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Dorfserie (12)

07.09.2019

Wie in Nettershausen eine Kapelle das Fliegen lernte

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6 Bilder
Gut ein Drittel aller Nettershauser hat sich für dieses Bild versammelt. Aktuell wohnen 67 Menschen im Ort, der bereits im Jahr 1178 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Gegründet wurde das Dorf wohl schon um 600 nach Christus. Der Name geht wohl auf einen germanischen Sippenführer namens Nantheri zurück. Einst hieß der Ort Nantershusen, später wurde daraus das heutige Nettershausen.
Bild: Christian Gall

Hinter Nettershausen verbirgt sich viel mehr als nur Landidylle. Dort zog bereits eine Kapelle um und eine Hexe trieb sich auf dem Karrenberg herum.

In Nettershausen ist vieles nicht, wie es scheint. Die Besonderheiten des Thannhauser Stadtteils sieht man als Ortsfremder nicht sofort. Der Hügel am Ortseingang etwa verrät durch seinen Anblick nicht, dass dort einst eine Hexe hauste. Der Kapelle sieht man nicht an, dass sie eine Reise hinter sich hat. Und auch in ihrem Inneren verbergen sich Schätze, die ein Geheimnis wahren.

Die Kapelle Mariä Opferung ist der Stolz der Nettershauser. Wird über ihren Ort berichtet, ist die Kapelle der erste Vorschlag für einen Treffpunkt, an dem man mit dem Pressevertreter zusammenkommen will.

Nur machen die Nettershauser dem einen Strich durch die Rechnung – weil einfach zu viele zum Treffen auftauchen, als dass alle am Gehweg vor der Kapelle Platz hätten. Der Ausweichtreffpunkt ist schnell gefunden – am Dorfplatz ist genügend Platz für die Gruppe aus 26 Personen. Damit hat sich mehr als ein Drittel der derzeit 67 Einwohner eingefunden. Wobei die Einwohnerzahl bald um zehn Prozent in die Höhe schnellen wird – wenn sich eine Familie mit vier Kindern neu in Nettershausen niederlässt.

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Auf dem Dorfplatz geht es lebhaft zu. Die Einwohner finden sich zu Grüppchen zusammen und tauschen Neuigkeiten aus. Aus der Menge treten nach und nach Einzelne hervor. Mit einer Bassstimme etwa macht sich Johannes Schropp bemerkbar, Altbürgermeister der Stadt Thannhausen. Auch wenn er inzwischen nicht mehr in Nettershausen wohnt, ist er doch eng mit dem Ort verbunden. „Als ich nach meinem Studium in Thannhausen eine Wohnung suchte, wurde ich im Haus des ehemaligen Landrats Anton Aimiller sen. fündig, in der sogenannten Villa am südlichen Ortsrand von Thannhausen. Das Haus gehörte damals noch zu Nettershausen und damit zur Gemeinde Burg.“ Erst in der frühen Phase der Gebietsreform 1972 wurde das Aimiller-Anwesen nach Thannhausen eingemeindet – was Schropp den Weg in den Thannhauser Stadtrat öffnete. Schropp weiß viel zu erzählen über den Ort. Über den Dorfplatz etwa, in den viel Arbeit gesteckt wurde und der bald von einem großen Kreuz geziert wird, das einst in der Kapelle von Nettershausen hing. Aus der Gruppe der Einwohner melden sich weitere Stimmen. Anton Aimiller etwa erzählt stolz, dass Nettershausen einst elf Milchlieferanten zählte, von denen es heute noch drei gibt – eine wesentlich bessere Quote als in vielen anderen Orten. „In Nettershausen haben wir noch immer fünf landwirtschaftliche Betriebe im Vollerwerb“, erzählt er. Auch zwei Gewerbetreibende zählt der Ort – einen Gerüstbauer und einen Elektriker.

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All das ist beeindruckend für einen Ort dieser Größe. Doch Nettershausen birgt nicht nur fleißige Menschen, sondern auch spannende Geschichten. Die wohl größte Besonderheit des Orts ist die Kapelle Mariä Opferung. In den 80er Jahren stand nämlich eine schwierige Entscheidung an. Damals sollte die Durchgangsstraße ausgebaut werden. Das Problem: Die Kapelle war im Weg. Es gab zwei Möglichkeiten. Die einfache Variante wäre gewesen, das Gebäude abzureißen. Letztendlich entschied man sich, die Kapelle zu versetzen. Federführend bei dem Projekt im Jahr 2000 war Paul Hartinger mit seiner Firma Hartinger Consult in Thannhausen. „Wir benutzten den größten Kran in ganz Süddeutschland. Das Gewicht der Kapelle lag bei gut 200 Tonnen“, erzählt Hartinger. Eine besondere Herausforderung sei das Sandstein-Fundament der Kapelle gewesen – dieses musste durch eine moderne Stahlbeton-Konstruktion ergänzt werden. Alles nur, damit das Gebäude fünf Meter weit versetzt wird.

