1. Startseite
  2. Lokales (Krumbach)
  3. Woran es bei der Ausbildung fehlt

Ichenhausen

27.02.2018

Woran es bei der Ausbildung fehlt

Copy%20of%20Ausbildungswoche_Combo_Feb18.tif
2 Bilder
Auf Einladung der Kreishandwerkerschaft Günzburg/Neu-Ulm diskutierten gestern deren Geschäftsführerin Ulrike Ufken (links oben), Christoph Ost (links im oberen Foto, geschäftsführender Gesellschafter Firma Abenstein), Kreishandwerksmeister Michael Stoll (oben rechts), Engelbert Steinle (Mitte rechts, Gesellschafter Abenstein), die Landtagsabgeordneten Alfred Sauter und Dr. Hans Reichhart (im mittleren Foto links), stellvertretende Landrätin Monika Wiesmüller-Schwab, Bürgermeister Robert Strobel und der Unternehmer Wilhelm Lux aus Bühl zum Start der Woche der Ausbildung.
Bild: Bernhard Weizenegger

Firmen aus dem Landkreis erzählen zum Auftakt der bayernweiten Aktionswoche, was aus ihrer Sicht falsch läuft – und wie sie damit umgehen.

Es ist ein gewaltiges Loch, das sich für die Firma Abenstein auftut. Doch dieses Loch kann auch das erfahrene Bauunternehmen nicht so einfach füllen. „Es ist eine komplette Generation, die uns fehlt“, sagt geschäftsführender Gesellschafter Christoph Ost. Die Poliere der Firma, die auf den Baustellen Projekte in einer Größenordnung bis zu vier Millionen Euro steuern, sind alle um die 60 Jahre alt. Doch auch bei anderen Mitarbeitern auf der Baustelle werden die Lücken sichtbar, in den nächsten fünf Jahren werden knapp 20 Stellen zu besetzen sein, rechnet Ost vor. Was das mit der bayernweiten Woche der Aus- und Weiterbildung zu tun hat, die die beiden CSU-Landtagsabgeordneten Alfred Sauter und Hans Reichhart am Montag mit Besuchen bei Abenstein und der Thannhauser Firma Zimmermann eröffnet haben? Eine ganze Menge – denn die Poliere von morgen sind die Azubis von heute.

Es fehlt eine Mitarbeitergeneration

Etwa zehn Jahre dauere es vom Ausbildungsbeginn an, einen geeigneten Mitarbeiter für diese Position aus- und weiterzubilden, schätzt Ost. Er ist sich sicher: „Wir könnten den Umsatz leicht um 20 Prozent steigern, wenn wir genug Leute hätten.“ Der Grund für das Loch, das fehlen der Mitarbeitergeneration, sei die Krise der 90er Jahre, sagt Geschäftsführer Engelbert Steinle. Er ist gerade dabei, nach 35 Jahren sein Unternehmen an Ost zu übergeben. Immerhin hat er einen Nachfolger gefunden, im Handwerk ist das für viele nicht einfach. Was er seinem Nachfolger allerdings nicht mitgeben kann, sind die dringend notwendigen neuen, guten Mitarbeiter – denn da werden die Ressourcen schon bei der Ausbildung knapp.

Ein Problem, das laut Ulrike Ufken, der Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Günzburg/Neu-Ulm, symptomatisch für das Handwerk ist. Zwar stieg in Schwaben und auch im Landkreis Günzburg die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge, sagt Ufken. Doch die Unternehmen müssen viel tun, um die Jugendlichen auch tatsächlich durch die Ausbildung zu bringen. Dazu gehören nicht nur Werbung auf Infobörsen, Auftritte bei Facebook, Preise für gute Noten oder Teamausflüge in die Wakeboard-Anlage. Ost erzählt von Lehrlingen mit schwierigen Ausgangssituationen, die beispielsweise Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben – Vorgesetzte lernen mit ihnen, damit sie ihre Prüfungen bestehen. Oder von Jugendlichen, die aufgrund ihrer ADHS-Erkrankung auch noch mal heimgefahren werden müssen, um die vergessenen Sicherheitsschuhe zu holen.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Nur „Mehr Bildung“ hilft nicht

Und auch von manchen, die gar nicht bis zum Abschluss kommen. „Mehr Bildung“, ein Schlagwort, das gerade nach den schlechten Ergebnissen bei der Pisa-Studie durch die Talkshows geisterte, helfe da nicht weiter, findet Engelbert Steinle. „Bei dieser Diskussion hat man total vergessen, dass es bei uns im Gegensatz zum Ausland das System der dualen Ausbildung gibt. Da einfach mit der Gießkanne ,Mehr Bildung‘ drüber zu verteilen, ist der falsche Ansatz.“

Vielmehr bedarf es mehr und besserer Information, sagt Julian Hertzig, Geschäftsführer der Fleischwerke Zimmermann in Thannhausen. Das Traditionsunternehmen bildet derzeit zwölf junge Menschen aus. „Es könnten auch doppelt so viel sein“, sagt Hertzig. Doch es kommen nur noch wenige Bewerbungen an. Für ihn sei Ausbildung eine „gemeinschaftliche Aufgabe“, sagt Hertzig und blickt dabei auch auf die Schulen, die noch mehr mit den Unternehmen kooperieren müssten. Dabei gehe es weniger um das gemeinsame Ausrichten von Jobmessen, als vielmehr den Austausch untereinander.

Jugendlichen sollen mehr Praktika machen

Die Möglichkeit über ein Praktikum einen Einblick in verschiedene Unternehmen und Berufe zu erhalten, hält Hertzig für essenziell. „Nur wenn wir den jungen Leuten Informationen zur Verfügung stellen, können sie eine Entscheidung treffen.“ Wie sehr ein Praktikum die Entscheidung für oder gegen ein Unternehmen beeinflusst, belegen die Erfahrungen verschiedener Auszubildender der Zimmermann-Fleischwerke, die sie beim Treffen mit den CSU-Landtagsabgeordneten Hans Reichhart und Alfred Sauter gestern in Thannhausen schilderten. Die meisten von ihnen hatten ihre Entscheidung aufgrund eines Praktikums getroffen. Was sie an der Ausbildung schätzen, sind dabei die sogenannten weichen Standortfaktoren wie ein freundliches Umfeld, nette und hilfsbereite Kollegen, aber auch Einblick in viele verschiedene Unternehmensbereiche und individuelle Entwicklungsmöglichkeiten. Geschätzt wird aber auch, wenn frühzeitig Verantwortung auf die Azubis übertragen wird.

Die Tatsache, dass im vergangenen Jahr erstmals mehr Studienanfänger als Auszubildende zu verzeichnen waren, veranlasst Sauter zu der Frage, welche Erwartungen die jungen Leute mit ihrer Entscheidung verbinden. In der Tat gehe es auch darum, das „Bild im Kopf“ zu ändern, Vorurteile gegenüber Handwerks- und Ausbildungsberufen abzubauen und ein Bewusstsein für den Wert und die Möglichkeiten, die einem mit einer Ausbildung offen stehen zu schaffen, sagt Hertzig und bekräftigt: „Die Ausbildung insgesamt hat goldenen Boden.“

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Ausbildungswoche_Combo_Feb18.tif
Ichenhausen

Woran es bei der Ausbildung fehlt

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden