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Interview

30.05.2020

Was eine Münchner Autorin in Krumbach über Gustav Landauer herausfand

Rita Steininger, Autorin der Biografie „Gustav Landauer. Ein Kämpfer für Freiheit und Menschlichkeit.“
5 Bilder
Rita Steininger, Autorin der Biografie „Gustav Landauer. Ein Kämpfer für Freiheit und Menschlichkeit.“
Bild: Sammlung Steininger

Plus Rita Steininger über ihr neues Buch zum Leben des Revolutionärs und Schriftstellers Gustav Landauer. Sie hat auch in Krumbach geforscht.

Das Ende des Ersten Weltkriegs 1918, desaströs für das Wilhelminische Kaiserreich. Revolution in Bayern, Räterepublik, aber auch die Begründung des heutigen „Freistaats“ Bayern: Gustav Landauer (1870 bis 1919) spielte in dieser turbulenten Zeit eine zentrale Rolle. In der letzten Phase seines Lebens (Landauer wurde im Mai 1919 von Freikorps-Soldaten brutal ermordet) wurde Krumbach für ihn zum Lebensfixpunkt. Warum Krumbach? In unserem Interview gibt die Münchner Autorin Rita Steininger dazu bemerkenswerte Einblicke.

Bild: Sammlung Steininger


Verheiratet war Gustav Landauer mit der aus Krumbach-Hürben stammenden Schriftstellerin Hedwig Lachmann (1865 bis 1918). Für Rita Steiniger war diese Verbindung bei ihren Recherchen ein zentrales Thema. Im Interview mit unserer Zeitung berichtet sie auch, welch wichtige Rolle eine Fahrt nach Krumbach für die Arbeit an ihrer neuen Biografie über Gustav Landauer gespielt hat.

Was eine Münchner Autorin in Krumbach über Gustav Landauer herausfand

Ihr Buch über Gustav Landauer ist in der Reihe „Vergessenes Bayern“ erschienen. Ist Gustav Landauer ein „vergessener Bayer“?

Rita Steininger: Spannend, das ist eigentlich eine Doppelfrage! Erstens: War Gustav Landauer überhaupt ein Bayer? Dazu erinnere ich mich, bei Martin Buber (Gustav Landauer. Sein Lebensgang in Briefen. 2 Bände, Frankfurt 1929) den Hinweis gefunden zu haben, dass Landauer tatsächlich Ende 1918 die bayerische Staatsbürgerschaft beantragt hat, um bei der Landtagswahl am 12. Januar 1919 in Krumbach als Kandidat der USPD-Liste antreten zu können. Dazu hat mir Tilman Leder, der Autor des zweibändigen Werks „Die Politik eines ‚Antipolitikers. Eine politische Biographie Gustav Landauers“ folgende Auskunft erteilt: "Am 3. Januar wurde im Provisorischen Nationalrat ein Dringlichkeitsantrag gestellt, die Regierung solle eine sofort in Kraft tretende Verordnung erlassen, dass zur Erlangung der bayrischen Staatsangehörigkeit die Beibringung des Staatsangehörigkeitsausweises nicht erforderlich sei. Alle Deutschen, die in Bayern wohnen, haben das Recht, zur Nationalversammlung zu wählen. Landauer hatte diesen Antrag mitunterzeichnet. Aus geschäftsordnungsmäßigen Gründen wurde der Antrag tags darauf zurückgezogen, da die Angelegenheit durch eine Verordnung der Regierung geregelt worden war. Demnach war der Aufwand (die bayrische Staatsangehörigkeit) nicht mehr nötig."

Zweitens: Ist Landauer vergessen? Danach hat es tatsächlich lange Zeit ausgesehen. In den letzten Jahren ist Landauer aber in der Forschungsliteratur wiederentdeckt worden. Es gibt zahlreiche neuere Veröffentlichungen über ihn, darunter die seit 2008 von Siegbert Wolf herausgegebenen „Ausgewählten Schriften“, die sehr umfangreiche „politische Biographie“ Landauers von Tilman Leder und die Briefedition von Christoph Knüppel „Gustav Landauer. Briefe und Tagebücher 1884-1900)“. Nur eine persönliche Lebensbeschreibung Landauers hat bis vor Kurzem gefehlt – sie liegt nun mit meiner neuen Biografie vor.

„Kämpfer für Freiheit und Menschlichkeit“: Titelbild der 2020 erschienenen Biografie über Gustav Landauer, verfasst von der Münchner Autorin Rita Steininger.
Bild: Volk-Verlag

Landauer war offensichtlich ein Mensch, der Großstädten durchaus in einer gewissen Weise abgeneigt war. In seinem Leben spielen Orte wie Urach, Bregenz und schließlich Krumbach eine maßgebliche Rolle. Warum hat Landauer „zum Land“ eine so enge Beziehung entwickelt?

