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Interview

09.05.2020

Anne-Sophie Mutter: Freiberufliche Künstler sind in Corona-Not

„Wir sind nicht die Gastronomie, wir sind Einzelkämpfer“: die Geigerin Anne-Sophie Mutter.
Bild: Michael Kappeler, dpa

Plus Die Spitzengeigerin hat ihre Coronavirus-Infektion gut überstanden. Gewohnt kämpferisch legt sie sich nun wieder für die Musik und für soziale Belange ins Zeug.

Wie schlimm war denn Ihr persönlicher Kampf mit dem Coronavirus?

Anne-Sophie Mutter: Ich hatte Glück. Keinerlei Symptome, kein Husten, aber eine sehr große Müdigkeit und 24 Stunden lang auch mal Atemnot.

Aber Atemnot ist doch ein Symptom!

Mutter: Ich glaube, das war mehr mein Kopf – nachdem die Diagnose gestellt worden war. Da fragt man sich dann schon, was passiert als Nächstes, wann ist der Höhepunkt der Krankheit erreicht, was kündigt sich an zwischen harmlos und tödlich? Das ist beklemmend – und ich meinte, keine Luft zu bekommen. Aber als dann meine Schlaflosigkeit wieder kam, wusste ich, ich werde wieder gesund. Mittlerweile bin ich supernegativ getestet, demnächst mache ich auch einen Antikörper-Test. Wer weiß, vielleicht braucht man ja das Ergebnis auf Papier einmal.

Haben Sie in diesen Wochen mehr Zeit? Führen Sie womöglich Ihre Violine zu Hause mehr „spazieren“ als üblich? Kurz, was ist verändert im Tagesablauf?

Mutter: Natürlich habe ich mehr Zeit. In zwei Wochen Quarantäne hat man erstaunlich viel Zeit. Und ich übe weniger als normal. Aber ich befasse mich mit anderen Dingen – auch mit der Frage, wie ich freiberuflichen und notleidenden Musikerkollegen ein effizientes Sprachrohr sein kann. Mein Kollege, der Sänger Matthias Goerne, hatte ja die fabelhafte Idee zu diesem Brandbrief an die Bundesregierung, um jenen zu helfen, die in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht sind. Zwar sind auch Musiker, die unterschreiben wollten, wieder abgesprungen, was ich sehr feige fand, aber Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat ja mittlerweile Hilfe in Aussicht gestellt. Wir sind aber noch lange nicht am Ziel angelangt; ich hoffe noch auf eine öffentliche Diskussion. Die Musiker, vor allem die an der Armutsgrenze, brauchen Übergangsregelungen, Perspektiven – und Regelungen für Konzerte.

Sie wollten nach dem Beethoven-Jubiläumsjahr eigentlich noch einmal ein Sabbatjahr nehmen. Ziehen Sie dieses nun vor, weil das Konzertleben sowieso noch ruht?

Mutter: Durch die vielen Konzertabsagen, die bisher stattgefunden haben und die sich wohl noch bis in den Herbst ziehen werden, ist tatsächlich aus dem Sabbatical im nächsten ein Sabbatical in diesem Jahr geworden. Das habe ich mir nicht so gewünscht, aber: Mein Gott, Leben passiert, während man Pläne macht. Ich versuche das Beste daraus zu machen und die Zeit sinnvoll zu nutzen. Und im Moment bedeutet das für mich, dieses Problem, das die Kunst schon immer hatte in unserer Gesellschaft, nämlich nur dann gehört zu werden, wenn’s bequem ist und eh so nebenher läuft, zum x-ten Mal anzugehen.

"Ich steige regelmäßig auf die Barrikaden"

Ihr Pianistenkollege Igor Levit mischt sich gerne und redlich und couragiert in gesellschaftliche Befindlichkeit ein. Haben auch Sie eine Botschaft, die Ihnen in diesen Tagen besonders am Herzen liegt und weit mehr Menschen angeht als die Anhänger klassischer Musik?

Mutter: Die Botschaft ist immer dieselbe. In Zeiten eines leer gelebten Wohlstands ist es wichtig, dass wir woanders hinschauen. Und jetzt haben wir Corona fest im Blick, aber das ändert nichts daran, dass 400 Millionen Kinder in kriegsähnlichen Umständen leben, das ändert nichts am Flüchtlingsdesaster in Griechenland, nichts daran, dass es im Jemen Covid-19-Fälle unter den Kindern gibt. Da brennt es genauso. Darum bin ich insbesondere mit „Save the children“ und den SOS-Kinderdörfern ganz eng verlinkt, sowohl als Privatspenderin als auch als Musikerin, Botschafterin und als Stifterin für rumänische Kinderheime. Wenn man sich meine Benefiz-Tätigkeit anschaut, zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben, dass ich für Kinder, für Alte und Menschen mit besonderen Bedürfnissen immer leidenschaftlich und regelmäßig auf die Barrikaden steige.

Sind Stream-Hauskonzerte auch für Sie eine Option im Sinne von trotzdem musizieren, trotzdem sich zu Wort melden?

Mutter: Ich melde mich jetzt zu Wort, indem ich es als sinnvoll erachte, für die Rechte und Nöte der Freiberufler zu sprechen – und um zu helfen, damit wir nicht über den Rand der Existenz geschubst werden und uns nicht die Würde genommen wird. Man darf uns nicht vergessen. Das Streamen kann machen wer will, ich sehe meine Aufgabe darin, durch unangenehmes Auffallen, durch aufmüpfiges Reden die Politiker zu bedrängen, und darin, dass wir Künstler uns formieren. Wir sind nicht die Gastronomie, wir sind Einzelkämpfer. In der Demokratie muss man jetzt eben auch mal aufstehen und laut werden.

"Der Mensch ist zu ungeheuren Höhenflügen fähig"

Wie denken Sie, auch als Freundin der Bildenden Künste, über die Frage, ob der ideelle Wert, der ideelle Kurs der Kunst gerade in Krisenzeiten steigt?

Mutter: Diese Krise wird vielleicht, wenn ich jetzt optimistisch sein möchte, am Ende zu dem Philosophen Seneca zurückführen, der erklärte: „Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang“ – und zu der Nietzsche-Erkenntnis, dass ein Leben ohne Musik ein Irrtum ist. Der Mensch ist eben auch ein spirituelles, geistiges Wesen. Der Mensch ist zu ungeheuren geistigen Höhenflügen fähig. Und er ist auch fähig, den anderen als Teil seiner selbst zu erkennen. Aber das geschieht nur, wenn wir Musik live erleben.

Wenn Sie am 22. September im Vorfeld des Festivals der Nationen in Bad Wörishofen Ihr im April ausgefallenes Konzert nachholen, stehen drei Beethoven-Violinsonaten mit Lauma Skride am Klavier auf dem Programm. Wie kam die Auswahl zustande?

Mutter: Mit blutendem Herzen habe ich mich entschieden, im zweiten Teil die Kreutzer-Sonate zu spielen und nicht das elegische Opus 96. Die Kreutzer-Sonate steht exemplarisch für jene Gleichstellung der Geige gegenüber dem Klavier, die Mozart in seinen letzten Sonaten bereits angeregt hatte und die Beethoven schon in Opus 23 und Opus 24, also der Frühlingssonate, gelungen ist. Diese sind im ersten Teil zu hören. Das sind schon Quantensprünge in der Kompositionsgeschichte, die mir, als Geigerin, aufzuzeigen wichtig sind.

Ist es ungehörig, zu fragen, ob es eine geigerische Eigenschaft bei einer Ihrer Kolleginnen oder einem Ihrer Kollegen gibt, die Sie auch gerne hätten? Es gibt ja auch unter Spitzenmusikern Fähigkeiten oder Komponisten-Affinitäten, die der eine etwas mehr, der andere eine Spur weniger besitzt.

Mutter: Ich muss gestehen, ich kenne nicht alle Geiger der Vergangenheit und Gegenwart – aber es gibt immer wieder Aspekte, die ich über alle Maßen bewundere. David Oistrach ist nach wie vor der Geiger, den ich von allen – die ich kenne – am meisten bewundere: edel, leidenschaftlich, perfekt im besten Sinne des Wortes. Und ich bewundere Gidon Kremer ob seiner Fähigkeit, sich zeitgenössische Musik – mühelos wie es scheint – zu eigen zu machen. Sein Uraufführungsvolumen ist großartig und vorbildhaft. Ich wünschte, die jüngere Generation unter meinen Kollegen würde da mal ein bisschen fleißiger werden.