Im Jahr 2000 wurde die Kapelle des Orts mithilfe eines Krans versetzt. Eine beeindruckende Aktion, die sauber über die Bühne ging.

Doch die Mühe hat sich gelohnt. Die Kapelle wurde 2005 nach umfassender Sanierung wiedereröffnet. Wie Altbürgermeister Schropp erzählt, war ein Großteil des Kapellen-Innenraums zuvor weiß – alte Bilder wurden in den 50er Jahren überstrichen, da Geld für die Restaurierung fehlte. Im Zuge der jüngsten Renovierung jedoch entstanden zahlreiche Bilder, die auf Spendenbasis finanziert wurden – wie Schropp sagt, kamen diese Spenden innerhalb kurzer Zeit zusammen. Seit der Sanierung 2005 kümmern sich die Mesner Maria und Helmut Wamerl hingebungsvoll um die Kapelle. Mesnerin Maria liegt diese Aufgabe im Blut – wie sie erzählt, waren bereits ihre Großmutter und auch Urgroßmutter Mesnerinnen in Nettershausen. Wie sie erklärt, existiert die Kapelle seit dem Jahr 1699. Für sie selbst war das kleine Gotteshaus schon immer ein Bestandteil ihres Lebens.

Die Kapelle ist der Stolz der Nettershauser. Maria und Helmut Wamerl halten sie als Mesner in Schuss. Der Innenraum ist sehenswert – nicht nur durch den stimmigen Gesamteindruck, sondern auch durch besondere Einzelstücke. Ein Bild darin etwa wurde aus Chicago in den USA geschickt. Rechts zeigt Bruno Grabichler ein Bild mit dem Spruch des alten Schäfers.

Im Inneren finden Besucher nicht nur beeindruckende Wandgemälde, sondern auch Objekte mit einer herausragenden Geschichte. Eines davon ist ein Bild, das seinen Weg aus den USA nach Nettershausen gefunden hat. Wie Johannes Schropp erzählt, kam der Prozess in Gang, als er einen Anruf vom damaligen Stadtpfarrer Hermann Drischberger erhielt: „Er sagte mir, er habe einen Brief aus Chicago, der die Kapelle in Nettershausen betrifft.“ In dem Brief schrieb eine Annemarie Bluhm-Mayer, dass sie die Nichte der Schlossbäuerin und Mesnerin – Maria Wamerls Großmutter – sei. Bluhm-Mayer schrieb weiter, dass sie als Kind in Nettershausen immer ihre Ferien verbringen durfte. Ihr hatte es die Kapelle angetan, in der sie auch die Glocken läuten durfte. „Sie schrieb, dass sie ein Ölbild aus der Raphael-Schule besitzt, das sie der Kapelle spenden wolle.“

Die Kapelle ist der Stolz der Nettershauser. Maria und Helmut Wamerl halten sie als Mesner in Schuss. Der Innenraum ist sehenswert – nicht nur durch den stimmigen Gesamteindruck, sondern auch durch besondere Einzelstücke. Ein Bild darin etwa wurde aus Chicago in den USA geschickt. Rechts zeigt Bruno Grabichler ein Bild mit dem Spruch des alten Schäfers.

Nach einem langen Hin und Her, wie das Bild aus den USA nach Nettershausen kommen soll, kam es endlich an. Allerdings entstanden Zweifel, ob das Bild tatsächlich aus der Raphael-Schule stammt. Schropp kam dazu eine Idee: Er rief beim Bayerischen Rundfunk an, um sich bei der Sendung „Kunst und Krempel“ zu bewerben. Hilfreich war dabei, wie Schropp erzählt, dass die zuständige Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk, Helga Haltenberger, Verwandtschaft in Balzhausen hat. Letztendlich kam es dazu, dass das Bild im Rahmen der Sendung begutachtet wurde – wobei sich herausstellte, dass es sich tatsächlich um ein wertvolles Werk aus der Raphael-Schule handelt. Heute hängt es in der Nettershauser Kapelle, alarmgesichert und geziert mit einer kleinen Tafel, die an die Spenderin erinnert.

Auch eine Sage spielt in Nettershausen – die Geschichte der Hexe vom Karrenberg. Beschrieben wird sie in der Geschichte als heilkundige Frau, die auf dem Karrenberg – einer Anhöhe direkt bei Nettershausen – in einer Hütte lebte. Ihr Äußeres wird in der Geschichte als wenig anziehend beschrieben: gelbbraune Haut, gebückter Gang und Krückstock. Doch wie die Sage offenbart, handelt es sich bei der Hexe um die Tochter eines boshaften Ritters, der sie als Kind töten lassen wollte, wozu es aber nicht kam. Ein Happy End also für die Geschichte – und eine weitere Besonderheit, die sich Nettershausen auf die Fahnen schreiben kann.

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