Steininger: Warum, das kann ich leider nicht erklären, ich kann nur bestätigen, dass es so ist. Landauer hat schon in seinem Schülertagebuch, das er zwischen 1875 und 1876 führte, erwähnt, dass er sich gern in der Natur aufhält. Urach hat er sich im Frühjahr 1892 als Rückzugsort ausgesucht, um an seinem Roman „Der Todesprediger“ zu arbeiten – und um in der Nähe seiner heimlichen Verlobten Clara Tannhauser zu sein, die damals noch bei ihren Eltern in Buttenhausen lebte.

In Berlin hat er das Stadtzentrum ja dann auch eher gemieden ...

Steininger: In seinen Berliner Jahren hat es Landauer in der Tat nicht lange im hektischen Stadtzentrum ausgehalten, sondern ist in die Vororte ausgewichen. 1895 nach Pankow, 1897 nach Friedrichshagen und 1902 nach Hermsdorf, wo er bis zu seinem Umzug nach Krumbach mit seiner Familie lebte. Was Krumbach angeht, so fühlte er sich anfangs dort wohl, er empfand die Einwohner als „längst nicht so ekelhaft“ wie die kriegseuphorischen Berliner und wäre vermutlich gern dortgeblieben, hätte sich in der Folgezeit nicht so Dramatisches ereignet – der Tod seiner Frau Hedwig Lachmann kurz vor Kriegsende im Februar 1918, dann die Revolution 1918/19 in München).

In Publikationen zur Heimatgeschichte in Krumbach und Umgebung spielte Landauer lange Zeit eine sehr untergeordnete Rolle. Einige, die sich noch an den Namen erinnern können, sprechen von „Bürgerschreck“. Warum standen viele Krumbacher Landauer geradezu feindselig gegenüber?

Steininger: Da hat die damalige bayerische Regierung Hoffmann in Bamberg mit ihrer Hetze gegen die Revolutionäre, auch gegen Landauer persönlich, ganze Arbeit geleistet. Sie hat zum Beispiel auf Flugblättern und in Zeitungsmeldungen behauptet, Landauer habe den Antrag gestellt, die Frauen des Bürgertums zu „kommunalisieren“ – sprich für das Proletariat „freizugeben“. Das war Verleumdung der schlimmsten Sorte. Für die Töchter in Krumbach muss es furchtbar gewesen sein, die Pressehetze mitzuerleben – und auch noch von den Menschen in ihrer Umgebung dafür angefeindet zu werden.

Gustav Landauer im Jahr 1917 in Krumbach.

Sie haben für Ihr Buch neue Quellen herangezogen. Sie waren im Dezember 2019 zu Gast in Krumbach und haben Briefe bei Herbert Auer vom Heimatverein Krumbach Briefe eingesehen, die Landauers Töchter kurz vor dessen Ermordung an ihren Vater nach München geschrieben haben. Was uns aus Krumbacher Sicht natürlich besonders interessiert: Wie kam der Kontakt zu Herbert Auer zustande und wie haben Sie Krumbach selbst erlebt?

Steininger: Sehr wichtig war für meine Arbeit die 2017 erschienene Briefedition von Christoph Knüppel, die viel Persönliches über Landauer zutage gefördert hat, was bis dahin weitgehend unbekannt war. Eine wahre Kostbarkeit sind die unveröffentlichten Briefe, die Landauers Töchter Charlotte (aus Landauers erster Ehe mit Margarethe Leuschner, Gudula und Brigitte (aus der Ehe mit Hedwig Lachmann), die damals in Krumbach-Hürben wohnten, im April 1919 an ihren Vater in München geschrieben haben. Ich durfte Kopien dieser Briefe von meinem Treffen mit Herbert Auer mit nach Hause nehmen und konnte viele Stellen für die Biografie auswerten. Zuletzt ist im Literaturportal Bayern übrigens ein Blogartikel über Gustav Landauer von mir erschienen, der unter anderem noch mehr Auszüge aus diesen Briefen enthält. Den Kontakt zu Herbert Auer habe ich über das Internet gefunden. Das Treffen mit ihm, seinem Sohn Bernd und Beate Hamp-Wohllaib im Dezember 2019 ist mir noch heute in sehr schöner Erinnerung.

Haben Sie auch den jüdischen Friedhof besucht?

Steininger: Ja, am Ende unseres Treffens haben mich alle drei noch auf den jüdischen Friedhof begleitet, ich habe das Grab von Hedwig Lachmann gesehen, der Aufenthalt dort war sehr berührend.

