglichkeiten zu konzentrieren. Sein Beispiel dabei war die Titanic, die so Hilfe herbeirufen konnte. Politisch denke ich zum einen an seine macht- und herrschaftskritischen Positionen gegenüber einem autoritären Staat. Zum anderen denke ich an die zentrale Rolle des ländlichen Raumes, die er diesem beim Aufbau eines gerechteren und solidarischeren Gemeinwesens zubilligte. Die Klimakrise zeigt deutlich, dass eine aufs Saisonale wie Regionale zielende Wirtschaft immer wichtiger wird und damit auch politisch die Kommunen wieder gestärkt werden müssen. Gleichzeitig darf es nicht an überregionaler Solidarität fehlen. Das alles findet sich schon bei Landauer.

Er ist demnach eine recht „aktuelle“ Persönlichkeit?

Kunze: Insgesamt denke ich, dass es heute viele Möglichkeiten gibt, an Landauer anzuschließen.

Interview: Peter Bauer

Sebastian Kunze, Gustav Landauer. Zwischen Anarchismus und Tradition. Verlag Hentrich & Hentrich, Centrum Judaicum, Berlin, Leipzig, 2020, 74 Seiten.

Zur Person: Sebastian Kunze

Herkunft: Sebastian Kunze ist 1987 in Northeim im südlichen Niedersachsen geboren. Aufgewachsen ist er im Saalkreis bei Halle (Saale). Seine Eltern waren in der Finanzverwaltung tätig. Er hat vier Geschwister.

Ausbildung/Studium: Kunze hat Nahoststudien und Politikwissenschaften in Halle (Saale) studiert und mit einem Bachelor of Arts abgeschlossen. Anschließend studierte er in Berlin, Southampton, Jerusalem und Potsdam (Abschluss an der Uni Potsdam, Master Jüdische Studien). Derzeit promoviert er an der Universität Erfurt über Gustav Landauer.

Berufliche Stationen: Seit Oktober 2016 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Judaistik an der Universität Erfurt. Von April bis Dezember 2017 war er zusätzlich wissenschaftlicher Mitarbeiter am Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam. Ferner 2018/2019 war Leo-Baeck-Fellow, getragen vom Leo-Baeck-Institute in London und der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Veröffentlichungen: Mit Frank Jacob (Hrsg.): Jewish Radicalisms. Historical Perspectives on a Phenomenon of Global Modernity. Boston, Berlin: De Gruyter, 2019. Gustav Landauer. Zwischen Anarchismus und Tradition. Leipzig: Hentrich & Hentrich, 2020.

Hobbys: „Ich gehe gerne wandern, momentan viel im Weserbergland und im Harz“, schreibt uns Sebastian Kunze. „Außerdem bouldere ich und übe mich im Seilklettern.“ (pb)


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