Ovationen sind Sie gewohnt, und sie haben ihren Grund. Aber gab es schon einmal nach einem Ihrer Auftritte so etwas wie Befremden oder gar erkennbare Ablehnung Ihrer Leistung?

Mutter: Also manchmal spürt man schon, dass es unruhig wird im Publikum, wenn man zeitgenössische Musik spielt.

Verzeihung, nicht Befremden gegenüber einem erklingenden Werk war gemeint, sondern sozusagen gegenüber Ihrer Tagesform.

Mutter: (lachend) Also so schlecht... Nein... Also entweder habe ich das erfolgreich verdrängt, das ist natürlich möglich, oder ich erinnere mich nicht... Nein, ich erinnere mich nicht. Es gibt natürlich Konzerte, bei denen man das Beste gegeben hat, aber einfach nicht das erreicht hat, was erreichbar wäre. Wenn man gut vorbereitet war und sich nicht zur Last legen kann, dass man leichtsinnig auf die Bühne gegangen ist, dann muss man sich auch so eine Tagesform verzeihen können.

"Filmmusik mit Niveau ist bewundernswert"

Sie als Cineastin setzen sich stark für die Filmmusik von John Williams ein. Nun hat der deutsche Filmemacher Werner Herzog vor wenigen Monaten erhebliche Einwände gegen Filmmusik Hollywoods formuliert. Sie sei rein funktional, sie beeinflusse und steuere Menschen auf bedenklich suggestive Weise. Wie denken Sie darüber?

Mutter: Das ist seine persönliche Meinung, die ich nicht teile. Ich bewundere John Williams, ich bewundere aber Filmmusik nicht in toto, weil sie sich oft in Gefühligkeit, Gefälligkeit und in Hintergrundmalerei zurückzieht. Da sehe ich absolut Grund zu Kritik, und da kann ich auch Werner Herzog folgen. Aber ich bin nicht generell seiner Meinung, dass diese Musik verdammenswert und obsolet ist. Wenn ein Komponist wirklich dazu fähig ist, Hauptfiguren und ihren Biografien Tiefe zu geben, dann ist das zum einen keine Absage an die Qualität des Films und zum anderen eine große Kunst, die den Film in positiver Weise gestaltet. Und wenn wir die Entstehungsgeschichte der Filmmusik in den 30er, 40er, 50er Jahren betrachten, dann sehen wir ganz Europa in Hollywood, gezwungenermaßen. Dadurch ist Filmmusik entstanden, und dieses Niveau wünsche ich mir, und das ist auch unbedingt bewundernswert.

Sie kämpfen seit Jahren auch für eine bessere musikalische Ausbildung der Jugend. Jüngste Statistiken verweisen diesbezüglich eher auf eine Zunahme unzureichender Verhältnisse. Was begreifen die entscheidenden Politiker in den Bundesländern – mal mehr, mal weniger – nicht?

Mutter: Wenn wir einen Musiklehrermangel haben, wenn dem tatsächlich so ist, kann es nur an der miserablen Bezahlung liegen, an dem sozialen Status, der unter null ist, am Belächeln des Kunst- und Musiklehrers in unserer Gesellschaft. Kultur wird nicht begriffen als Teil des Menschen und des Menschwerdens. Solange nicht ein Umdenken in der Gesellschaft passiert und wir nicht weg vom leeren Kommerz hin zum Grundnahrungsmittel Literatur, Bildende Kunst und Musik flächendeckend zurückfinden, wird es immer schlimmer werden und wird der Nachwuchs ausbluten. Wenn ich meine Stiftung anschaue: Wie viele deutschsprachige Musiker unterstütze ich? Nicht mal eine Handvoll. Ich habe großartige Musiker. Natürlich aus China, natürlich aus Korea, natürlich aus Osteuropa. Aber deutschsprachige Musiker? Ich weiß nicht, wo diese Musiker sind! Es wird einfach nicht früh genug gefördert. Je weniger relevant die Kunst und Musik im öffentlichen Leben ist, umso ärmer wird das Land der Dichter und Denker. Und wenn wir aus der Krise rauskommen, dann kann man nicht einfach den Schalter umlegen. Die vielen Freiberufler, die inzwischen andere Jobs annehmen mussten, um zu überleben, sind dann weg. Verloren for ever.

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