In Ihrem Buch spielen auch Gustav Landauers Liebesbriefe an die aus Krumbach-Hürben stammende Hedwig Lachmann (seine spätere Frau) eine maßgebliche Rolle. Dürfen wir uns Landauer auch als geradezu glühenden Romantiker vorstellen?

Steininger: Ich glaube, die Bezeichnung „glühender Romantiker“ trifft es nicht. Dass Landauer in Liebesdingen aber sehr aufrichtig und beharrlich war, beweist sein zwei Jahre dauerndes Werben um Hedwig Lachmann. Auch die Familie hat ihm sehr viel bedeutet: Er legte großen Wert auf ein liebevolles Verhältnis zu seinen Töchtern und gegenseitigen Respekt zwischen allen Familienmitgliedern. Das betrifft auch den Respekt vor Hedwig Lachmanns Rolle als Dichterin, die er über ihre häuslichen Pflichten stellte. Ich kann Gustav Landauer jetzt nur aus dem Gedächtnis zitieren, aber er sagte sinngemäß einmal zu seiner Frau, als diese gerade eine schöpferische Phase hatte, sie solle sich ruhig Zeit zum Dichten nehmen – das sei wichtiger als Gelee. Er nannte sie nach außen hin auch immer mit ihrem Dichternamen Lachmann und nicht mit ihrem Ehenamen Landauer.

In vielen deutschen Städten finden derzeit Proteste gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen, die eine Missachtung des Grundgesetzes seien statt. Krumbach ist in Süddeutschland eine der Hochburgen dieses Demos, die politisch ja sehr unterschiedlich eingeschätzt werden. Versuchen wir eine Art Gedankenexperiment: Wie würde Landauer zu diesen Protesten stehen?

Steininger: Diese Frage möchte ich gern außer Acht lassen. Denn hier könnte ich nur Spekulatives äußern und würde womöglich riskieren, dass ein missverständliches Bild von Landauer entsteht.

In ihrem Buch spielt Gustav Landauers Beziehung zu Hedwig Lachmann und zu Krumbach eine zentrale Rolle. Sie waren wegen Ihres Landauer-Buches bereits in Krumbach. Könnten Sie es sich vorstellen, zu einer Lesung nach Krumbach zu kommen, eventuell zur Kulturreihe „Literaturherbst Krumbach“?

Steininger: Selbstverständlich, ich würde mich freuen!

Interview: Peter Bauer

Rita Steininger, Gustav Landauer. Ein Kämpfer für Freiheit und Menschlichkeit. Buchreihe „Vergessenes Bayern“. Volk-Verlag, München, 2020, 208 Seiten.

Zur Person: Rita Steininger

Herkunft, Ausbildung: Die Münchner Autorin Rita Steininger arbeitete zunächst als Fremdsprachenkorrespondentin (Englisch und Französisch).

Abitur, Studium: Nach dem Abitur über den zweiten Bildungsweg studierte sie Ethnologie (M.A.), Anthropologie und Humangenetik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ferner absolvierte sie eine Journalistenausbildung.

Berufliche Stationen: Bis 1998 war sie als freie Journalisten für den Bayerischen Rundfunk (Hörfunk) und für die deutsche Redaktion von Time Life International tätig.

Lektorin/Autorin/Stadtführerin: Mittlerweile ist sie selbstständige Lektorin/Autorin und Stadtführerin in München.

Veröffentlichungen: Erschienen sind unter anderem die Stadtführer „München literarisch“ (2013) und „Jüdisches München“ (2015, gemeinsam mit Elvira Bittner).

Elternratgeber: Außerdem hat sie zahlreiche Titel im Bereich Elternratgeber (z. B. „Das kleine Anti-Wut-Buch“) und Lebensgestaltung veröffentlicht.

Hobbys/Lesen: „Zu meinen Lieblingsschriftstellern gehören Oskar Maria Graf und Lion Feuchtwanger, von denen ich auch bei meinen Stadtführungen ausführlich erzähle.“

Reisen: „Oft in Verbindung mit einer (literarischen) Spurensuche.“

Tanzen: „Hier knüpfe ich nochmals bei Gustav Landauer an“, schreibt uns Rita Steininger. „Landauer hat an seine Verlobte Clara Tannhauser geschrieben: ,Du willst von mir hören, was ich vom Tanzen halte? D. h. wenn Du tanzest? (...) Es ist möglich, sogar wahrscheinlich, dass ich Dich nach unsrer endgültigen Vereinigung bitten werde, nicht mehr mit Fremden, und da ich nicht tanze, überhaupt nicht mehr zu tanzen ...“ Bei der Lektüre dieser Briefstelle habe ich Clara Tannhauser zutiefst bedauert.“

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